Donnerstag, 9. Februar 2012

Ein Vorschlag zur Güte

Es gibt gewiss viele gute Gründe, sich über Peter Sloterdijk lustig zu machen. Zu den weniger guten zählt allerdings die Tatsache, dass der Philosoph vorige Woche einen Preis gestiftet hat, mit dem Menschen ausgezeichnet werden, die dem Rad des Bösen in die Speichen gegriffen und der Güte zu ihrem Recht verholfen haben. Die Güte hat derzeit keine gute Presse in Deutschland. Schon die Tatsache, dass „Gutmensch“ zu einem Schimpfwort geworden ist, zeigt eine ungeheure Verkommenheit des Denkens und Fühlen. Es ist, als hätten sich die zynischen Kotzbrocken der Welt verschworen, die Güte in den Dreck zu ziehen und lächerlich zu machen, damit ihre eigene seelische Missbildung nicht so auffällt.

Daran wird vermutlich auch der neue Film der belgischen Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne nichts ändern. Obwohl er zeigt, wie eine einzige Person mit einer Entscheidung zur Güte den schrecklichen Lauf der Welt verändern kann und das sogar dann, wenn sie über eine nur sehr bescheidene wirtschaftliche und intellektuelle Macht verfügt. Dieser Mensch ist eine Friseurin mit dem wunderschönen Unterschichtnamen Samantha. Nach einer zufälligen Begegnung im Wartezimmer eines Notarztes beschließt sie, sich um den 11-jährigen Jungen Cyril (Thomas Doret) zu kümmern, den sein überforderter Vater im Waisenhaus abgegeben hat - vorübergehend, wie der junge Mann seinem Kind weismachen möchte. Umso wichtiger wird für den Jungen das Fahrrad, das ihm sein Vater geschenkt hat. Ihre Beziehung hängt nicht am sprichwörtlichen seidenen Faden, sondern am eisernen Rahmen dieses Kindermountainbikes – doch auch der erweist sich nicht als stabil.

Jérémie Renier spielt den Rabenvater, und das ist eine bittere Pointe innerhalb des Dardenne-Universums. Denn er hatte ja schon einmal, in „Das Kind“ 2005 einen verantwortungslosen Filou dargestellt, der seinen Sohn loswerden wollte. Nun treten die Dardennes gewissermaßen noch einmal nach: Selbst wenn er damals das Kind behalten hätte, hätten ihn die Umstände und seine eigene Unfähigkeit eben später gezwungen, es aufzugeben. Die Dardenne-Welt ist finster und hält wenig Trost bereit.

Jedenfalls war das bisher so. In „Der Junge mit dem Fahrrad“, der 2011 in Cannes die Goldene Palme gewann, gönnen die Regisseure dem Zuschauer ein paar Milligramm Optimismus. Die Hartnäckigkeit, mit der Samantha dem Jungen hilft, obwohl er sie belügt und schließlich sogar zum Werkzeug eines Kriminellen wird, ist – das haben auch die Dardennes zugegeben – märchenhaft. Samantha hat etwas von einer guten Fee.

Andererseits: Wer würde schon einem kleinen Jungen widerstehen können, der darum bittet, dass man ihn am Wochenende aus dem Waisenhaus zu sich holt? Vermutlich jeder einzelne Soldat aus der Milliardenarmee der „Gutmenschen“ verachtenden Widerlinge, die die Welt besetzt halten. Aber die anderen, diejenigen, die irgendwo in einer geheimen Kammer ihres Herzens noch Reste von Mitgefühl und Barmherzigkeit verstecken, würden es vielleicht doch tun. Bloß würden sie wohl angesichts aller Enttäuschungen nicht so lange durchhalten wie Samantha. Irgendwann stellt sogar ihr Freund sie vor die Wahl: Der Junge oder ich.

Diese Samantha wird gespielt von Cécile de France, einem Star. Das ist ein Bruch der Dardennes mit ihren eigenen künstlerischen Regeln. Bisher beschäftigten diese beiden Weltkinokünstler aus den belgischen Vorstädten fast immer Amateure, die sich dann allerdings wie Renier, der mittlerweile auch in anderen Filmen gespielt hat, zu echten Schauspielern entwickeln konnten. Die Neuerung funktioniert aber gut. Cécile de France, die mit ihrer leichten Studiobräune und ihre Achtzigerjahresträhnchen ein bisschen an die junge Stéphanie von Monaco erinnert, wirkt hier absolut überzeugend als Friseurin aus dem echten Leben und gleichzeitig verleiht sie der banalen Figur eine stille Schönheit und Würde. Sie ist – in faustischen Begriffen gesprochen – die Verkörperung des Ewig-Weiblichen, das uns hinan zieht, während der Dealer, der Cyril zu seinem Handlanger machen will, wie ein lange Zeit sehr verführerischer und charmanter Mephisto der Sozialbauten auftritt.

Zwischen ihnen steht der famose junge Darsteller Thomas Doret, den die Dardennes beim Casting aus 150 Bewerben ausgewählt haben. Ein ernster kleiner „Pit-bull“ – so nennt ihn der Dealer anerkennend – der sich in jede Hoffnung emotional so fest verbeißt, dass er sich nur schwer wieder lösen kann. Lange braucht er, um zu erkennen, dass Céciles Güte seine einzige Chance ist und der Glaube an die Liebe seines biologischen Vater genauso Blendwerk ist wie die Lockungen des Drogenhändlers.

„Der Junge mit dem Fahrrad“ erzählt aber auch davon, dass die Rettung niemals nur von außen kommen kann. Cyrill selbst muss sich entscheiden, den Zyklus des Bösen zu durchbrechen, bei dem jede Gemeinheit, die einem selbst angetan wird, mit einer neuen Gemeinheit vergolten wird. Der zwölfjährige Thomas Doret schafft es, etwas spielen, das er wahrscheinlich gar nicht versteht (was ja in gewisser Hinsicht das Wesen jeder Schauspielkunst ist).

Wenn Cyrill ganz zum Schluss geprügelt und zerschunden geradezu von den Toten wiederaufersteht und seine Demütigung ohne Rachegelüste abtut, dann hat dieser stille Moment ein existenzielles Gewicht. Das ist gewissermaßen das waffenlose und zeitgenössische Gegenstück zum des von Nick Cave geschriebenen Australo-Westerns „The Proposition“ (eines der besten Filme der Nullerjahre), wo der Held eine endlose Kette von Gewalt und Mord unterbricht mit den Worten „No More!“. Hier wie dort tut sich am Horizont des Films ein winziger Hoffnungsschimmer auf. Ein Schimmer. Mehr nicht. Aber das ist in der Welt der Dardennes eine weitere Neuheit.

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