Donnerstag, 5. Januar 2012

Ein Gruß aus Deutsch-Südwestafrika 1910

Eine Ahnung davon, was verloren ginge, falls irgendwann einmal Texte nur noch digital überliefert werden, bekommt man gelegentlich, wenn man in alten Büchern blättert oder vergilbte Schallplattencover in die Hand nimmt.

Während meines Studiums las ich für eine Seminararbeit über Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau in diesem 300 Jahre alten Exemplar  der so genannten "Neukirch'schen Sammlung" aus dem Magazin der Braunschweiger Stadtbibliothek. Ich war jedesmal ganz gerührt, wenn ich wieder entdeckte, dass bereits im 19. Jahrhundert jemand mit dem Buch gearbeitet und mit Bleistift geschriebene Randglossen hinterlassen hatte.

Ähnlich erging es mir, als ich mir vor gut zehn Jahren ein Exemplar von Marty Robbins' epochalem Country-Album "Gunfighter Ballads and Trail Songs"  aus dem Jahr 1959 bei einem Schallplattenversand in England bestellte. Die LP hat auf der Rückseite des Covers den Bibliotheksstempel des "United World College of S. E. Asia", einer internationalen Schule in der Dover Road, Singapore 5, die immer noch existiert - aber offenbar irgendwann keine Verwendung mehr für Jahrzehnte alte Vinylschallplatten hatte. Da die Schule erst 1971 vom legendären Premierminister Singapurs Lee Yuan Kew eröffnet wurde, gehörte die Platte vermutlich schon zum Bestand der St. John's Army School, einer Militärschule, die vorher, bis zum endgültigen Rückzug der Briten aus Singapur 1970, im gleichen Gebäude untergebracht war. Noch mindestens bis 1975 muss die Platte der Schulbücherei gehört haben (das Wort Mediathek war noch nicht erfunden), denn erst in jenem Jahr wurde die Schule "United World College of S. E. Asia" genannt. Irgendwann scheint Marty Robbins Meisterwerk aber ausrangiert und in Privatbesitz gelandet zu sein, denn es hat noch einen Aufkleber, der darauf hinweist, dass sie einmal einem Menschen namens "Robb" gehört hat, der sie offenbar als Nr. 23 in seine Plattensammlung einsortiert hatte.

Noch exotischere Geschichten erzählt mein Exemplar von Gustav Frenssens "Peter Moors Fahrt nach Südwest" (hier der komplette Text als Pdf). Dieser Roman über die Abenteuer eines jungen Angehörigen der Schutztruppe in der Kolonie "Deutsch-Südwestafrika" (heute Namibia) während des Herero-Aufstands 1904 erschien 1906 und war laut Wikipedia bereits zwei Monate nach Erscheinen hunderttausendmal verkauft. Das Buch in meiner Bibliothek hat auf dem Vorsatzblatt die Zählung "Hundertachtundvierzigstes Tausend" und stammt aus dem Jahre 1909. Es wurde damals für 3 Mark verkauft - der Preis steht mit Bleistift im Buch und daneben stehen zwei Zahlen, die möglicherweise "9/10" lauten, also darauf hinweisen, dass es im September 1910 angeboten wurde. Sicher ist, dass es von der Stadt Berlin für die Bücherei der Schutztruppe in Südwestafrika gespendet wurde. Das geht aus einem gestempelten Ex-Libris hervor, das auf der linken Aufschlagseite klebt. In der Kolonie wurde das Buch dann unter der Nummer 201 in die Garnisonsbibliothek von Keetmanshoop einsortiert, wo seit 1894 ein Schutztruppenfort existierte. So steht es mit gut leserlicher Tintenschreibschrift auf der rechten Aufschlagseite. Außerdem stehen da noch zwei schwer leserliche Namen in Bleistiftschrift, einer in Sütterlin, beim anderen kann man möglicherweise wenigstens den Familiennamen "Lambiase" entziffern.
Das Schutztruppenfort in Keetmanshoop 1905 Foto: Wikipedia
Die Soldaten in Keetmanshoop werden in dem Buch vermutlich manches von ihrem eigenen Erleben wiedererkannt haben. Frenssens Roman schildert den Aufstand aus der Perspektive eines jungen holsteinischen Freiwilligen aus dem Seebataillon der Kaiserlichen Kriegsmarine, der sich freiwillig gemeldet hat, um die Ermordung deutscher Farmer durch die Schwarzen zu rächen. Das Buch ist erstaunlich frei von Hurrapatriotismus, sondern der Ich-Erzähler berichtet ganz naiv und  sehr anschaulich von der harten Realität des Feldzuges und auch von der Angst, die er selber auszustehen hatte. Frenssen erweckt den Eindruck, dieser "Peter Moor" habe es ihm quasi als Augenzeugenbericht in die Feder diktiert. Es wirkt tatsächlich so authentisch, auch in den geographischen Schilderungen und den detaillierten Beschreibungen der Taktik der Schutztruppe, weil der Schriftsteller Kriegsteilnehmer befragt hat. Gerhard Seyfried hat in seinem Roman "Herero", der den Aufstand schildert, 2003 seitenlange Passagen daraus übernommen, ohne diese Zitate kenntlich zu machen. Allerdings machte er mir gegenüber, als ich ihn damals interviewte auch keinen Hehl aus diesen Übernahmen. Im Gegenteil: Er selbst wies mich auf seine Quellen hin.

Fünf Jahre nach der freundlichen Buchspende aus Berlin gab es keine Garnisonsbibliothek Keetmanshoop mehr. Am 9. Juli 1915 kapitulierte die isolierte deutsche Schutztruppe vor der Übermacht der mit Großbritannien verbündeten Südafrikaner. Möglicherweise hat das Buch noch dem einen oder anderen Kriegsgefangenen die Zeit bis zum Ende des 1. Weltkriegs verkürzt, während der die deutschen Soldaten in einem Lager bei Aus interniert waren.

Keetmanshoop, das von rheinischen Missionaren gegründet wurde und nach dem deutschen Industriellen Johann Keetman benannt ist, existiert noch heute und lebt nicht zuletzt von Touristen, die hierher, in den Süden Namibias, kommen, um die Spuren der deutschen Kolonialvergangenheit zu besichtigen.

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