Sonntag, 15. Januar 2012

Spekulationen über Georg Heym

Als der Expressionist Georg Heym am 16. Januar 1912 beim Schlittschuhlaufen in das Eis der Havel nahe Berlin einbrach und ertrank, war das nicht nur der bis dahin absurdeste Tod der deutschen Literaturgeschichte – überboten wurde er später nur noch von Ödön von Horvath, der 1938 auf den Pariser Champs-Élysees von einem im Gewitter herabstürzenden Ast erschlagen wurde. Sondern Heym machte Georg Büchner mit seinem allzu frühen Ableben auch den Rang des am meisten vermissten früh vollendeten Poeten streitig. Für die Literatur wäre es gewiss besser gewesen, wenn beide ein paar Jahre länger gelebt hätten und andere Autoren ein paar Jahre weniger.

Gemein ist den beiden Georgs auch, dass die Welt  nach ihrem Tode eine Weile brauchte, um ihre Bedeutung zu erkennen: Büchner hatte mit 23 schon das deutsche Drama revolutioniert – allerdings ohne dass es zu seinen Lebzeiten irgendwer gemerkt hätte. Heym hatte mit 25 schon ein paar Dutzend Gedichte geschrieben, die die  deutschsprachige Lyrik für immer verändern sollten, aber auch das kapierten die meisten erst lange, nachdem sein Leichnam aus dem Eiswasser gefischt worden war.

Sein berühmtestes Poem „Der Krieg“ gehörte in  den Siebzigerjahren und Achtzigerjahren zur lyrischen Hausapotheke der Friedensbewegung – es ist aber trotzdem gut. Als Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg 2010 das lange tabu gewesene K-Wort erstmals benutzte und den  Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr endlich wahrheitsgemäß „Krieg“ nannte, da malten sich fantasievolle Zeitungsleser aus, ob er wohl im Kabinett Heym rezitiert habe: „Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,/ Aufgestanden unten aus Gewölben tief./ In der Dämmrung steht er, groß und unbekannt,/ Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.“

Wie Büchner lädt Heym auch zu Gedankenspielen ein, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn er nicht so früh ertrunken wäre. Vielleicht wäre er schon wenig später im 1. Weltkrieg gefallen wie Ernst Stadler, Alfred Lichtenstein oder August Stramm, die neben ihm in der Sammlung „Menschheitsdämmerung“, diesem Who is Who des Expressionismus, gedruckt wurden. Hätte er überlebt – wohin wäre dann sein politischer Weg gegangen? Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass er irre geworden wäre, ist angesichts des Schicksals seiner Weggenossen Georg Trakl und Jakob van Hoddis auch nicht zu unterschätzen. Falls er bloß dem allgemeinem Wahnsinn der Zeit verfallen wäre: Hätte er sich wohl eher dem Faschismus angebiedert, wie Hanns Johst und Gottfried Benn? Oder wäre er Kommunist geworden wie Johannes R. Becher und Bertolt Brecht? Viele expressionistische Altersgenossen, die beide  Extremismen gleichermaßen verachteten, sind arm und vergessen im Exil am anderen Ende der Welt gestorben wie Paul Zech in Buenos Aires oder Albert Ehrenstein in New York. Wenn nicht, dann wurden sie im KZ ermordet wie Hoddis oder starben von den Nazis drangsaliert wie Ernst Blass. Nur wenige hatten noch das späte Glück wie Becher und Arnold Zweig im Osten und Kurt Pinthus oder Karl Otten im Westen als Kulturfunktionäre an die Vergessenen ihrer Generation erinnern zu dürfen.

Ein grauhaariger Georg Heym mit Embonpoint als Mitglied des DDR-Kulturbunds oder der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, mag für viele eine unerwünschte Vorstellung sein. Vielleicht wäre sein Mythos verblasst, wie bei so manchen, die ihren Talentvulkanausbruch in der Jugend zu lange überlebten. Desillusionierte Bewunderer könnten sich aber heute trösten, mit ein paar Gedichten mehr, die er wohl noch geschrieben hätte, wenn das Eis vor genau 100 Jahren nur ein bisschen fester gewesen wäre.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen