Dienstag, 7. August 2012

Wie Schlingensief einmal Silvia Seidel demütigte

Es war eine kurze Fußnote, um nicht zu sagen ein Tiefpunkt in Silvia Seidels Karriere, und folgerichtig hat auch kein einziger Nachruf auf die tote Schauspielerin daran erinnert - aber ich will es doch tun, weil ich Freude am Abseitigen und Kuriosen habe: 2002 trat Silvia Seidel mal in einer Theaterinszenierung von Christoph Schlingensief auf. Und der Regisseur, der so charmant sein konnte, wenn er wollte und der kurz vor seinem Tode nahezu heilig gesprochen wurde, behandelte sie so richtig scheiße. Das konnte er nämlich auch - unvergessen ist, wie er bei seiner Talkshow Ingrid Steeger, eine Frau von ähnlicher Naivität, zum Heulen brachte.

Ganz so schlimm war es bei der ehemaligen Anna-Darstellerin nicht. Ein Artikel aus der "Jungle World", den ich nach einigem Suchen gefunden habe, bestätigt mir, dass es im Wesentlichen so lief, wie ich es auch in Erinnerung hatte: Die damals erst 32-jährige und noch ziemlich hübsche Seidel war neben Bibiana Beglau, Corinna Harfouch, Rolf Eden und der Sex-Aktivistin Helga Goetze einer der prominenten Gäste in Schlingensiefs "Quiz 3000", einer sogar von der Bundeszentrale für Politsche Bildung geförderten parodistischen Dekonstuktion der damals sehr populären Sendung "Wer wird Millionär?". Schlingensief gab den Anarcho-Jauch, zu gewinnen war ein alter, nicht mehr fahrtüchtiger Mercedes.

Nachdem Schlingensief Seidel kurz ein bisschen verhöhnt hatte (anders kann man es nicht nennen - ich bin mir nicht sicher, ob sie es gemerkt hat) durfte sie, auf die Frage, warum sie überhaupt mitgemacht hatte, noch den Satz sagen, der mir in Erinnerung geblieben ist, weil sich in ihm schon damals die ganze Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit dieser doch eigentlich noch sehr jungen Frau offenbar: "Ich wollte einmal mit Ihnen (Schlingensief) arbeiten." Dabei war doch für jeden Zuschauer unübersehbar, dass der große Bühnenirre nicht in dem Sinne mit ihr arbeiten wollte, wie er mit Sophie Rois, Irm Hermann und zuletzt mit Angela Winkler gerarbeitet hat - also mit Schauspielerinnen, die er als gleichberechtigte künstlerische Partnerinnen akzeptierte. Sondern dass er sie nur vorführen und seinen Zynismus an ihr kühlen wollte.

Schlingensief behandelte Siliva Seidel schlimmer als seine Behinderten - denen gegenüber hätte er sich solche Kaltschnäuzigkeit nie erlaubt, weil ihn sein katholisches Gewissen davon abgehalten hätte, Schwache so zu demütigen und bloßzustellen. Aber Silvia Seidel war ja eine "Prominente", die er vielleicht sogar ein bisschen beneidet hatte, als sie 1987 mit "Anna" berühmt wurde. Denn sie lebte ja in München, wo er studierte und selbst um ein Stückchen Ruhm kämpfte, damals noch vergeblich.

War er nicht begriffen hatte: Dass Silvia Seidel 2002 schon längst kein Star mehr war, sondern eine schutzbedürftige Frau auf dem Abstieg, die man nicht so behandeln durfte. Als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, wie vergessen sie war: In der Rezension der "Zeit" wurde ihr Name falsch geschrieben - Sylvia. So sehr ich Schlingensief mochte, diese Gemeinheit habe ich ihm nicht verziehen.

Kommentare:

  1. Lieber Matthias, was genau hat Schlingensief denn nun gesagt? Du schreibst nur, was Silvia Seidel gesagt hat.

    Und ist es nicht so, dass in diesen ganzen Formaten wie "Quiz 3000" alle Teilnehmer gleichermaßen vorgeführt wurden - inklusive Schlingensief selbst? So habe ich das damals erlebt. Dass die ZEIT ihren Namen falsch schrieb, ist nicht Schlingensiefs Fehler.

    Viele Grüße!

    AntwortenLöschen
  2. Lieber Felix,
    ich kriege es nicht mehr genau zusammen. Ich weiß nur noch, dass er eben gar nicht viel sagte, sondern ihr auf ziemlich unverblümte Weise sein Desinteresse zu verstehen gab und jeden Gesprächsversuch von ihrer Seite abblitzen ließ. Wer's genauer wissen will, könnte sich ja mal das Video aus der Volksbühne kommen lassen. Das wurde bestimmt aufgezeichnet.

    Das Schlingensief an dem Zeit-Lapsus schuld war, habe ich nicht behauptet. Es soll nur illustrieren, wie vergessen sie damals schon war. Beste Grüße, Matthias

    AntwortenLöschen
  3. Der Zeichentrickfilm DAS Kleine ARSCHLOCH oder Kleines Arschloch ist näher an der Wahrheit des Lebens als man glauben mag . (Schlingensief wer)...Es ist eine Sache den Menschen oder der Menscheit einen Spiegel vor zu halten ,eine andere den Spiegel zu zerschlagen um die Scherben genuss voll in den Körper der jenigen zu rammen.
    Ja wir Deutschen haben Blut an den Händen. Wir sind ja in bester Gesellschaft wie : Amerika und seinen Indianern. Australien mit seinen Aborigines. Spanien und die Inka oder Russland zur Zeit Stalins ca : 1,5 Millionen exekutierte -5 Millionen starben im Gulag - 1,7 Millionen verloren bei der Deportation ihr Leben (von den 7,5 Millionen Deportierten)- 1 Million umgekommene Kriegsgefangene und deutsche Zivilisten. Die Liste der Staaten geht so weiter, da habe ich nur ein paar Staaten aufgelistet als beispiel. Es ist die Frage was lernen wir alle daraus. Wollen wir überhaupt daraus lernen. Wir haben alle verloren ,es gibt keine Sieger. Die Würde des Menschen und die Menschlichkeit mit all seinen tugenden ,hat keinen Platz wenn durchgeknallte an größenwahn leidende Irre mit Narzisstische Persönlichkeitsstörung die Führung einer Gesellschaft und Nationen übernehmen. Das ist meine Meinung.
    Ein Maler ,Dichter ,Freidenker und Weltbürger sagte mir einmal folgende Zitate : Freiheit endet dort ,wo der Staat anfängt - Wer schweigt ,schaut auch weg - Das Universum ist nicht annähernd so groß ,wie unsere Dummheit vieles zu zerstören - Menschheit was willst du werden ,ein Engel mit
    Garten Eden oder als Teufel mit der Hölle auf Erden. Jeder sollte darüber nachdenken ,am besten im Bad vor dem Spiegel.

    Zu Frau Seidel sage ich nur, das sie eine solche Behandlung in der Art und Weise absolut nicht verdient hat.

    AntwortenLöschen
  4. Man sieht ja wie weit es Schlingensee gebracht hat. Er ist an einer miesen Krankheit gestorben - genauso ein hinterhältige wie seine tolle Show

    weit vor Silvia die noch leben würde, wenn man sie anstatt Neubauer und Co einmal spielen lassen hätte würden

    AntwortenLöschen