Montag, 2. Januar 2012

Der Nikolaus ein Rassist und Sklavenhalter?

Zwarte Piet Foto: Wikipedia
In Suriname, dem ehemaligen Niederländisch-Guyana, will das Parlament die Feiern zum Nikolaustag verbieten. Einen entsprechenden Vorschlag hat der ehemalige Präsident und Oppositionsführer Ronald Venetiaan am 23. Dezember gemacht, berichtet die Internetseite des französischen Auslandsradiosenders RFI. Der Grund für das Verbot: Das Fest sei "rassistisch".

In der speziellen niederländisch-protestantischen Tradition wird St. Nikolaus - oder Sinterklaas wie man ihn dort nennt - von einem dunkelhäutigen Helfer begleitet, der Zwarte Piet (schwarzer Peter) heißt und eine ähnliche Funktion erfüllt, wie der in Deutschland ein bisschen aus der Mode gekommene Knecht Ruprecht: Er assisistiert dem Nikolaus beim Verteilen von Süßigkeiten, ist aber auch ein Schreckgespenst für Kinder, die nicht artig waren. Meist gibt es nicht nur einen Zwarten Piet sondern sie treten in Gruppen auf. Jedes Jahr am 5. Dezember sieht man in den Straßen unseres Nachbarlandes viele weiße blonde Holländer, die sich die Gesichter schwarz gefärbt und sich als Zwarte Piet verkleidet haben.

In Suriname, das bis 1975 eine holländische Kolonie war, leben noch immer ein Prozent holländischstämmige Menschen. Aber offenbar wird das Fest dort nicht nur von ihnen begangen, sonst wäre die Aufregung wohl kaum so groß. Das Parlament in der Hauptstadt Paramaribo hat die niederländische Nikolaustradition als "schlechtes Vorbild für Kinder" verurteilt, denn es sei offensichtlich, dass es sich bei Zwarte Piet und Nikolaus um einen Sklaven und seinen Herren handele. In Suriname stammt etwa ein Drittel der Bevölkerung von afrikanischen Sklaven ab (32,4 Prozent), die anderen großen Bevölkerungsgruppen sind indischer Herkunft (27,4 Prozent) oder ihre Vorfahren stammen aus der ebenfalls ehemaligen holländischen Kolonie Java (heute Teil Indonesiens).

Der Zwarte Piet geht zurück auf eine Geschichte des niederländischen Schulmeisters Jan Schenkman, die 1845 unter dem Titel "St. Nikolaus und sein Helfer" veröffentlicht wurde. Zu dieser Zeit hatte die Holländer noch ein weltumspannendes Kolonialreich und verdienten gut am Sklavenhandel. Die Sklaverei schafften sie erst 1863 ab - 30 Jahre später als Großbritannien. Damals lag es wohl für jeden Leser nahe, sich den kleinen Mohrenjungen, den Nikolaus aus Afrika mitgebracht hatte, als Sklaven vorzustellen. Heute ist der Zwarte Piet für die meisten Holländer nur noch eine geliebte folkloristische Figur, über deren historischen Hintergrund sie nichts wissen oder wissen wollen. Oft erklären sie Ausländern und ihren eigenen Kindern, Piet sei nur deshalb so schwarz, weil er durch die Schornsteine steige, um die Geschenke zu bringen.

Trotzdem erregt die Figur nicht nur in Surinam Anstoß, sondern auch in Holland selbst. Wenige Tage nach den diesjährigen niederländischen Nikolaus-Feiern hatte eine Korrespondentin des amerikanischen Online-Magazins Slate ihr Befremden über die in ihren Augen rassistische Tradition zum Ausdruck gebracht. Das konnte man in Holland vielleicht als Ausdruck typischer amerikanischer politischer Hyperkorrektheit abtun. Doch auch unter den Einheimischen regt sich allmählich Skepsis - vor allem dann, wenn sie nicht weiß sind.

Einer von ihnen ist der Dichter Quinsy Gario, der dieses Jahr am 12. November von holländischen Polizisten zu Boden geworfen und mit Pfefferspray gequält wurde, weil er ein selbstbeschriftetets T-Shirt mit dem Slogan "Der Zwarte Piet ist Rassismus" trug. Damit wollte er bei der offiziellen Feier von St. Nikolaus' Ankunft in Doordrecht demonstrieren. Diese wird immer Mitte November in Holland als großes nationales Fest mit einer Live-Fernsehübertragung begangen. Der Nikolaus, der mit einem Dampfschiff ankommt und auf einem weißen Pferd reitet, wird von einem populären Schauspieler gespielt. Jedes Jahr bekommt eine andere Stadt die Ehre, ihn zu empfangen.

Der Vorfall mit Quinsy Gario, der in der ehemaligen holländischen Kolonie Curacao geboren wurde, hat die Debatte um Zwarte Piet neu entfacht. In der linken Zeitung De Volkskrant gab es in den Wochen vor Weihnachten eine Serie von Kommentaren zum Für und Wider der Tradition. Versuche, dem Nikolaus einen weniger Anstoß erregenden Helfer zur Seite zu stellen, hatte in der Vergangenheit schon häufiger gegeben: Überlicherweises wird Zwarte Piet heute nicht mehr mit Ohrringen als "Wilder" gekennzeichtet und auch die Perücken, die er trägt, sind heute nicht mehr so eindeutig "negerkraus" wie früher. In Den Haag hatte man 2006 gar versucht, einen Zwarten Piet mit vielfarbiger Haut einzuführen, um dem heutigen multiethnischen Holland damit besser gerecht zu werden. Der Versuch war wenig erfolgreich.

Dennoch wird vielleicht auch der Zwarte Piet über kurz oder lang verschwinden - so wie es einem ähnlichen Kinderliebling auf der anderen Seite des Ärmelkanals ergangen ist: dem Golliwog. Der Golliwog ist eine Erfindung der britischen Illustratorin Florence Upton, die 1895 erstmals in einem ihrer Kinderbücher auftauchte. Es handelt sich um eine Figur mit krausem Haar, schwarzem Gesicht und dicken Lippen, die gemeinsam mit zwei holländischen Holzpuppen Abenteuer in einer fantastischen Welt erlebt. Bis vor wenigen Jahrzehnten waren Golliwog-Puppen fester Bestandteil jedes britischen Mädchenzimmers. Debussy komponierte ein Stück namens „Golliwog‘s -Cake Walk“ und die Band Creedence Clearwater Revival nannte sich zunächst „The Golliwogs“, bevor sie 1967 den Namen annahm, unter dem sie dann weltberühmt würde.

Heute gilt der Golliwog als rassistisch. In der auch hierzulande gezeigten britischen Fernsehserie „Extras“ von Ricky Gervais, gibt es eine Szene, in der die von Ashley Jensen gespielte Maggie einen Liebhaber mit in ihre Wohnung nimmt, der schwarz ist. Plötzlich fällt ihr ein, dass in ihrem Regal gut sichtbar eine alte Golliwog-Puppe steht. Ihr Versuch, die Puppe heimlich verschwinden zu lassen, macht die Sache noch schlimmer. Dagegen tauchte 2007 in dem Comic „The Black Dossier“ des britischen Autors Alan Moore der Golliwog als eine Art schwarzer Superheld auf. Die holländischen Puppen, mit denen er ganz offensichtlich eine erotische Beziehung unterhält, schwärmen von seinem "großen Gemächt". Der Künstler Moore erinnert daran, was für eine mit weißen sexuellen Angstphantasien aufgeladene Figur sich die kleinen Mädchen da früher ins Bett gelegt haben.

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