Freitag, 25. September 2015

Fontanes "Linguistic Turn"

Nach "Ulysses", "Narciß und Goldmund" und "Anton Reiser" habe ich die Rekonvaleszenz und das Leseverbot nach der Augenoperation nun auch noch genutzt, um mir Fontanes "Der Stechlin" komplett anzuhören. Für mich war frappierend und besonders interessant, dass die Figuren darin ständig über Sprache reflektieren. Fünf Jahre vor Hofmannsthal Chandos-Brief wird die Sprache im "Stechlin" geradezu penetrant zum Thema. Dauernd wird vermerkt, dass ein Wort neu oder alt ist, dass neuerdings (Ende des 19. Jahrhunderts) englische Ausdrücke die französischen verdrängen, dass ein Wort einer bestimmten sozialen Sphäre angehört (Dubslaw nennt einmal "ausbaldowern" ein "Wort aus der Diebssprache") – eine Figur, die dieser Sphäre nicht angehört, es aber trotzdem verwendet, und sogar die gesellschaftliche Aura von Namen wird an einigen Stellen thematisiert. Laut Auskunft meines KollegenTilman Krause ist das eine Spezialität des späten Fontane. Sollte ich jemals eine Doktorarbeit schreiben, wäre Fontanes "Linguistic Turn" sicher ein Thema. Aber wahrscheinlich hat darüber längst jemand geschrieben. Für Hinweise bin ich dankbar.

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