Donnerstag, 10. Mai 2012

Bis(s) zum Orgasmus

Der Niedergang des Tim Burton ging einher mit dem Fortschritt der Filmtechnik. Einerseits ist es bis heute bewundernswert, wie dieser konsequenteste Autorenfilmer des Hollywood-Mainstreams es schafft, seinen Stil, seine Besessenheiten und sein Schauspielerensemble auch bei den größten Blockbustern zu bewahren. Andererseits ist unter den Fans seiner frühen Filme, also unter denjenigen Leuten, die den Künstler Burton geschätzt haben, ein zunehmendes Desinteresse an seinen neueren Werken zu beobachten.

Wer "Edward mit den Scherenhänden" oder "Ed Wood" geliebt hat, hat meistens "Planet der Affen" oder "Alice im Wunderland" versäumt. Sie waren es müde anzusehen, wie ständig verbesserte Trickverfahren es Burton zwar ermöglichten, seine Fantasien immer detailgetreuer zu verwirklichen, aber auch die Originalität des Filmschöpfers sich allmählich zwischen den immer gleichen Computeranimationen verflüchtigte.

Früher zwangen ihn gerade die begrenzten Möglichkeiten der Technik dazu, die Lücke in der Darstellung des Grotesken mit Witz zu füllen. Am schönsten gelang das in einem Film, der genau diese Beschränktheit thematisierte: der Biografie des legendär schlechten Horrorregisseurs Ed Wood, der nie Geld für teure Tricks hatte. Kein mit noch so viel Milliarden Bytes errechnetes Monster wird jemals so anrührend wirken wie der lächerliche Plastikkrake, mit dem sich damals Martin Landau in der Rolle des alten Bela Lugosi im Wasser eines Parkteichs herumwälzen musste.

Dagegen verhalten sich heute selbst kleinere, ziemlich private Burton-Produktionen wie "Corpse Bride" zum gestrigen Charme von "A Nightmare Before Christmas" wie die am Rechner geschaffenen Pseudoknetfiguren von Ernie und Bert, die derzeit auf dem Kinderkanal vor dem Sandmann laufen, zu den originalen Handpuppen von Jim Henson. Es geht schon irgendwie. Man kann es sich ansehen. Aber es bleibt doch kalte Plastikperfektion. Bunt. Beweglich. Aber toter als jeder medizinisch Tote – gerade die sollen bei Burton ja immer besonders lebendig sein.

Insofern geht es bei Burtons neuestem Film "Dark Shadows" nicht nur um die Frage, ob der Vampir Barnabas Collins (Burtons alter Spezi Johnny Depp in ihrer achten gemeinsamem Arbeit) seine jahrhundertealten Verwünschung abschütteln kann. Sondern auch darum, ob es Burton vielleicht doch noch gelingt, den Fluch des Digitalen zu brechen.

Um es gleich zu sagen: So wie Collins damit scheitert, wieder ganz und gar ein Mensch zu werden, so schafft es auch Burton nicht, komplett in sein früheres, vordigitales Leben zurückzukehren. Doch beide finden zu Kompromissen, mit denen sie und ihre Freunde leben können – im Falle des Vampirs sogar ewig. Oder, um es klar für alle zu sagen, die sich nicht für kleinste Nuancenverschiebungen im Universum Tim Burtons interessieren: "Dark Shadows" ist sein witzigster Film seit Langem.

Einer der Gründe ist, dass sich hier die Humor- und Zeitebenen aufs Komischste überlagern: Als Barnabas Collins aus dem Sarg befreit wird, in den er fast 200 Jahre verbannt war, schreibt man das Jahr 1972. Dort fällt er in den USA äußerlich gar nicht weiter auf: Lange Haare und Rüschenhemden sind gerade wieder in Mode. Umso größer ist der Kulturschock, den dieser kultivierte Gentleman aus der Vergangenheit erleidet: Frauen dürfen mittlerweile Ärzte werden (Burtons Gattin Helena Bonham-Carter  spielt die nach dem ewigen Leben dürstende Psychiaterin Dr. Hoffman), die Menschen vertreiben sich die Zeit mit Makramee, dem hässlichsten aller Hobbys, sie stellen sich widerwärtige, langhaarige Trollpuppen in die Wohnungen, und im Fernsehen läuft nur Schrott.

