Dienstag, 17. Januar 2012

Zum Tode von Carlo Fruttero

Carlo Fruttero ist gestorben. Vielen Feuilletons war das nur eine kleine Meldung wert. Nur die NZZ und die Süddeutsche Zeitung haben größere Nachrufe. Sic transit gloria mundi. In den Siebziger, Achtziger und noch in den frühen Neunzigerjahren waren die Krimis  von Fruttero und seinem 2002 gestorbenen Schreibpartner Franco Lucentini internationale Bestseller. Mehr als das: Im Gegensatz etwa zu ihren schwedischen Zeitgenossen Sjöwall/Walöö verfügten Fruttero/Lucentini über Humor und literarische Qualitäten. Und sie waren - ebenfalls im Gegensatz zu den Genannten - realistische Gesellschaftsschilderer, die das Land, in dem sie lebten und das sie beschrieben, nicht durch die verzerrende Brille einer Ideologie sahen. Die sympathischste Figur in ihrem letzten übersetzten Krimi "Das Geheimnis der Pineta" war ein etwas degenerierter Adeliger, der auf ein erotisches Abenteuer ausging und das mit dem Tod bezahlen musste.

Wer wissen will, welche Zustände die Dauerherrschaft von Berlusconi überhaupt erst ermöglich hat, muss Fruttero/Lucentini lesen. Die beiden waren damals nicht nur in literarischer Hinsicht die Stimme ihres Lande: Wenn der "Spiegel" mal wieder wissen wollte, was in Italien los war, machte er ein Interview mit Fruttero/Lucentini (hier ein spätes Einzelinterview mit Fruttero). Sie nahmen damit eine ähnliche Position ein, wie sie Petros Makaris für Griechenland hat - auch ein Krimiautor, der immer der Welt sein Land erklären muss. Mit ihnen begann der Trend, dass Krimiautoren zu offiziellen Pressesprechern ihrer Heimat werden - man denke nur an die ganzen Interview mit Skandinaviern, nach dem Breivik-Massaker.

Für den 12. März dieses Jahres hat der Piper-Verlag übrigens die Übersetzung von Frutteros Memoiren "Ein Herr mit Zigarette" angekündigt. Schon die Tatsache, dass "Herren" heute ja eher selten mit Zigaretten zu sehen sind, zeigt, wie tief diese Erinnerungen in das 20. Jahrhundert zurückreichen müssen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen