Donnerstag, 9. Februar 2012

Schwarzer deutscher Schwan

Als Andres Veiel 2003 seinen Dokumentarfilm „Die Spielwütigen“ über vier Studenten der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ drehte, merkte man, dass der Weg zur Bühne und zum Film durch endlose Schleifereien, Psychokrisen aber auch die durch die Untiefen einer Lehrbürokratie führt, die gezwungen ist, das scheinbar Unsystematisierbare der künstlerischen Persönlichkeitsbildung dennoch zu formalisieren. Mit seinem Spielfilm „Die Unsichtbare“ zeigt der Regisseur Christian Schwochow nun, wie wenig all der Drill die jungen Schauspieler auf das vorbereiten kann, was sie im wirklichen Theaterleben erwartet, wenn sie einem tyrannischen Großkünstler begegnen.

Die Studentin Fine (gespielt von der Dänin Stine Fischer Christensen) wird von ihrem Schauspielschuldirektor (Ulrich Matthes mit hässlichen Hemden, die er privat nie tragen würde) nicht gerade zu den großen Hoffnungen ihres Jahrgangs gezählt. Erst recht nicht, nachdem sie bei einem Vorspielen für Intendanten und Regisseure auf der Bühne eingeschlafen ist. Doch ausgerechnet diese „Unsichtbare“ (logischerweise ein tödliches Urteil für jede Darstellerin) wählt der aus dem Alkoholismus in den Theaterbetrieb zurückgekehrte Star-Regisseur Kaspar Friedmann (Ulrich Noethen als ein bisschen Frank Castorf, ein bisschen Klaus-Michael Grüber, ein bisschen Peter Zadek und eine Spur Andrea Breth) als Hauptdarstellerin für seine neue Produktion „Camille“ aus. Die Theaterszenen sind übrigens alle in der Volksbühne gedreht. Berlins größter Sprechtheaterraum lässt die Neulinge noch kleiner wirken.

Natürlich ist Fine zunächst begeistert über diese einmalige Chance. Doch Friedmann hat sich vor allem deshalb für sie entschieden, weil sie im Gegensatz zu ihrer besten Freundin und Kommilitonin (Anna Maria Mühe) einen „Knacks“ hat und der große Seelenzergliederer hofft, mit Hilfe dieser Beschädigung in die Tiefen ihrer Seele vordringen zu könnten – dorthin wo solche Regisseure den Schlüssel zum ganz großen Auftritt vermuten. Während Friedmann bei Fine auch noch ganz woanders hin vordringt, stürzt sie sich in eine Reihe selbstzerstörerischer Grenzerfahrungen, vagabundiert durch das Berliner Nachtleben und verliert allmählich den Kontakt zur Realität.

Diese Realität sieht bei Fine allerdings recht trostlos aus: Sie lebt mit ihrer Mutter, einer Politesse (Dagmar Manzel, so verhärmt geschminkt und gespielt, dass man sie kaum wiedererkennt), und ihrer schwer behinderten Schwester Jule (Christina Drechsler) in einer kleinen Wohnung. Hier raubt ihr nicht nur das Gebrüll Jules oft den Schlaf, sondern ihre Mutter behandelt sie ungewollt ebenfalls wie eine „Unsichtbare“ – die pflegebedürftige Schwester hat immer Vorrang gehabt.

Fines sexuelle Experimente, die Verletzungen, die sie sich zufügt und nicht zuletzt ihre Perücke erinnern an den Film „Black Swan“, in dem Natalie Portman eine ganz ähnliche Figur in einer ähnlichen Geschichte spielte – dort allerdings im Ballettmilieu. Christian Schwochow, der das Drehbuch auch diesmal wieder wie bei seinem Debütfilm „Novemberkind“ zusammen mit seiner Mutter Heide Schwochow geschrieben hat, versichert allerdings chronologisch durchaus glaubwürdig, ihm sei die Idee zu „Die Unsichtbare“ völlig unabhängig gekommen. In der Tat: Für eine Kopie ist „Black Swan“ noch gar nicht alt genug.

Ohnehin ist „Die Unsichtbare“ ein Film ganz eigenen Rechts. Nicht nur, weil Stine Fischer Christensen eine überaus intensives Psychogramm einer Besessenen abliefert, das aber – im Gegensatz zu „Black Swan“ – durch gelegentlich aufblitzenden Humor erträglich gemacht wird. Sondern auch weil der Regisseurstypus, den Noethen verkörpert, so tief deutsch ist wie die ganze Vorstellung von Schauspielkunst, über die er und Fine sich absolut einig sind. Bei allein Überzeichnungen und aller Melodramatik gelingt Schwochow ein glaubwürdiges Genrebild des Bühnenbetriebes. Das ist schon viel. Denn im Film und noch mehr im Fernsehen gehören Theaterschauspieler (genauso wie Boulevardjournalisten, Politiker und Industrielle) zu den Berufsgruppen, die fast immer jämmerlich klischeehaft dargestellt werden.

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