Montag, 8. April 2013

Was "Anonymous" Margaret Thatcher verdankt


Irgendwann in den frühen Achtzigerjahren ließ sich Paul Weller, der damals gerade The Jam aufgelöst und Style Council gegründet hatte, für ein Miniposter auf der Rückseite des sehr intelligent gemachten britischen Pop-Magazins "Smash Hits" (hier ein Interview, das diese britische "Bravo" 1987 mit Margaret Thatcher führe) mit George Orwells "1984" in der Hand fotografieren. Für ihn, wie für viele andere Linke, schien England während der Regierungszeit Margaret Thatchers direkt auf dem Weg in eine totalitäre Autokratie, wie sie Orwells pessimistische Zukunftsvision ausgemalt hatte. Rückblickend erscheint einem das recht seltsam, denn Orwell hatte ja eine sozialistische Antiutopie mit einem starken Staat gezeichnet –  also genau das, was Margaret Thatcher verhindern wollte.

Doch auch schon damals gab es Leute, denen Wellers Posing mit dem abgedroschenen Klassiker und sein versonnen leidselig zum Himmels gerichteter Blick lächerlich vorkamen. Sogar dem auch nicht gerade thatcheristisch gesinnten Morissey. Einige Zeit später ließ sich der Smiths-Sänger in genau der gleichen Pose wie Weller für "Smash Hits" fotografieren – allerdings mit "1985" von Anthony Burgess.

 Burgess Buch war 1976/77 entstanden, zwei bis drei Jahr vor der ersten Wahl von Margaret Thatcher zur britischen Premierministerin. Darin schilderte der katholische Außenseiter Burgess ein England, das im Würgegriff allmächtiger Gewerkschaften, die beim geringsten Anlass streiken, erstickt. Die Frau des Protagonisten stirbt, weil die Feuerwehrleute die Arbeit niedergelegt hatten, als in dem Krankenhaus, in dem sie lag ein Brand ausbrach. "Lass sie nicht damit davonkommen!" sind die letzten Worte seiner Frau – es ist ein bisschen als hätte auch Maggie Thatcher diesen Schlachtruf vernommen. Das Morrissey-Poster war also ein sehr schön parodistische Antwort auf das Weller-Bild und die apokalyptische Sicht auf die politische Entwicklung, die darin zum Ausdruck kam.

Zur Ehrenrettung Wellers muss allerdings gesagt werden, dass er mit seinen düsteren Visionen damals keineswegs allein stand. Die Zahl der Popsongs, in denen Margaret Thatcher als finster-entschlossene Zerstörerin der Demokratie und Volkswohls angeklagt wird, sind Legion. Und auch eines der größten Comic-Kunstwerke der Achtzigerjahre wäre ohne die Paranoia, die damals viele linke und liberale Künstler erfasst hatte, nie entstanden.

Alan Moores Graphic Novel "V wie Vendetta" schilderte von 1982 bis 1989 ein England, das in den späten Neunzigerjahren dem Faschismus erlegen ist – ansonsten sieht es der damaligen Gegenwart aber zum Verwechseln ähnlich, der technologische Fortschritt ist offenbar völlig zum Erliegen gekommen. Vermutlich deshalb, weil der Machtübernahme der Faschisten ein Atomkrieg vorausgegangen ist. Den Atomkrieg erwartete man in den frühen Achtzigern geradezu stündlich.

Das Regime in "V for Vendetta" wird von einem anarchistischen Partisanen bekämpft, der nach und nach Regierungsgebäude in die Luft sprengt. Der Mann verbirgt sein Gesicht unter einer Maske wie sie englische Kinder am Guy-Fawkes-Day tragen, dem 5. November, der in Großbritannien traditionell mit Feuerwerk begangen wird. Sie ist dem Gesicht des katholischen Attentäters Guy Fawkes nachempfunden, der am 5. November 1605 das Parlament in London sprengen wollte.

Die Maske, die bis vor wenigen Jahren ein außerhalb der Insel kaum bekanntes Requisit der britischen Folklore war, ist mittlerweile ein globales Accessoire des antikapitalistischen Widerstands geworden. Dazu trug wesentlich die Verfilmung von "V for Vendetta" bei, die die Wachowski-Brüder 2002 drehten. Von dort übernahm sie zuerst die Hackergruppe "Anonymous" als ihr Wahrzeichen. 2009 sah man die Maske erstmals häufiger im Zusammenhang mit "Anonymous"-Aktionen. Mittlerweile hat sie sich von "Anonymous" und deren frühen Aktionen für Netzfreiheit gelöst und ist zu einem allgemeinen Symbol der Protestkultur geworden. Vereinzelt sah man sie sogar beim arabischen Frühling. In den letzten Tagen wurde sie allerdings wieder verstärkt mit "Anonymous" in Verbindung gebracht. Deren Ankündigung, Israel ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag mit Hackerangriffen "auszulöschen" führte dazu, dass Bilder einer Guy-Fawkes-Maske mit Hitlerbart im Netz kursierten.

"Anonymous" verdankt sein Reklameschild also Margaret Thatcher. Denn ohne die Depression, die in den Thatcher-Jahren die britische Linke erfasst hatte, wäre "V wie Vendetta" nie entstanden. Allerdings sieht Alan Moore seine prophetischen Gaben mittlerweile selbstironisch-kritisch. Der von ihm und seinen Zeichner David Lloyd vorhergesagten faschistischen Diktatur sollte nämlich zuerst ein Wahlsieg der Labour-Party unter Michael Foot 1983 vorausgehen: "Diese schlichte Tatsache ... sollte jedem zeigen, wie verlässlich wir in unsere Rolle als Kassandras waren", schrieb Moore in einer Einleitung zur amerikanischen Buchausgabe von "V for Vendetta" 1990. Im gleichen Jahr trat Thatcher als Premierministerin zurück. Und der Faschismus war in England ferner denn je.                                                  


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