Donnerstag, 7. Januar 2016

Herzog und Klavierbauer - zwei Braunschweiger in Waterloo

Ich habe über Weihnachten die beiden Bücher von Marian Füssel und Johannes Wilms über die Schlacht von Waterloo gelesen. Danach habe ich ein bisschen gestaunt, warum es in Braunschweig – im Gegensatz zu Hannover – so wenig Waterloo-Folklore gibt, obwohl doch Hannoveraner und Braunschweiger in der Schlacht auf englischer Seite unter dem Kommando Wellingtons gekämpft haben. Und immerhin ist in dem Gefecht von Quatre Bras, in dem eine Vorentscheidung für Waterloo fiel, weil es den Franzosen unter Ney nicht gelang, die strategisch wichtige Straßenkreuzung bei dem Ort zu besetzen, der Herzog von Braunschweig gefallen.
Porträt Friedrich Wilhelms aus dem Jahre 1809 von Johann Christian August Schwartz.

Nach diesem war immerhin das Lokal "Zum Schwarzen Herzog" an der Celler Straße benannt, das es in den Achtzigerjahren noch gab. Seine Statue stand lange an der Kurt-Schumacher-Straße, in der Nähe des Löwenwalls, wo auch auf dem Obelisk an ihn erinnert wird. Nun steht sie immerhin wieder vor dem neuen Schloss zentral in der Innenstadt. Es gibt auch eine kleine Waterloo-Straße in der Nähe des Nussbergs im Östlichen Ringgebiet.

Aber ich bin in Braunschweig zur Schule gegangen, ohne jemals zu erfahren, dass Braunschweiger Truppen in Waterloo mitgekämpft haben. Ich wusste nicht, dass der Friedrich-Wilhelm-Platz nach dem Schwarzen Herzog heißt und erst recht nicht, dass er sich zuvor in einem Gefecht bei Ölper, also bei mir in Veltenhof gleich um die Ecke,  mit seiner Schwarzen Schar gegen eine dreifache Übermacht der Franzosen behauptet hatte. Mir war auch nicht klar, dass Georg Ludwig Korfes, Johann Elias Olfermann und Friedrich Ludwig von Wachholtz Persönlichkeiten aus der Zeit der napoleonischen Kriege waren, nach denen in Braunschweig Straßen benannt sind. Auch über den Zusammenhang der Husarenstraße mit dieser Zeit habe ich nie etwas erfahren.

Vielleicht ist der Missbrauch, den man mit dem Schwarzen Herzog zu Zeiten deutschnationaler Aufwallungen getrieben hatte, schuld daran, dass man in den Siebzigerjahren solchen Anekdoten misstraute. Er, der sich den Franzosen nie ergab, sondern nach England floh, nachdem er bis 1809 gegen Napoleon gekämpft hatte, wurde zum Symbol unbeugsamen Widerstands auch in ausweglosen Situationen – quasi ein wandelndes Kolberg. Das gefiel noch den Nazis.

Aber Wilms erklärte auch, warum generell in Deutschland die Erinnerung an Waterloo nie so stark war wie in Großbritannien: Während der Sieg Englands Weltmachtposition für das ganze Neunzehnte Jahrhunderte festigte, erfüllten sich deutsche und speziell preußische Hoffnungen auf eine dauerhafte Schwächung Frankreichs oder gar auf Gebietsgewinne nicht. Man pflegte deshalb hierzulande eher die Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig, durch die die Franzosen aus Deutschland vertrieben wurden.

Immerhin beginnt man allmählich offenbar, sich der Gestalt des Schwarzen Herzogs wieder etwas unbefangener zu nähern. Seit den Neunzigerjahren (da war ich schon weg) braut Wolters (wieder) das Bier "Schwarzer Herzog", es gibt einen Verein, der Militaria aus der Zeit in Originaluniformen nachspielt (ich möchte das hässliche Wort Reenactment vermeiden) und zum zweihundertsten Todestag von Friedrich Wilhelm gab es eine große Ausstellung im Landesmuseum. Dort kan man auch einen Kühlschrankmagneten mit dem Porträt des Herzogs von Schwartz kaufen.

Mathieu Ignace van Brée - Herzog Friedrich Wilhelm auf dem Totenbett - 1815
Füssel erzählt noch eine unwiderstehliche Saga über einen ganz anderen berühmten Braunschweiger in Waterloo: "Zwischen 20.30 Uhr begannen die Briten mit einem generellen Vormarsch. Als einziger noch aktiver Signaltrompeter blies der 18-jährige Heinrich Engelhard Steinweg (1797-1871) aus dem Freikorps des Herzogs von Braunschweig zum Angriff. In New York gründete dieser Steinweg 1854 mit seinen Söhnen übrigens das renommierte Klavierbauunternehmen Steinway & Sons." Zuvor hatte er schon 1835 das hatte noch existierende Klavierbauunternehmen Grotrian-Steinweg gegründet.

Ich musste 54 Jahre alt werden, um in Berlin solche tollen Braunschweiger Geschichten zu entdecken.

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