Mittwoch, 4. Januar 2012

Rorty und Vattimo reden über Gott

Ich lese gerade „Die Zukunft der Religion“ von Richard Rorty und Gianni Vattimo. Mit einer Verspätung von fünf Jahren zwar, aber das ja fast nichts angesichts der Größe der Fragen, um die es hier geht. Das Buch ist im Wesentlichen ein Dialog zwischen dem unreligiösen Amerikaner, den die Philosophie zu einer lässigen Toleranz gegenüber dem persönlichen Glauben gebracht hat (den organisierten Glauben hält er in seiner derzeitigen Form nach wie vor für gefährlich) und dem Italiener, der von sich sagt: „Ich stelle fest, dass ich immer religiöser werde, also muss ich wohl an Gott glauben.“ Es besteht aus zwei kurzen, für die Verhältnisse von modernen Philosophen sehr lesbaren manifest-artigen Texten der Autoren und der Mitschrift eines Dialoges zwischen ihnen über die „Die Zukunft der Religion nach der Metaphysik“, das am 16. Dezember 2002 in Paris stattfand.

Die beiden Grundthesen, auf die sich Rorty und Vattimo verständigen sind im Wesentlichen folgende (Verkürzungen und Vereinfachungen gehen natürlich auf meine Kappe):

1. Die moderne erkenntniskritische und hermeneutische Philosophie hat den Gegensatz zwischen Glauben und Wissen, der das neuzeitliche Denken lange geprägt hat, entschärft. Die Nicht-Existenz Gottes ist genauso wenig beweisbar wie seine Existenz. Der Furor jener klassischen Atheisten, die Gläubigen entgegenhielten, ihre Überzeugung seien nicht überprüfbar bzw. hielten einer solchen Prüfung nicht stand, wirkt ein bisschen altmodisch, ja sogar diktatorisch. Denn das ganze Denken unserer Epoche lief darauf hinaus, auch andere, nicht metaphysisch grundierte Gewissheiten in Frage zu stellen. Vattimo schließt daraus: „… wenn die Philosophie zur Kenntnis genommen hat, daß sie das letzte Fundament nicht mit Gewissheit ergreifen kann, [ist] auch die ,Notwendigkeit‘ des philosophischen Atheismus beendet. Nur eine ,absolutistische‘ Philosophie kann sich ermächtigt fühlen, die religiöse Erfahrung zu leugnen.“ (im genannten Buch Fußnote S. 104, Zitat aus „Jenseits des Christentums, S. 12f)

Rorty schreibt: „Eines Tages werden die Ideengeschichtler vielleicht feststellen, daß die Philosophieprofessoren im 20. Jahrhundert nach und nach damit aufhörten, bestimmte schlechte Fragen zu stellen – Fragen wie ,Was existiert wirklich?‘, ,Wie weit reicht das menschliche Erkenntnisvermögen und an welche Grenzen stößt es?‘ und ,Wie ist die Sprache mit der Wirklichkeit verbunden?‘“ (S. 33) Die wichtigsten Bewegungen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts seien „antiessentialitisch“ (ebd.) gewesen – jede Form des Strebens nach einer objektiven Essenz des Denkens erschien ihnen lächerlich. Vattino schreibt: „Heute hat die Cartesische – und so auch die Hegelsche – Vernunft ihre Bahn vollendet, und es hat nicht mehr allzuviel Sinn, Glauben und Vernunft einander so scharf entgegenzusetzen.“ (S.42) Denn die moderne Philosophie stellt die ganze Möglichkeit objektiver Erkenntnis in Frage und reduziert Wahrheiten (für meinen Geschmack manchmal etwas zu voreilig) auf den Status sprachlicher Übereinkünfte und gesellschaftlicher Verabredungen. Die Physik hat auch viele scheinbar unumstößlich Tatsachen der Naturwissenschaften in Frage gestellt – neuerdings werden ja sogar erste Zweifel an der Relativitätstheorie experimentell begründet.

Damit wollen beide übrigens nicht den Wert des wissenschaftlichen Weltbildes an sich in Frage stellen. Für Rorty war „der im 18. und 19. Jahrhundert ausgetragene Kampf zwischen Religion und Wissenschaft ein Wettstreit zwischen Institutionen, die beide die kulturelle Vorherrschaft beanspruchten. Zum Glück für beide, für die Religion und die Wissenschaft, gewann die Wissenschaft diesen Kampf. Denn Wahrheit und Wissen gehören in die Domäne sozialer Kooperation, und die Wissenschaft gibt uns die Mittel an die Hand, bessere kooperative soziale Projekte durchzuführen als in der Vergangenheit.“ (S. 45)

2. Die Säkularisierung ist nur die endgültige Konsequenz der Menschwerdung Gottes. In dem Moment, als er in der Gestalt Christi inkarnierte, hörte er auf das absolute Andere zu sein und ging im Menschlichen auf. Rorty fasst Vattimos These zusammen: „Die Menschwerdung war ein Akt der kénosis, jener Akt, in dem Gott alles in Menschenhand legte, dies erlaubt Vattimo, seine überraschendste und wichtigste Behauptung zu formulieren: daß ,die Säkularisierung […] konstitutives Merkmal einer authentischen religiösen Erfahrung ist.“ (S. 41) Der „Tod Gottes“ trat ein, als er in den Menschen zu leben begann. Das Versprechen des Evangeliums sei – so Vattimo -, dass Gott uns nicht mehr als Knechte sondern als Freunde ansieht. „Das Wesen der Offenbarung“ sei „reduziert auf die christliche Liebe und der ganze Rest anheimgegeben der Unbestimmtheit der verschiedenen geschichtlichen Erfahrungen.“ (S. 44)

Für Vattimo ist das eine positive Aussicht: „Eben weil Gott als letztes Fundament, und das heißt als absolute metaphysische Struktur des wirklichen, nicht mehr vertretbar ist, eben deshalb ist es von neuem möglich, an Gott zu glauben. Allerdings nicht an den Gott der Metaphysik und der mittelalterlichen Scholastik.“ (Fußnote S. 104, Zitat aus „Jenseits des Christentums, S. 12f).

Richard Rorty ist 2007 gestorben und hatte also seitdem persönlich Gelegenheit, sich von der Existenz oder Nicht-Existenz Gottes zu überzeugen. Falls es einen persönlichen Gott gibt, wird er den Atheisten vermutlich recht wohlwollend empfangen haben, denn Rorty gehörte zu den vielen Ungläubigen, die oft am tiefsten über den Glauben nachgedacht bzw. die größten religiösen Kunstwerke geschaffen haben. Vermutlich hat ihn Rorty/Vattimos Spekulation über sein Vorhandensein und seine Strategie amüsiert.

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