Sonntag, 6. Mai 2012

Die talibanischen Verse

Wenn der Krieg der Vater aller Dinge ist, dann ist er selbstverständlich auch der Vater der Poesie. Eines der ältesten literarischen Großwerke Europas beschreibt ein zehnjähriges Gemetzel in einem Winkel der heutigen Türkei, das aus nichtigem Anlass losbrach und mit einem Völkermord endete. So trivial die Motive des Krieges und so verschlagen und brutal seine Protagonisten auch waren, als Literatur ist die „Ilias“ unsterblich.

Es ist also keineswegs ausgeschlossen, dass auch Taliban gute Gedichte schreiben können. Es hat schließlich nennenswerte Poesie sogar von Faschisten und Kommunisten gegeben. Die Existenz von tollen Taliban-Gedichten ist umso wahrscheinlicher, weil die afghanische Kultur geradezu mit Poesie getränkt ist. Der amerikanische Journalist David Rohde, der Gefangener einer Taliban-Gruppe war, wird im „Guardian“ zitiert: „Jeden Abend nach dem Essen sangen sie und rezitierten Gedichte. Im Privaten sangen sie Liebesgedichte, aber wenn ihre Kommandeure in der Nähe waren, trugen sie nur Kriegsgedichte vor.“


Anlass für das Interview mit Rohde ist ein Band mit Gedichten von Taliban-Kämpfern, die der britische Verlag C. Hurst, veröffentlichen will. Das hat dem Unternehmen Kritik eingetragen, „Propaganda“ eines Feindes zu verbreiten, mit dem englische Soldaten täglich auf Leben und Tod ringen. Es herrscht Sorge, dass die Gedichte zur Wehrkraftzersetzung beitragen könnten, indem sie den Gegner allzu menschlich erscheinen lassen. Im „Guardian“ kommt der pensionierte Oberst Richard Kemp, ein ehemaliger Befehlshaber der in Afghanistan stationierten Isaf-Truppen, mit dem Satz zu Wort: „Wir müssen uns immer vergegenwärtigen, dass das Faschisten sind, mörderische Schurken, die Frauen unterdrücken und Menschen gnadenlos töten, die nicht einer Meinung mit ihnen sind.“

Doch die Herausgeber sind über den Verdacht, nützliche Idioten der Taliban zu sein, wohl erhaben. Einer von ihnen, Alex Strick van Linschoten, berichtet unter anderem für das angesehene US-Magazin „Foreign Policy“. Seine Absicht ist erklärtermaßen, besser zu begreifen, was einfache Taliban-Kämpfer umtreibt.


Cover des Bildbands "Taliban" aus dem Jahre 2003
Deren Motive sind vermutlich nicht gar so viel anders als die der Männer, die vor 30 Jahren gegen die Sowjets kämpften. Oder vor 150 Jahren gegen die Briten. „Afghanistan hat eine reiche und uralte Tradition epischer Poesie, die den Widerstand gegen fremde Invasoren und Besetzer feiert“, schreibt der Historiker William Dalrymple. Die Faszination für die dichtenden Krieger vom Hindukusch trug in den Achtzigerjahren viel dazu bei, den afghanischen Widerstand bei westlichen Intellektuellen populär zu machen. Der Inbegriff jenes Typus war der Tadschike Ahmad Schah Massoud, dessen Spitzname "der Löwe von Pandjschir" wie eine Formel aus einem Heldenpos klingt . Zumindest im Literaturgeschmack unterscheiden sich Mudschahedin von einst und Taliban von heute nicht so sehr.

Aber der literarische Wert der talibanischen Verse ist sowieso nicht entscheidend. Es geht hier nicht um naive Taliban-Versteherei. Sondern darum, zu kapieren wie diese Leute ticken. Der "Guardian" berichtet auch von vereinzelten Gedichten, die Zweifel andeuten. Und der Journalist Rohde sagt über Kriegs- und Liebesgedichte: "Das zeigt die Spannung innerhalb der Bewegung. Die Frage ist, welche Richtung sie am Ende nehmen wird." Spätestens 2014, wenn die ausländischen Truppen abgezogen sind, werden die Taliban zu einem Faktor, dem der Westen nur noch mit diplomatischen, geheimdienstlichen Mitteln und vielleicht mit einer geschichten Politik des divide et impera beikommen kann, bei der man in den sicher aufbrechenden Kämpfen zwischen jetzt noch durch den gemeinsamen Feind vereinten Fraktionen, bestimmte Teile instrumentalisieren kann. Da kann es nichts schaden, diese Leute etwas besser zu kennen. Und sei es nur, um zu begreifen warum wir in den Augen diese Leute die neuen Sowjets sind. Lange genug hat der Westen diese Art von Studien sträfliche vernachlässigt: Nach dem 11. September kam heraus, dass es in der ganzen CIA angeblich niemanden mehr gab, der Paschtu konnte.

Solche unvoreingenommene Betrachtung und Analyse des Fremden ist immer eine Stärke Europas (und seines großen kräftigen Kindes Amerika) gewesen. Die Mongolen waren einst beispielsweise viel schrecklicher und gefährlicher als die Taliban. Aber kaum standen sie nicht mehr direkt vor den Toren Europas, schickten die Päpste Delegationen zum Großkhan, um herauszufinden, wie dieses ferne Volk funktioniert, um seine Sprache zu lernen, um es als Verbündeten gegen den Islam zu gewinnen und um es möglicherweise zu missionieren. Kaufleute, die mit den Mongolen Handel treiben wollten, gingen auf der gleichen Route gen Osten. Man musste sie nicht lieben, aber jedes Quäntchen Wissen über sie half, im Umgang mit den Tataren schlauer und geschickter zu werden.

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