Dienstag, 12. Juni 2012

Glückssüchtig? Aber klar doch, Herr Gauck.

Bundespräsident Joachim Gauck hat heute in einer sehr begrüßenswerten Rede eine äußerst dämliche Formulierung gebraucht. Er nannte unsere Gesellschaft "glück(s)süchtig" und das war kritisch gemeint. "Dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glück(s)süchtige Gesellschaft schwer zu ertragen", sagte der Präsidentaut bei seinem Antrittsbesuch bei der Bundeswehr. "Spiegel Online" und "Zeit Online" sind sich allerdings nicht einig, ob er "glücksüchtig" oder "glückssüchtig" - ohne oder mit Fugen-S - gesagt hat. Offenbar war ihm gerade der Begriff "glück(s)süchtig"  - übrigens ein Wort, das im Grimmschen Wörterbuch schon 1808 belegt ist - ein Herzensanliegen, denn Gauck hat es wohl spontan dem ursprünglichen Redemanuskript hinzugefügt. In der Version, die das Bundespräsidialamt veröffentlichte, steht nämlich nur die Formulierung: "Dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere Gesellschaft schwer zu ertragen."

 Doch was könnte an der Sehnsucht nach Glück verwerflich sein? Das Streben nach Glück - the pursuit of happiness - wird in einer der wichtigsten demokratischen Urkunden sogar als ein Grundrecht definiert: in der Unabhängigkeitserklärung der USA von 1776. Dort heißt es: "We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness."

Gaucks Rede von der "glücksüchtigen" Gesellschaft war nichts anderes als die kaum verhüllte Neuauflage der Kritik an der angeblichen "Spaßgesellschaft", wie sie in den Jahren nach dem 11. September im Schwange war. Bereits 2004 habe ich in einem Essay für "Dummy" die Frage gestellt: Was wäre so schlimm daran, in einer Spaßgesellschaft zu leben? Schließlich träumen die Menschen seit 3000 Jahren davon. Geschafft hat es allerdings noch keiner.

Aus dem "Dummy"-Heft Nr. 3 zum Thema "Spaß" vom 22. Juni 2004:

Der erste Theoretiker der Spaßgesellschaft schrieb 700 Jahre vor Christus. Er berichtete von einem Goldenen Zeitalter des immerwährenden Fun voller glücklicher Arbeitsloser im Jugendwahn: „Sie lebten dahin wie die Götter ohne Betrübnis, ferne von Mühen und Leid, und ihnen nahte kein schlimmes Alter, freuten sich an Gelagen, und lediglich jeglichen Übels starben sie, übermannt vom Schlaf, und alles Gewünschte hatten sie.“ Die soziale Hängematte wurde damals noch von Mutter Erde höchstpersönlich gespannt, indem sie den Leistungsverweigerern Frucht ganz von selber „unendlich und vielfach“ spendierte. Man darf also davon ausgehen, dass nicht von der Steigerung des altgriechischen Bruttosozialprodukts die Rede ist, wenn es weiter heißt: „Immer regten sich gleich die Hände und Füße.“ Eher hat man sich wohl darunter ein entspannendes Mittelding zwischen Workout, Tanz und Verdaungsgymnastik vorzustellen. Diese Welt ähnelt verdammt der, von der Zlatko träumte, wenn er in seiner Containerkoje schlief. Aber ausgedacht hat sie sich kein antiker Proll in ballonseidener Joggingtunika, sondern Hesiod, der gleichrangig neben Homer als der Begründer der europäischen Dichtkunst gilt. Er artikulierte mit seinem Bericht über eine lange zurückliegende „goldenene“ Zeit, auf die dann leider nur noch die „silberne“ nahe Vergangenheit und das „eiserne“ Jetzt folgten, keineswegs nur privateste Wunschträume, sondern die Sehnsüchte seiner ganzen Epoche.

Weil Hesiod dabei schon auf vorhandene Phantasiegebilde zurückgriff, darf als sicher gelten: Seit mindestens 3000 Jahren träumen die Menschen von einer Spaßgesellschaft. Aber ebenso lange schon gibt es Zuchtmeister, die ihnen diesen Traum verbieten wollen. Meistens gehören sie jenen Minderheiten an, die die Produktionsmittel und das Geld monopolisieren und deshalb auch den Spaß für sich allein gepachtet haben. Das alles wollen sie auf gar keinen Fall mit irgendwelchen spaßgierigen Emporkömmlingen teilen. Die Geschichte ist eine Geschichte von Spaßklassenkämpfen.

Die Antwort auf Hesiod gab Platon, wenn auch mit der in der Antike üblichen Verspätung von 300 Jahren - man lebte schließlich noch nicht im Medienzeitalter, wo jede Woche eine neue „Debatte“ die leeren Zeitungseiten und Sendeplätze füllen musste. In Platons Schrift „Der Staat“ preist er seine Vorstellungen von einem idealen Gemeinwesen an, in dem die Krieger und die Philosophen als Funktionselite über die machtlosen Bauern und Handwerker herrschen. Im realen Athen wurde damals erstmals mit einem Gesellschaftsmodell namens Demokratie experimentiert, bei dem im Prinzip jeder freie Bürger über die Geschicke des Staates mitbestimmen konnte. Dem Aristokraten Platon war das nicht geheuer. Er dachte im Grunde wie die Oberschichtschmarotzer von heute, die sich gerade ins aktuelle Modegewand des Neoliberalismus hüllen: Wenn das Proletenpack zuviel an Spaß denkt, dann arbeitet es irgendwann vielleicht nicht mehr für uns mit. Das war es, was Kohl eigentlich meinte, als er vom „kollektiven Freizeitpark Deutschland“ sprach. Und das ist es, was konservative Meinungsfabriken abwenden wollen, wenn sie dringend „das Ende der Spaßgesellschaft“ ausrufen.

Platon hat den spaßgeilen Pöbel genausowenig überzeugt, wie die FAZ-Feuilletonisten von heute ihm seine Träume von einem angst- und sorgenfreien, lustbestimmten Leben austreiben werden. In der Antike wurde die Fackel der Sehnsucht von Hesiod weitergereicht an den Griechen Iambulos, der in einem fiktiven Reisebericht die „Glücklichen Inseln“ vor der Küste des heutigen Jemen beschrieb, deren Bewohner im immerwährenden Überfluss, ohne Not und ohne Zwang lebten. Auch römische Dichter hielten um Christi Geburt herum einer Zeit der Bürgerkriege noch einmal das Goldene Zeitalter als Kontrast vor Augen. Ovid phantasierte: „Da war ewiger Lenz, und gelind mit lauem Gesäusel, küsste die Blumen der West, die sprossen ohne Besamung.“ Sein Kollege Tibull schrieb: „Türen hatte kein Haus, kein Stein war gesetzt auf den Feldern, der gebieterisch rings sicher die Äcker begrenzt. Honig boten die Eichen von selbst, von selber auch brachten, ohne dass man sorgte darum, Schafe die Euter voll Milch.“

Sogar das biblische Paradies ist ein matter, aber noch deutlich erkennbarer Abglanz solcher in der ganzen antiken Welt beheimateten Wunschvorstellungen. Im ersten Buch Mose 2,9 heißt es: „Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen.“ Spaß bedeutete für die bäuerlichen Mangelgesellschaften der Zeit zuallerst die Befreiung von der knochenschindenden und lebensverkürzenden Plackerei der Feldarbeit sowie allzeit verfügbare Nahrungsmittel. An diese Überlieferungen konnten schließlich die Spaßgesellschaftsträume des Mittelalters anknüpfen. Vor allem nach den Kreuzzügen, als die weitgereisten Krieger von den handfesten, luxuriösen und keineswegs „ohne Besamung“ auskommenden Paradiesen des Islams gehört hatten, blühte in ganz Europa plötzlich eine volkstümliche Literatur, die genussvoll das Land Cocagne (so hieß es im romanisch-niederländischen Raum) oder das Schlaraffenland (so hieß es in Deutschland) ausmalte. Natürlich steht auch bei diesen Phantasien wieder die Völlerei im Mittelpunkt: „Man kann dort Zäune aus Würsten verspeisen, und auch die Fenster und Türen sind alle aus Lachsen und Stören. Die Häuserbalken sind gemacht aus Butterwecken, die Zimmerdecken aus Pfefferkuchen, Bänke und Stühle aus Fleischpasteten.“

Eine Neuerung in Cocagne gegenüber der Antike ist die reichliche Verfügbarkeit von harten Spirituosen: „Ein Stück weiter Gewürzwein fließt, Romeny, Muskateller, die man keinem verwehrt. Daran hat jeder geschenkte Kost, ob Wein er liebt, ob Bier, ob Most.“ Vor allem aber wird ganz unzüchtig auch an das dritte menschliche Grundbedürfnis gedacht: „Dort gibt es nämlich nicht Weib und nicht Mann, die dem anderen verweigern ein zärtliches Schäferstündchen zu zwein. Man singt und springt und tanzt den Reigen. Und schöne Frauen und Mädchen fein, kann dort jeder haben, ohne zu freien. Und es ist weder Sünde noch Schande, so sind dort die Sitten in jenem Lande.“

Zwar war an solche mittelalterlichen Manifeste des Spaßes oft eine Moral angehängt, die vor den schlimmen Folgen von Unzucht, Suff und Völlerei für das Seelenheil warnte. Doch wirkten diese Kapitel oft mehr wie ein Deckmantel, unter dem die damalige Spaßguerilla ihre geistige Konterbande mit der Botschaft „Eine andere Welt ist möglich“ ohne Angst vor Repression verbreiten konnte. Der Historiker Herman Pleij schreibt: „All diese Träume vom vollkommenen Leben verleihen dem Mittelalter etwas ausgesprochen Unruhiges, um nicht zu sagen Aggressives. Der mittelalterliche Mensch scheint das Warten auf das Jenseits mehr und mehr satt zu haben.“ Man könnte auch sagen, sie forderten vom Hergott: Gib Gas, ich will Spaß!

Das gilt erst recht für die Neuzeit mit ihrer allmählich immer mehr bröckelnden Gottesfurcht. Während wohl die wenigsten mittelalterlichen Menschen so naiv waren, zu glauben, das Schlaraffenland könnte irgendwo auf Erden tatsächlich existieren, weckte die kaum glaubliche Kunde von neuen Ländern jenseits der Ozeane im Zeitalter der Entdeckungen neue Hoffnung, dass das Paradies vielleicht doch irgendwo auf Erden existierte. Reisebeschreibungen malten lustvoll das milde Klima, die üppige Vegetation und die sexuelle Freizügigkeit der Eingeborenen aus. Hinter dem Horizont schien immer immer irgendwo eine Spaßgesellschaft zu liegen. Darauf hofften vor allem die Seeleute, denn sie waren wahrhaftig die ärmsten Schweine des Frühkapitalismus. Das Märchen von den Matrosen der Bounty, die ihren tyrannischen Kapitän loswurden und irgendwo in der Südsee ihr tropisches Paradies fanden, beschäftigte sogar noch Hollywood.

Im 20. Jahrhundert ist, zumindest in den westlichen Industriegesellschaften, der Hunger ein Schreckgespenst, das sich nur noch selten blicken lässt. Die Lebenserwartung stieg und die Sexualität wurde dank Penicillin und Verhütungsmitteln leidlich befreit. Doch das Schlaraffenland blieb ein Sehnsuchtsziel. Seine letzte explizite Formulierung ist vielleicht der Country-Song „Big Rock Candy Mountain“ aus der Depressionszeit, den Harry McClintock auch auf dem Soundtrack zu „Brother Where Art Thou?“ singt. Mit seinen „cigarette bushes und lemonade fountains“ ist dieses Land eine modernisierte Version der alten Wunschvorstellungen. Und verborgen lebt das Schlaraffenland fort in den Versprechen „All You Can Eat“ oder „All inclusive“ der Fastfood-Büffets und des Tourismus. Immer noch gilt, was Pleij über das Mittelalter schrieb: „Offensichtlich ist es von lebenswichtiger Bedeutung, von einem Land träumen zu können, in dem die Mühen des irdischen Lebens ein für alle Mal verbannt sind und mit den wildesten Phantasien von Gegenteil spielend (über)kompensiert werden.“

Die Philosophen haben sich vor der Spaßgeilheit des Pöbels meist gegraust. Hegel fürchtete, dass Perioden des Glücks „leere Blätter im Buch der Weltgeschichte“ seien. Und Adorno denunzierte mit seinem oft zitierten, selten verstandenen Satz „Fun ist ein Stahlbad“ alle nach dem Lustprinzip Lebenden als Nazis. Aber selbst in den meist garantiert sex- und kalorienfreien Katheder-Utopien, die die Intellektuellen seit Thomas Morus, dem Erfinder des Wortes „Utopia“, entwarfen, schimmert doch meist der Glanz einer Spaßgesellschaft wie ein Silberstreif ferne am Horizont ihrer Phantasiereiche. Denn wenn es nicht ganz offensichtlich nur um den Machterhalt der herrschenden Klasse geht, wie bei Platon, dann versuchen alle Utopien sich doch vorzustellen, wie eine Gesellschaft ohne Zwang, Not und Gier aussehen könnte. Das meinte Marx, als er schrieb, der Kommunismus sei „der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.“ Aber wenn irgendwann einmal Zwang, Not und Gier abgeschafft wären - was könnte die Menschen dann überhaupt noch bewegen, wenn nicht der Spaß?

Am klarsten hat das ausgerechnet der vermeintlich bizarrste aller Frühsozialisten gesehen, der Franzose Charles Fourier (1772-1837). Während die meisten anderen Utopisten sich Gesellschaften vorstellten, in denen irgendwelche neuen, bisher auf der Erde noch nicht gesichteten Menschen miteinander harmonierten wie die Flocken im Haferbrei, wusste er genau, dass jede Zukunftsvision mit den unzerstörbaren „Leidenschaften“ der Menschen rechnen musste. Die Ansicht der Philosophen, man müsse die Leidenschaften bändigen, fand er lächerlich: „Denn erstens kann man die Leidenschaften nicht bändigen, und zweitens würde die Zivilisation, wenn jeder seine Leidenschaften bändigte, in den Zustand der Nomaden zurückfallen.“ Er war deshalb der erste, der mit einem Zugewinn an „Genuss“ und „Sinnenlust“ argumentierte, wenn er seine Reformmodelle anpries. Die neue Gesellschaft wird nach Fourier eine Spaßgesellschaft sein, oder sie wird nicht sein.

Umso schöner wäre es, wenn irgendwelche Menschen in den vergangenen Jahrtausenden tatsächlich einmal in einer Spaßgesellschaft gelebt hätten. Ganz bestimmt nicht taten sie das in den Jahren vor dem 11. September 2001, für die das Wort einmal erfunden wurde. Denn auch damals bestimmten Furcht und Hoffnung das Treiben der Menschen wie seit Beginn der Geschichte. Es gab vielleicht ein bisschen mehr Spaß für ein bisschen mehr Leute als früher, weil einerseits die Wirtschaft boomte und anderseits Fun im Kapitalismus längst als Ware vermarktet wurde, deren Preis gerade durch Überproduktion ein bisschen gesunken war. Doch Spaß blieb ein kurzes Feiertagsgefühl, das man im Urlaub, im Bett oder vor dem Fernseher hatte und das man gerne vielleicht ein bisschen verlängert hätte. Wenn es überhaupt jemals eine Ära gab, in der eine verhältnismäßig große Zahl von Menschen glaubte, nur für ihren Spaß zu leben, dann waren das die Sechziger. Doch diese Illusion endet nach wenigen Jahren mit dem Prager Frühling und der Eskalation des Vietnamkrieges.

Es gab immer solche Zeiten, in denen versucht wurde, den Spaß unendlich auszudehnen. Jene Epochen dienen konservativen Spaßbremsen meist als Argument dafür, dass alle Lust, die Ewigkeit will, in die Dekadenz und den Untergang führt. Doch der vermeintliche Spaß war immer vor allem Hysterie, die Kehrseite der Angst. Das gilt für jene Fürstenhöfe in Flandern und Brabant, die in ihren Gärten und auf ihren Festen Schlaraffenländer mechanisch nachbauen ließen, um für ein kurze Zeit Palastintrigen, Kriege und die Pest zu vergessen. Das gilt für das Rom der Spätzeit, an dessen Grenzen schon die Barbaren rüttelten. Und das gilt für Versailles - erst recht, je näher der Umsturz rückte. Talleyrand hat einmal gesagt: „Wer nicht vor der Revolution gelebt hat, der weiß nicht, was die Süße des Lebens ist.“ Er muss es wissen. Aber Gesellschaften gehen nicht unter, weil sie dekadent sind, sie werden dekadent, weil sie ihren Untergang nahen fühlen.

Trotzdem muss niemand, der vom süßen Leben träumt, zwangsläufig unter der Guillotine enden. Im Gegenteil: Die Sehnsucht nach Spaß ist eines der großen revolutionären Potenziale der Menschheit. Als Marie Antoinette ihren legendären Satz sagte „Wenn die Menschen kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen“, war das gar nicht so absurd. Wie wir gesehen haben, hätte Naschwerk für alle die Wut der Massen vielleicht dämpfen können. Doch solange es nicht genug Kuchen zu verteilen gibt, werden diejenigen, die sich die größten Stücke abschneiden, denen, für die nur die Krümel übrigbleiben, immer den Spaß miesmachen wollen - nicht nur den am Essen. Aber eines Tages werden sie merken, dass der Trick nicht mehr funktioniert. Dann werden die Spaß-Verdammten dieser Erde an den Pforten der verschlossenen Paradiese rütteln und ihre neue „Internationale“ vielleicht nach der Melodie eines alten Elvis-Costello-Songs singen. Der fragte einst: „What‘s so Funny about Love and Peace and Understanding?“ Wir fragen uns - gegen die Spaßverächter: „What‘s so funny about fun?“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen