Montag, 3. September 2012

Tod und Stoppelfeld


Ist das Getreide schon todreif? Das ist die Frage, die im Spätsommer und Herbst die Bauern bewegt. Jenes Wort, das klingt wie eine Prägung von Paul Celan bezeichnet den Zustand, den das Korn erreichen muss, um von einem Mähdrescher geerntet werden zu können. Alle, die niemals ein Stoppelfeld betrachten konnten, ohne an den Tod zu denken, dürfen sich bestätigt fühlen.

Das Bild des Skelettmannes, der mit der Sense die Menschenleben verkürzt, ist ein vertrauter Anblick in den Totentanzdarstellungen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Schöner als im Kirchenlied „Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, hat Gewalt vom höchsten Gott“. ist der Sensenmann nie besungen wurden. Den Zusammenhang zwischen Feld und Tod stiftet schon der Prediger Salomos im Alten Testament, wo es in ein und demselben 2. Vers heißt: „Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit.“ Als das vor bald 3000 Jahren geschrieben wurde, wurden Schlachten übrigens tatsächlich gern auf abgernteten Stoppelfeldern geschlagen, nicht nur, weil die griechischen Hopliten als Bauernkrieger, nur Krieg führen konnten, wenn gerade weder Pflanz- noch Erntezeit war.

Todreife Getreidefelder prägen aber auch noch die Bilder vom deutschen Vormarsch beim „Unternehmen Barbarossa“ 1941. Kein gutes Omen: Wenn die Felder reif oder gar abgerntet sind, ist man als Invasor zu spät nach Russland einmarschiert. Das bekam schon Napoleon 1812 zu spüren. Über die Schlacht von Borodino schreibt Fontane in „Vor dem Sturm“ aus der Sicht eines auf napoleonischer Seite kämpfenden Deutschen: „Die Sonne, eben aufgegangen, hing wie eine rote Kugel über einem Waldstrich am Horizont und sah auf das kahle Plateau hinunter, das sich, halb Brache, halb Stoppelfeld, in bedeutender Tiefe, aber nur etwa in Breite einer halben Meile, vor uns ausdehnte.“

Borodino war am 7. September vor genau 200 Jahren und die französischen Sieger ahnten noch nicht, dass die Kälte und die Kosaken sie bald todreif ernten würden wie das Wintergetreide.

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