Sonntag, 14. Juli 2013

München leuchtet grauschwarz


Wer seinen Protagonisten, einen gerade aus dem Gefängnis entlassenen Ex-Häftling, "Franz" nennt, tritt damit in überlebensgroße Fußstapfen – nicht nur in die von Alfred Döblin, der die Geschichte seines Titelhelden Franz Biberkopf in "Berlin Alexanderplatz" damit beginnen lässt, dass die Knasttüren in Tegel sich hinter ihm schließen und er wieder draußen ist, sondern auch in die von Rainer Werner Fassbinder, der Döblins Roman 1980 als 13-Teiler für den WDR verfilmt hat – mit das Beste, was jemals mit deutschen Gebührengeldern bezahlt wurde.

Just zu dieser Zeit spielt auch Frank Schmolkes Graphic Novel "Trabanten", ihr Schauplatz ist die Fassbinder-Stadt München und ihre Handlung eine melancholiche Hymne auf einen einsamen proletarischen Außenseiter, der im Grunde von Anfang an verloren ist. Es gibt auch einen Kommissar, der mehr ein resignierter Mittelsmann zwischen den Sphären und zugleich ein väterlicher Verbrecher-Versteher vom Schlage Maigrets ist als ein realistischer Bulle. Bei Schmolke kommt obendrein noch ein Schuss Punk-und-New-Wave-Gefühl dazu – von diesen Ende der Siebzigerjahre aus New York und London herübergeschwappten Einflüssen wurde der 1982 gestorbene Fassbinder ja nicht mehr berührt.

Die Geschichte um den Ex-Knacki Franz Huber (hier eine Leseprobe), der – kaum in Freiheit  – Ärger mit dem ebenso fetten wie brutalen Bruder eines tödlich verunglückten Kumpels und dessen übergewichtiger Schlägertruppe bekommt, ist vordergründig recht einfach: Franz bekommt die Nase gebrochen und sieht jetzt aus wie Burkhard Driest. Franz lernt eine kurzhaarige Studentin vom Typ "junge Inga Humpe" kennen und hat ein Verhältnis mit ihr. Sein bester Freund, ein Punk, wird von den Fetten fast totgeschlagen, aber Franz will trotzdem weiter nichts mit der Polizei zu tun haben, aus Angst, wieder in den Bau zu müssen. Am Ende kommt es zum Showdown auf dem Rohbau des Pharao-Hauses, einem 18-stöckigen Hochhaus in Unterföhring. Das ist, glaube ich, ein Anachronismus: Das Haus wurde schon 1974 fertiggestellt, lange vor Beginn von Franz' Geschichte.

Einen Zug ins Magische bekommt die Story durch Franz' Faszination für den amerikanischen Maler Jackson Pollock. Seine wachsende Besessenheit durch die wild-abstrakten Pollock-Gemälde leitet die Metamorphose des Franz Huber ein: Am Ende wird er selbst zu einem Pollock, ungreifbar für Freund und Feind. Man erinnere sich, dass Ende der Achtziger auch Christoph Ransmayrs Roman "Die letzte Welt" über den "Metamorphosen"-Dichter Ovid erschien: das München in "Trabanten" sieht genauso grauschwarz, gottverlassen und einsam aus wie das Tomi (heute Constanta) am Schwarzen Meer, in das Ovid verbannt wurde.

Ein tolles Buch, für meinen Geschmack ein klein wenig zu steif gezeichnet, aber diesen Mangel  – wenn er denn ein realer ist  – lässt die Geschichte leicht vergessen.

Kommentare:

  1. Danke für die tolle Kritik, Matthias!
    Interessante Parallelen. Besonders das mit Döblin und Ovid hat mir gefallen.
    Ich muss nur noch den Anachronismus auflösen.
    Das Pharao war eigentlich 74 schon fertiggestellt, blieb aber bis in die frühen 80er in den oberen Etagen Baustelle. Ein idealer Ort um mal eben vom Dach zu fallen.

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  2. Danke für den Hinweis. Lobende Worte können – falls gewünscht – übrigens gerne mit der Quellenangabe "Matthias Heine, Die Welt" zitiert werden. Ich bin z. Z. in Elternzeit und habe deshalb keine Gelegenheit im "offiziellen" Medium über das schöne Buch zu schreiben.

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    1. Oh, wie schade! Lobende Worte zitiere ich immer gerne! Viel Freude noch in der Elternzeit. Habe ich auch mal gemacht, 3 Jahre, das war definitiv zu lang. ;)

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  3. Zwei Monate können einem auch ganz schön lang vorkommen... Aber drei Jahre? Uuuh, heftig.

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