Donnerstag, 11. Juli 2013

Was hat Stefan Bachmann mit Ayn Rand vor?

Stefan Bachmann wird zum Beginn seiner Intendanz am Schauspiel Köln im Oktober  "Der Streik" inszenieren, ein Stück das auf dem Roman "Atlas Shrugged" der Schriftstellerin Ayn Rand basiert. Die in Russland geborene, in Amerika zur glühenden Propagandistin des Kapitalismus gewordene Rand imaginiert in ihrem 1957 erschienen Buch einen Streik der Unternehmer, der zum Zusammenbruch der USA führt. ",Der Streik'  ist ein wirtschaftspolitisches Positionspapier im Gewand eines Gesellschaftsromans", schrieb Felix Stephan vor knapp einem Jahr in der "Zeit", als das in den USA drei Millionen Mal verkaufte Buch auch hierzulande wieder einmal Thema wurde, weil der Vizepräsidentschaftskandidat Paul Ryan sich als Verehrer von Ayn Rand bekannt hatte. Im republikanischen Lager bewegt er sich damit durchaus im Mainstream.  Der legendäre Chef der Federal Reserve Bank, Alan Greenspan, ist sogar noch persönlich mit Ayn Rand bekannt gewesen.

Bachmann ist nicht der erste deutsche Theatermacher, der sich dieser Frau, die als Figur und Phänomen interessanter ist als als Schriftstellerin, annimmt: 2011 haben Jürgen Kuttner und Tom Kühnel im Deutschen Theater "Capitalista, Baby!" inszeniert, das auf Rands anderem in den USA berühmten und 1949 bereits erstmals verfilmten Roman "The Fountainhead" beruhte. Es war eine eher witzig-distanzierte Annäherung.

Bachmann ist durchaus zuzutrauen, dass er Rand ernster nimmt. Er hat schon einmal leise gegen den linksliberal-ironischen Grundton der deutschsprachigen Theater rebelliert, als er mehrere Stücke des katholischen Bekenntnisautors Paul Claudel inszenierte, zuerst 2003 "Der seidene Schuh" in Basel, dann 2007 im Berliner Maxim-Gorki-Theater "Die Gottlosen".

Was Bachmann mit seiner Ayn-Rand-Inszenierung bezweckt, bleibt vorerst noch offen. Generell kann man sagen, dass von dieser in Deutschland weitgehend ungelesen gebliebenen Schriftstellerin eine ähnliche Faszination ausgeht wie von Ernst Jünger – man kann mit einem Bekenntnis zu ihr so wunderbar die linksliberale Gedankenpolizei provozieren.

Bachmanns Inszenierung hat aber vor allem eine theaterpolitische Pointe: Seine Vorgängerin als Intendantin in Köln, Karin Beier, ließ zu Beginn ihrer Amtszeit 2008 ebenfalls ein Streik-Stück aufführen, es hieß "Fordlandia" und behandelte den wilden Streik der türkischen Arbeiter bei Ford in Köln 1973. Inszeniert wurde es allerdings nicht von Beier selbst, sondern – wie "Capitalista, Baby!" von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel. Beier wollte mit der Aufführung türkischstämmige Zuschauer fürs Theater interessieren. Welche Zielgruppe Bachmann im Auge hat, ist unkar. Die Zahl der Rand-Fans in Deutschland hält sich in engen Grenzen. Die letzte Verfilmung von "Atlas Shrugged" war 2011 hierzulande ein noch größerer Flop als in den USA. "Der Streik" war lange auf Deutsch vergriffen, bis es der Rand-Fan Kai M. John neu übersetzen ließ und im eigens dafür gegründeten Verlag veröffentlichte. Die Amazon-Rezensionen lesen sich wie die Bekehrungsberichte von Sektenmitgliedern.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen