Dienstag, 22. Mai 2012

Shermin Langhoff und die Überwindung des Ost-West-Denkens

Die Entscheidung, Shermin Langhoff und Jens Hillje, das Maxim-Gorki-Theater zu überlassen, begrüße ich in der morgigen "Welt" (Link folgt). Hinzufügen möchte ich noch, dass ich am allerschönsten finde, dass diesmal keine Sekunde lang eine Ost-West-Debatte ums Gorki geführt wurde. Noch nicht mal das einstige Ost-Befindlichkeitsbewahrungsfachblatt "Berliner Zeitung" hat bei der Musterung der Kandidaten deren Herkunft aus einem der jeweiligen Landesteile in die Wagschale geworfen.

Das war vor sieben Jahren noch ganz anders. Als der Kultursenator Thomas Flierl (damals noch PDS, jetzt umbenannt in Linkspartei) Armin Petras zum Nachfolger des glücklosen Volker Hesse ernannte, hatte er sich zuvor ausdrücklich auf die Suche nach einem jungen ostdeutschen Regisseur begegen. So deutlich hatte der verquaste Flierl das bloß nicht gesagt, sondern er sprach davon, dass er Leute mit "Ost-West-Kompetenz" an maßgeblichen Stellen einsetzen. Er versuchte es mit Christoph Hein als Intendant des Deutschen Theaters und als der ihm absagte, weil er das Störfeuer der Presse nicht aushielt (u. a. hatte ich geschrieben: "Das Deutsche Theater wird wieder, was es schon einmal war: das Nationaltheater der DDR"), mit Thomas Oberender. Beides gelang nicht. Nur Michael Schindhelm wurde Chef der Berliner Opernstiftung (auch so eine längst vergessene Eintagsfliege der Berliner Kulturpolitik), bis er begriff, dass in Dubai mehr zu gestalten und auch mehr Geld zu verdienen war.

Heute hat das alles überhaupt keine Rolle mehr gespielt. Und das in einer Stadt, in der Verdrängungserfahrungen von Ostdeutschen unter der Tarnknappe der Gentrifizierungskritik oder Verhöhnung des Bionade-Biedermeiers in Prenzlauer Berg sich aggressiver denn je austoben. Aber vielleicht hat Berlins Kulturstaatssekretär mit seiner Entscheidung, Frank Castorf bis 2020 an der Volksbühne zu belassen, die Ostseele so dermaßen überplanmäßig zufrieden gestellt, dass er am Gorki keine Rücksichten mehr auf sie nehmen musste.

Gespenstisch ist allerding, wie sehr jenes Zitat von Thomas Flierl, mit dem er einst Armin Petras beschrieb, nun auch wieder auf Shermin Langhoff passt - eigentlich passt es sogar noch viel mehr auf sie:

"Er verfügt über kulturelle Deutungsmuster und Übersetzungsmöglichkeiten, die anderen vielleicht fehlen. Seine Biografie erscheint mir als Zwischenexistenz, als interkulturelle Existenz, aber sie dient ihm der produktiven Herausforderung und nicht irgendeiner ›Verostung‹. Man muss sehen, dass man Leute solchen Formats nach Berlin holt."

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