Barnabas passt sich allerdings schnell an. Von einer Hippieclique lässt er sich nachts am Lagerfeuer darüber belehren, dass man Frauen nicht mehr umwirbt, indem man ihren Vätern Geld, Schafe oder – wenn die Liebe besonders groß ist – beides gibt. Und die Mitglieder seiner nach 200 Jahren finanziell heruntergekommenen Familie (die von Michelle Pfeiffer als Matriarchin beherrscht wird) überzeugen ihn, dass ein "Ball" heutzutage "Happening" heißt und man dort am besten den Rockstar Alice Cooper auftreten lässt – für den gendermäßig ziemlich verwirrten Barnabas das "hässlichste Frauenzimmer, das ich je sah".

Dies alles veranstaltet Barnabas, um das Herz der Gouvernante Victoria (Bella Heathcote) zu gewinnen, denn die sieht seiner im 18. Jahrhundert durch Hexerei zum Selbstmord getriebenen Geliebten Josette ähnlich. Leider ist sie nicht die einzige Wiedergängerin: Auch die Zauberin Angelique (Eva Green), die einst Josette und Barnabas’ Eltern tötete, hat überlebt und macht als Chefin eines konkurrierenden Fischereikonzerns den Collins’ das Leben schwer.

Angelique ist eine ehemalige Geliebte von Barnabas, die sich immer noch nach seinem Körper sehnt. Die Sexszene zwischen den beiden Todfeinden gehört zu den Höhepunkten des Films. Collins ist offensichtlich keiner der züchtigen Vampire aus den Romanen  und Filmen von und nach Stephenie Meyer; sondern er gehört zu den Blutsaugern mit Unterleib und gewaltigem "Mojo", die in den Sechzigern die Popkultur bereicherten: Er hat den erotischen Drive eines Christopher "Dracula" Lee (der eine Nebenrolle spielt) oder des Grafen Krolock aus Roman Polanskis Film "Tanz der Vampire".

Doch im Gegensatz zu diesen ist er im Innersten gut geblieben. Er bedauert sehr, "diese sympathischen unrasierten jungen Leute" im Wald ausgesaugt zu haben, aber seine Natur lässt ihm nun mal keine andere Wahl. Zumindest darin ähnelt er Robert Pattinsons Softvampir der Gegenwart.

Das Konzept des "barmherzigen Vampirs" war eine Neuerung der Fernsehserie "Dark Shadows", die in den USA Ende der Sechzigerjahre lief und nicht nur bei Burton und Depp Kultstatus hat. Man muss sie nicht kennen, um den Film zu mögen. Wahrscheinlich ist es sogar besser, wenn man sie nie gesehen hat – dann muss man wenigstens nicht herumnörgeln an den Veränderungen, die Burton notwendigerweise vornehmen musste, um die Windungen einer 365-teiligen Grusel-Seifenoper auf Spielfilmlänge zusammenzustauchen.

"Dark Shadows" ist immer dann am besten, wenn es ganz altmodisch ist. Das Gesicht des kleinen Gully McGrath als jüngstem Collins-Spross David, der harte kämpferische Mund von Michelle Pfeiffer als seiner Tante, die sehnsüchtig-hellseherischen Augen von Bella Heathcote als Kindermädchen und die Architektur des Spukschlosses schaffen mehr Gothic-Gruselatmosphäre als alle digitalen Monster. Aber wahrscheinlich ist dieser Vorbehalt genauso gestrig wie die wundervoll gewählte Sprache des Vampirs, und ich bin der Einzige, dem es "Erbrochenes in die Mundhöhle" (so Barnabas) treibt, wenn er zum millionsten Mal eine computeranimierte Kamerafahrt durch ein verschlungenes Gebäude ansehen muss.

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