Dienstag, 4. September 2012

Bruce Willis hätte lieber Platten kaufen sollen

Alle Lust will Ewigkeit. Auch die Lust an der Musik. In der Schallplattenära versuchten Musikliebhaber ihre Tonträger durch Nassabspielen zu schonen - und ruinierten sie dadurch erst. Andere nahmen jede Schallplatte auf Kassette auf und hörten nur diese, um ihre LPs nicht der Abnutzung durch Diamantnadeln auszusetzen. Solche Probleme hat der Musikliebhaber im Zeitalter verschleißfrei digitalisierter Lieder nicht mehr. Dafür drohen heute ganz andere Abgründe, seine Musik zu verschlingen.



Solch ein Schlund hat sich vor Bruce Willis aufgetan. Der Schauspieler ist zwar erst 57 Jahre alt. Aber offenbar macht er sich als verantwortungsvoller Vater schon Gedanken über den Tod und all die Dinge, die vorher noch geregelt werden müssen. In diesem Zusammenhang hat er offensichtlich zum ersten Male das Kleingedruckte in den Geschäftsbedingungen von iTunes gelesen. Und ihm ist klar geworden, was auch den meisten weniger prominenten Besitzern digitaler Musikbibliotheken nicht bekannt sein dürfte: Das Eigentumsrecht an den Dateien, die bei iTunes gekauft wurden ist beschränkt auf die Lebenszeit des Käufers. Wenn dieser das Zeitliche segnet, gehören die im Laufe seines Daseins erworbenen Lieder (oder Filme oder Bücher) wieder der Firma Apple.


Willis will sich das nicht bieten lassen. Wie „Daily Mail“ berichtet, erwägt der „Die Hard“-Star nun verschiedene rechtliche Alternativen, die es ihm ermöglichen sollen, seine umfangreiche digitale Musiksammlung legal an seine drei Töchter Rumer, Scott und Tallulah zu vererben. Angeblich besitzt der Hobbyrocker (1987 hatte er einen kleinen Hit mit seiner Version des Soulklassikers „Under the Boardwalk“ von den Drifters) tausende Stunden von Musik auf diversen iPods.


Seine Anwälte überlegen entweder die Bildung eines „Familientrust“, der als Eigentümer der Dateien auftritt oder - wesentlich spektakulärer - eine Klage gegen Apple. Andere Sammler sind da schon weiter. In fünf US-Staaten sind Klagen von Leuten anhängig, die erweiterte Möglichkeiten, gekaufte Musik zu teilen, erstreiten wollen. Willis erwägt, diese Klagen zu unterstützen. Sein Anwalt Chris Walton gibt sich aber noch ganz friedfertig: „Die Gesetze werden angepasst werden, aber idealerweise sollte Apple seine Geschäftsbedingungen ändern und die beste Lösung für seine Kunden finden.“


Der Streit wirft einige Grundsatzfragen auf. Manche davon sind zwischenmenschlicher Natur. Was stimmt Bruce Willis eigentlich so optimistisch, dass seine Töchter überhaupt Wert darauf legen, Papas Sammlung, zu bekommen, die vermutlich überwiegend aus gut abgehangenen Rockklassikern besteht? Andere sind eher netztheoretischer Art: Woher nimmt Willis eigentlich den grenzenlosen Optimismus, anzunehmen, dass in 20 oder 30 Jahren die digitalen Musikformate von heute nicht total rückständig oder sogar völlig inkompatibel mit allen dann bekannten Wiedergabegeräten sind? Wer je erfahren hat, wie mühselig es ist, solche Daten auch nur von einem sieben Jahre alten Applerechner auf ein iPad migrieren zu lassen, wird Willis hoffnungsfrohen Blick in die Zukunft naiv finden. Wer sagt, dass MP3s oder WAVs in 20 Jahren noch irgendein anerkannter Standard sind? Und wer, dass es die Firma Apple noch gibt?

Wer seine Musik und seine Lektüre vererben will, der muss Schallplatten und gedruckte Bücher horten. LPs von Anfang der Sechzigerjahre, als diese Medium gerade erfunden worden war, lassen sich völlig problemlos auf jedem in den letzte 50 Jahren hergestellten Plattenspieler abspielen. Und Bücher aus dem 19. Jahrhundert lassen sich aufschlagen und lesen, ohne das man sie erst umformatieren muss. Deshalb haben sie im Gegensatz zu Digitaldateien auch einen Wiederverkaufswert: Sollten die Erben nach dem Tode eines Plattensammlers keinen Wert auf dessen Sammlung legen, können Sie diese einigermaßen profitabel verkaufen. Der Wert vor allem der in kleinen Auflagen hergestellten Platten der jüngeren Zeit - die ja eigentlich eine Post-Vinyl-Ära ist - ist parodoxerweise ziemlich konstant. Oft kriegt man auf dem Flohmarkt, bei Ebay oder Discogs noch das, was man vor ein paar Jahren selbst gezahlt.

Bruce Willis mag sich zwar die teuersten Anwälte leisten können. Bei seinen musikalischen Investitionen ist er aber ganz offensichtlich schlecht beraten worden.

Kommentare:

  1. Was für ein unsinniger Artikel.

    Mal abgesehen von dem journalistisch eher dünnen Anlass, einer von britischen Boulevard-Meiden verbreiteten Ente (siehe bildblog), ist die hier aufgefahrene Argumentation schon arg verwurbelt.

    Dem behaupteten Bruce Willis, der ja schon eine interessante rechtliche Frage aufwirft, geht es doch viel mehr um die Weitergabe seines Eigentums, welches er käuflich erworben hat. In Zeiten einer sehr heiß geführten Diskussion um geistiges Eigentum geht es doch eben gerade nicht um das Medium, auf dem sich dieses Eigentum befindet. Genau dass führt der Autor hier aber als Grundlage seiner snobistischen Argumentation an. Als wenn die Musik weniger wert ist, wenn sie sich auf einem veralteten Medium befindet. In diesem Text sind so viele falsche Annahmen, so viele Ungenauigkeiten und tumbe Klischees, dass es weh tut. Schonmal was von Konvertieren gehört (sicher lässt sich über den Qualitätsverlust trefflich streiten, aber ich bin zum Beispiel mit dem Überspielen von MCs auf digitale Medien groß geworden um eben genau die darauf enthaltenen Inhalte für mich zu erhalten. Wem das zu wenig ist, der muss sich die Musik tatsächlich neu kaufen. Aber darauf einen Verzicht auf einen erworbenen Wert abzuleiten ist absurd).

    Und die Mutmaßung, was sich wohl für Musik in Bruce Willis' Plattensammlung befindet, hergeleitet aus seinem Alter, einer Singleveröffentlichung aus den 80ern und was noch für Klischees ist schlicht anmaßend.

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  2. Ich komme nicht umhin, Ihren Kommentar etwas widersprüchlich zu finden. Einerseits sprechen von einer interessanten rechtlichen Frage, andererseits regen Sie sich darüber auf, dass die gesamte Weltpresse und die Bloggosphäre über diese Trivialität schreiben.

    In der Tat dürfte den meisten Menschen angesichts dieser Meldung klar geworden sein, dass heruntergeladene Dateien möglicherweise nicht wirklich Ihr Eigentum sind. Der Fall ist ja in meinem Text so gut dargestellt, wie es aufgrund der Nachrichten aus England/Amerika möglich war. Nun gut, die haben sich als falsch erwiesen. Ich vermute dennoch, dass ein Körnchen Wahrheit drin steckt. Der britischen Boulevardpresse glaube ich eher als dem Dementi eines Hollywoodstars.

    Die juristischen Implikationen zu kommentieren, lag mir fern. Das überlasse ich Fachleuten (vgl. den nächsten Kommentar). Mich beschäftigte eben vor allem die Frage nach dem "Wozu?". Ich hege keine Snobismus gegen digitale Musiksammlungen. Ich bezweifle nur, dass sich selbst bei völliger Freigabe je ein Markt für gebrauchte Musikdateien entwickeln wird. Bestimmte Medien scheinen irgendwie keinen Sammlerwert zu haben. Woran das liegt, weiß ich nicht, aber es hat wohl u. a. mit den ständigen Systemwechseln zu tun. Nichts erscheint einem doch retrospektiv lächerlicher als ein Mensch, der 1995 glaubte, er könnte dereinst seine umfangreiche VHS-Kollektion seinen Kindern vererben. Auch DVDs verlieren ja derzeit rapide an Wert – warum sollten also ausgerechnet Dateien, die noch nicht mal einen haptischen Wert haben, wertbeständig sein?

    Weil man sie konvertieren kann? Na ja. Nach meinen Erfahrungen ist es schon umständlich und nervtötend genug, Dateien innerhalb des Appleuniversums migrieren zu lassen. Falls Willis wirklich tausende Stunden Musik auf seinen iPods hat, werden seine Töchter gewiss begeistert sein, wenn sie dieses Zeug nach seinen Tode wochenlang konvertieren müssen. Und dann alle fünf Jahre, wenn sie neue Geräte gekaut haben, wieder neu usw. usf.

    Zumal sich unter Papas Musik wie in jeder übergroßen Musikbibliothek, bestimmt viel nie gehörter Datenschrott befindet. Wer hat schon Zeit, sich das alles anzuhören? Platten und Bücher kann man wenigstens dekorativ ins Regal stellen – das erklärt vielleicht, warum sie relativ wertbeständig sind. Und wieso sollte sich der Hörer des Jahre 2030 überhaupt mit den technischen Beschränktheiten der Nullerjahre (abgeschnittene MP3s usw.) zufrieden geben, die alle Konvertierungen wahrscheinlich nie ungeschehen machen können. Aber jemand, der sich seine Musikkassetten (die ja ohnehin schon einen schlechten Sound hatten) digitalisiert hat, scheint auf guten Klang ohnehin nicht so viel Wert zu legen. Ich könnte das allenfalls verstehen, wenn sich darauf unersetzliche Livemitschnitte, Privataufnahmen usw. befinden. Aber jeder nach seiner Fasson...

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  3. Das Migrationsproblem gibt es übrigens ja nicht nur bei Musik. Pages kann 10 Jahre alte Claris Worx-Dateien nicht mehr öffnen und lesen. Und das Vererbungs- bzw. Verkaufsproblem stellt sich noch dringender bei E-Books: Die Verleger beharren auf die Buchpreisbindung für digitale Bücher, aber sie ignorieren, dass man diese ja auch nicht weiterverkaufen kann – und das eigentlich den Preis mindern müsste. Ich will viele Bücher gar nicht im Regal stehen haben, deshalb verkaufe ich sie oft gleich nach der Lektüre bei Amazon. Da kriegt man dann oft noch zwei Drittel des Ladenpreises. Solange das bei E-Books nicht geht, werde ich mir im Zweifelsfalle lieber ein gedrucktes Buch kaufen.

    Lustig, ist dass sie im Zusammenhang mit MP3s von „veralteten Medien“ sprechen. So schnell veraltet das Allerneueste von gestern im digitalen Zeitalter.

    Ich verstehe auch nicht, wieso man aus dem vielfach öffentlich bekundeten Geschmack eines Prominenten sowie aus der Musik, die er selber spielt, keine Rückschlüsse auf seine Sammlung ziehen darf. Im Übrigen ist ja nichts Ehrenrühriges an Rockklassikern. Ich bin unwesentlich jünger als Willis, habe einen vermutlich sehr ähnlichen Musikgeschmack und gebe mich trotzdem nicht der Illusionen hin, dass meine Töchter (ich habe ebenfalls drei) einmal begeistert meine Plattensammlung erben werden.

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  4. Diese Pressemitteilung erklärt einiges:

    "Dürfen heruntergeladene mp3s verkauft oder vererbt werden? RA Christian Solmecke erklärt die Rechtslage.


    Köln. „Bruce Willis legt sich mit Apple an“, heißt es seit Montag in den Online-Medien. Der bekannte Schauspieler will offenbar dagegen vorgehen, dass er seine gekaufte iTunes Musik nicht an seine Kinder vererben kann. Zwar erwies sich diese Meldung heute als Ente, es stellt sich jedoch trotzdem die Frage, wie die aktuelle Rechtslage in Deutschland zu werten ist.

    „Grundsätzlich macht es tatsächlich einen Unterschied, ob die Musik auf einer CD oder online erworben wurde“, erklärt der Kölner Medienrechsanwalt Christian Solmecke. „Im deutschen Urheberrecht gilt der so genannte Erschöpfungsgrundsatz (§ 17 UrhG) nur für Musik, die auf einem Trägermedium wie einer CD oder einem USB Stick verkauft wurde. Mit dem einmaligen in Verkehr bringen erschöpfen sich die Rechte des Urhebers und er kann den Weiterverkauf durch den Endkunden nicht mehr stoppen. In einem solchen Fall kann also auch das Vererben von Musik nicht etwa durch AGB ausgeschlossen werden.“

    Streitig ist die Rechtslage jedoch bei heruntergeladener Musik. Da der Erschöpfungsgrundsatz hierauf nicht anwendbar ist, gingen Juristen bislang davon aus, dass der Urheber den Weiterverkauf untersagen kann. „In Bezug auf heruntergeladene Software hat der Europäische Gerichtshof dieser Rechtsprechung jedoch kürzlich einen Riegel vorgeschoben“, erläutert Solmecke (Urteil des EuGH vom 03.07.2012 in der Rechtssache C-128/11). „Nach der aktuellen Entscheidung des EuGH darf auch mit heruntergeladener Musik gehandelt werden. Ob diese Entscheidung auf heruntergeladene Musik übertragbar ist, ist unter Juristen umstritten. Ich meine, dass eine solche Übertragbarkeit möglich ist. Gewissheit werden erst künftige Gerichtsentscheidungen bringen.“ Geht man also davon aus, dass Musik auf diese Weise übertragen werden kann, dann kann auch das Vererben nicht durch Allgemeine Geschäftsbedingungen untersagt werden. „Aus den deutschen iTunes Nutzungsbedingungen ist ein solcher Wegfall der Lizenz im Todesfall ohnehin nicht ohne Weiteres ersichtlich.“

    Gegenüber dem Endkunden dürften die Apple AGB darüber hinaus keine Wirkung entfalten, da sie schlichtweg zu unverständlich und zu lang sind. Aus diesem Grund hat auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen Apple kürzlich abgemahnt. Eine gerichtliche Entscheidung dazu steht noch aus.

    Immer wieder kommt auch die Fragestellung auf, ob private Kopien der gekauften Musik durch AGB untersagt werden dürfen. Nein sagen dazu die deutschen Gerichte und erlauben sogar private Kopien von „Mietmusik“, wie sie bei Napster, Simfy oder Spotify angeboten wird. „Schon jetzt ist es erlaubt, eine Musik-CD bei Amazon zu kaufen, diese privat zu kopieren und das Original später weiterzuverkaufen, sofern dabei kein Kopierschutz geknackt werden muss. Eine solche Handlung muss auch im digitalen Umfeld möglich sein“, stellt RA Solmecke fest. Bis in dieser Frage jedoch Rechtsklarheit herrscht, sollten die Nutzer darauf verzichten, digitale Musik bei eBay oder Amazon als Gebrauchtmusik anzubieten, da Abmahnungen drohen könnten."

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  5. Wer heute seine Schalplatten im einwandfrein Zustand, kann sich freuen, denn was sich über die Jahre als Hobbykauf für Hobbykauf angestaut hat ist irgendwann zur Kapitalanlage geworden. Dasselbe gilt übrigens auch für Musikinstrumente, sofern man diesem Artikel Glauben schenkt. Schönes Wochenende, ich werde mal meine Platten durchstöbern^^

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