Mittwoch, 4. Januar 2012

Spätrömische Verhältnisse

Gerade weil das kaiserliche Rom unserer heutigen Gesellschaft in vielem so ähnlich zu sein scheint, sind Vergleiche immer gefährlich - Guido Westerwelle war bestimmt nicht der letzte, der sich damit lächerlich gemacht hat. Trotzdem fühlte auch ich mich bei der Lektüre von Jerôme Carcopinos Buch "Rom. Leben und Kultur der Kaiserzeit" ein paar mal frappierend an die Gegenwart erinnert - und zwar vor allem dort, wo er die wirtschaftlichen Verhältnisse beschreibt. Auf Seite 104ff resümiert Carcopino den Kampf der römischen Mittelschicht um ihren Lebenstandard: "Man mußte mindestens ihr jährliches Einkommen [das der ritterlichen Vermögensgruppe] ausgeben können, um das allerbescheidenste bürgerliche Leben führen zu können. Darunter begann die Armut der proletarisierten Massen, denen die Kleinbürger übrigens in Wirklichkeit viel näher standen als den steinreichen Kapitalisten, denen sie lediglich durch theoretisch gültige Gesetze nahegerückt waren." [Hervorhebung von mir]
Ein paar Seiten weiter (S. 116ff) heißt es: "Die großen Vermögen wuchsen sprunghaft, einerseits durch ihr eigenes Kapital, zum anderen durch die Umstände, aus denen die Besitzenden allein Nutzen ziehen konnten. (...) Dazu kam in Rom eine sich ruckhaft aufblähende Spekulation. Sie wurde zum Antrieb einer Wirtschaft, in der die Produktion von Tag zu Tag mehr an Bedeutung verlor und der Handel alles überwucherte. Arbeit allein, die bisher Wohlstand verheißen hatte, genügte nicht, jene Vermögen zu erringen, die kaiserliche Gunst und Börsenspekulationen einbrachten."
Der Dichter Martial rät einem Freund seinen Sohn zum Auktionskommissar (praeco) ausbilden zu lassen. Kein Wunder, dass ein anderer Dichter, Juvenal, sich in einem Epigramm Glück nur als Freiheit von Arbeit vorstellen kann. Carcopino kommentiert das: "Über dieses matte Wunschbild ziehen die Wolken der Wirklichkeit, gleiten die Schatten einer alternden Welt. Die gesellschaftlichen Klassen, zumindest in Rom, beginnen sich zu verhärten. In den mittleren Stufen ist die Hierarchie noch in Bewegung, in den Spitzen erstarrt sie schon. (...) Das Streben nach Gleichberechtigung verkehrt sich in sein Gegenteil. Es ist in falsche Bahnen gelenkt, erst verzögert, dann überstürzt. Mit den mittleren Klassen, die so etwas wie die Drehscheibe bilden, veränderte sich die demokratische Ordnung unter dem doppelten Druck der Massen, denen eine aus den Fugen geratene Wirtschaft keinen normalen Lebensaufstieg mehr ermöglichte und einer übertriebenen Bürokratie (...).
Das 1939 erschienene Buch des französischen Historikers Jerôme Carcopino war übrigens die wichtigste Quelle, der sich der "Asterix"-Schöpfer René Goscinny bediente, wenn er wissen wollte, wie der Alltag der Römer aussah. Wie man aus dem "Dictionnaire Goscinny" erfährt, hatte er ein Exemplar in seiner persönlichen Bibliothek (hier ein Foto). Allerdings schlichen sich dadurch in die "Asterix"-Hefte Anachronismen ein, denn Carcopino behandelt die Kaiserzeit um die Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert n. Chr. - also ungefähr jene Epoche die Edward Gibbon im 18. Jahrhundert als glücklichste Epoche der Menschheitsgeschichte bezeichnet hat. Carcopinos aus fundamentaler Quellenkenntnis geschöpftes Buch ist bis heute nicht überholt - genauso wenig übrigens wie sein Vorgänger: Die "Sittengeschichte Roms" von Ludwig Friedländer. Wenn man wissen will, wie die Römer gelebt haben, muss man diese beiden Bücher lesen.

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