Mittwoch, 1. Februar 2012

Bismarck bei den Simpsons

Julian Assange bei den Simpsons
Angeblich glauben Wilde, dass Fotografen, die ein Bild von ihnen machen, damit ihre Seele einfangen. Von einer ähnlichen Furcht vor Stimmaufzeichnungen ist nichts bekannt. Dabei ist der Sitz der Seele doch wohl eher die Stimme als die äußeren Züge eines Menschen. Davon kündet nicht nur das Wort "Soul" als Bezeichnung einer Musikrichtung. Es heißt ja im 130. Psalm auch: "Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen. Dein gnädig Ohren kehr zu mir Und meiner Bitt sie öffen" - und nicht "Aus tiefster Not schick ich dir mein Porträt".

Sicher ist, dass wir Postmodernen jede Ehrfurcht vor der fotografischen Abbildung eines berühmten Menschen der Vergangenheit verloren haben, aber dass uns der Klang ihrer Stimme immer noch erschaudern lässt. Wir sind gewöhnt, Leute wie Abraham Lincoln oder Balzac auf Daguerrotypien zu erblicken, aber ich erinnere mich, dass die Aufzeichnung einer Lenin-Rede, die man in den Achtzigerjahren bei der Zeitschrift "Konkret" als Aboprämie bekam (oder so), mich völlig faszinierte. Dabei hat doch Lenin bereits zur Zeit des Radios und des Grammophons gelebt.

Umso mehr berührt uns die Stimme Otto von Bismarcks, die auf einem jetzt hörbar gemacht Edison-Zylinder aus dem Jahre 1889 erklingt. Seitdem vor zwei Tagen die New York Times darüber berichtete, sind die Zeitungen zurecht voll davon. Die Aufnahme widerlegt auch den Mythos, der Eiserne Kanzler habe eine hohe Fistelstimme gehabt. Diese Legende war gewiss von irgendwelchen Erbfeinden Bismarcks in die Welt gesetzt worden - davon hatte er viele: Sozialdemokraten, Franzosen, Katholiken. Den Franzosen erweist er immerhin die Ehre, ihre Nationalhymne zu zitieren. Man glaubt bei den wenigen Worten, die man hinter all dem Rauschen überhaupt versteht, die Heiterkeit eines Mannes herauszuhören, der sich seiner Leistung gewiss war und der aber bereits schon ahnte, dass ihn bald der junge Kaiser Wilhelm II. schassen würde. Sollte der Schnösel doch seinen Dreck alleene machen.




Irgendwie passt zu der Bismarck-Entdeckung, die am gleichen Tage verbreitete Nachricht, dass Wikileaks-Gründer Julian Assange demnächst einen Gastauftritt bei den "Simpsons" haben werde. In der 500. Episode der Endlos-Zeichentrickserie ist Assange der neue Nachbar der Simpsons. Er lädt sie zum Grillen ein und schaut sich mit ihnen ein "Heimvideo" an - es zeigt die Bombardierung einer afghanischen Hochzeit. Die Simpsons-Casting-Chefin Bonnie Pietila brachte Assange dazu, einige vom Drehbuch verlangte Sätze aufzunehmen - er musste dafür nicht einmal den geheimen Ort in England verlassen, an dem er sich aufhält, bis ein Gericht über seine Auslieferung nach Schweden entscheidet.

Assange, der demnächst auch eine Talkshow für russische Fernsehen produziert, gilt nicht gerade als scheu. Eine viel größere Heldentat Bonnie Pietilas war deshalb, dass sie 2004 den notorisch scheuen Schriftsteller Thomas Pynchon (von dem weniger Fotos existieren als von Balzac) zu gleich drei Gastauftritten bei den Simpsons überredete. Er tat es angeblich seinen Enkeln zuliebe. In der ersten Episode "Diatribe of Mad Housewive" lernten Fans, dass Pynchon seinen eigenen Nachnamen "Pinschon" und nicht "Pinschen" ausspricht. Seitdem ist Pynchon für seine Verhältnisse übrigens geradezu mediengeil geworden. Für sein letzten Buch "Natürliche Mängel" sprach er sogar einen Werbespot (unten).

Auf ihrer ewigen Suche nach möglichst überraschenden Gästen sind die Simpsons-Produzenten seltsamerweise noch nie auf die Idee verfallen, die Stimmen von verstorbenen Prominenten aus den Archiven auszugraben. Dabei ist die körperliche Anwesenheit des Gastes ja durchaus nicht nötig, wie die Assange-Episode beweist. Und interessante Schätze gibt es genug zu heben. Gerade hat das Magazin der Smithsonian-Museen auf seiner Webseite Aufnahmen von Sir Conan Doyle, Virginia Woolf und F. Scott Fitzgerald veröffentlicht. Und auch Bismarck scheint geradezu prophetisch einen Gastauftritt bei den "Simpsons" schon vorbereitet zu haben: Der Kanzler spricht u. a. das amerikanische Lied "In Good Old Colony Times". Woher kannte er, der niemals in Amerika gewesen war, dieses Lied eigentlich? Egal. Matt Groenings Autorenteam müsste nur noch eine Rahmenhandlung dafür erfinden.

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