Sonntag, 13. November 2011

Wilco in Berlin: Jeff Tweedy ist der neue Boss

Ich komme gerade vom Wilco-Konzert im Berliner Tempodrom zurück. Ich bin nicht nur von der Musik überwältigt, sondern auch menschlich tief berührt. Denn ich bin seit 1996 Wilco-Fan und habe in den vergangenen 15 Jahren manches Mal um Jeff Tweedy gebangt. Bekanntlich stand es um die seelische Stabilität des Wilco-Frontmanns nicht immer zum besten. Es gab oft Pausen zwischen den Platten, die seinen Depressionen und einer zeitweiligen Tablettensucht geschuldet waren. Was allen Qualen zum Trotz auf Alben erschien, war zwar wunderbar, aber häufig auch tieftraurig. Umso beglückender war der Eindruck, den Tweedy heute auf dem Konzert machte: Zu sehen, dass er im fortgeschrittenen Alter von mittlerweile 44 Jahren so etwas wie Superstar-Qualitäten entwickelt hat, erfüllte mich mit reiner Freude.

Musikalisch wurde des Konzert bestimmt vom häufigen Zusammenspiel dreier Gitarristen - neben Tweedy sind das Nels Cline und Pat Sansone -, die eine erstaunliche Wall of Rock produzieren. Das hätte leicht in die Ohren bluten lassenden Klangmatsch abgleiten, wenn der Sound nicht so extrem gut gewesen wäre. Mir war bisher her nicht klar, wieviel Stadionkracher-Potenzial in den auf den Alben oft so zurückhaltend interpretierten Wilco-Songs steckt. Trotz dieses Zusammenspiels gab es niemals eine Sekunde Zweifel daran, wer die Hauptfigur auf der Bühne war: der schmale Mann mit den dunklen Haaren und dem Hut, der gar nicht viel reden musste - ein paar ironische Augenzwinkereien, ein paar Standardkomplimente für Berlin -, um die Leute um dem Finger zu wickeln.

Vielleicht hätte mich das alles gar nicht so sehr überraschen dürfen, denn zuletzt klang jedes Wilco-Album seit "Sky Blue Sky" ein bisschen weniger depressiv und gesünder als das vorherige. Die neue Platte "The Whole Love" ist nicht zufällig das kommerziell erfolgreichste der Band. Und in Amerika hat Tweedy offenbar längst den Status eines Stars: In Jonathan Franzens jüngstem Roman "Freiheit" kommen Erfolg und Anerkennung für eine der Hauptfiguren, den Musiker Richard, in dem Moment, als Leute wie Tweedy sich als seine Fans bekennen. Trotzdem hat mich das Talent zum Massenhypnotiseur, das Tweedy heute an den Tag legt, schier umgehauen. Ausgerechnet dieser gefährdete Künstler macht das Versprechen wahr, das Ryan Adams leider nie gehalten: In die Fußstapfen Bruce Springsteens zu treten und Stadionrock für intelligente sensible Menschen zu machen.



Und das wurde gespielt:
Tempodrom / Berlin, DE / Nov 12 2011 setlist:

One Sunday Morning
Poor Places
Art Of Almost
I Might
Black Moon
Company In My Back
I Am Trying to Break Your Heart
One Wing
Bull Black Nova
She's A Jar
Kamera
Impossible Germany
Born Alone
Hummingbird
Whole Love
Handshake Drugs
Dawned On Me
A Shot in the Arm
..
Via Chicago
War On War
I'm The Man Who Loves You
Misunderstood
Heavy Metal Drummer
The Late Greats
I'm A Wheel

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