Dienstag, 6. März 2012

Halle träumt von Gentrifizierung

In bin am Sonntag in Halle gewesen. Der Anblick der Altstadt, wo 22 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch ungefähr jedes dritte Haus leer steht und verfällt, hat mich tieftraurig gemacht. Ich wohne in Prenzlauer Berg, wo (ebenso wie neuerdings in Kreuzberg) viel über die Gentrifizierung und den Aufwertungsdruck (ein Wort, das bezogen auf Immobilien, glaube ich, ausschließlich Andrej Holm benutzt) geklagt wird. Aber in Halle dachte ich nur: Unsere Berliner Gentrifizierung hätten sie hier gerne.
Denn die Gentrifizierungskritiker vergessen ja: Es hätte mit Prenzlauer Berg nach der Wende ja auch ein ganz anderes Ende nehmen können. Wenn die Studenten und später die Schwaben nicht gekommen wären, hätte sich der allgegenwärtige Verfall ja auch einfach fortsetzen können. Dann würde Prenzlauer Berg heute so aussehen wie Halle. Und das würden wahrscheinlich auch die Altbewohner nicht gut finden.
Genausogut hätte Prenzlauer Berg auch der neue Wedding werden können - mit Altbauten, die zwar bewohnt und notdürftig saniert sind, aber doch überwiegend von Migranten bewohnt würden. Ich bin mir nicht sicher, ob es den selbst erklärten "Ureinwohnern" des Kiezes wirklich gefallen würde, wenn ihre Nachbarn heute nicht "Schwaben", sondern arabische Großfamilien wären.
Nun, es ist so gekommen, wie es kommen musste. Irgendwer musste die Kosten für die Sanierung der Häuser aufbringen und diese Investition konnte eben nur über Mieterhöhungen bzw. die Umwandlung in Eigentumswohnungen aufgebracht werden. Vor Härten schützt das deutsche Mietrecht: Die Familie, die über uns wohnt, zahlt seit 2012 endlich genau den gleichen immer noch relative moderaten Quadratmeterpreis für ihre Wohnung wie wir - gnadenloser Turbokapitalismus sieht anders aus. Wenn die Mieten in Prenzlauer Berg in den vergangenen Jahren stärker gestiegen sind als anderswo, dann hat das auch damit zu tun, dass hier eine jüngere und weniger seßhafte Bevölkerung lebt als in anderen Berliner Stadtteilen. Hier wird einfach mehr umgezogen, wie ich auch bei uns im Haus (mit Hinter- und Nebenhaus) feststelle. Und die größten Mietsprünge machen Wohnungen nun mal immer bei Neuvermietungen: Wir zahlen 300 Euro mehr als unsere Vormieter!

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