Freitag, 14. Oktober 2011

Die DRR war nicht Deadwood, die BRD kein Schlossinternat

In der wirklich gelungen Literatur-Beilage der Sonntags-FAZ, mit der ich jetzt durch bin, finde ich eine ziemlich erhellende Anekdote. Jan Brandt berichtet von einem Literaturstipendium, das ihn dazu zwang, für 1000 Euro pro Monat in der Provinz mit anderen Schriftstellern zu leben: "Ich hatte nicht mit der schriftstellerischen und sozialen Inkompetenz und der demoralisierenden Aura meiner Mitstipendiaten gerechnet. Der eine erzählte mir stundenlang von seiner traurigen DDR-Kindheit (Eltern Alkoholiker, Heimkind, NVA-Dienst). Als ich gerade ansetzte, dem ein anderes Klischee, meine wundervoll privilegierte BRD-Kindheit gegenüberzustellen, sagte er: 'Du musst mir nichts erzählen, das interessiert mich sowieso nicht.'"

Nach 20 Jahren in Berlin muss ich leider sagen, dass der Schriftsteller ziemlich typisch für den Mangel an Neugier, die fehlende Offenheit, das Klischeedenken und die gesellschaftliche Unfähigkeit von ca. 80 Prozent seiner Landsleute ist. Mit den restlichen 20 Prozent bin ich befreundet.

Mich erinnert der Schriftsteller an den jungen Kollegen aus Wernigerode, den ich 1991 auf einem Lehrgang in Hagen kennenlernt und der jede Nachfrage immer mit dem Satz abbürstete: "Das verstehst du nicht, weil du nicht in einer Diktatur gelebt hast."

Schlimm wird es, wenn schlicht gestrickte Wessis, denen auch noch das Klischee bestätigen, wir wären alle behütet im Wohlstand aufgewachsen. Ich erinnere mich, wie ich ca. 1998 mal in der Baracke des Deutschen Theaters an einer Podiumsdiskussion mit Thomas Ostermeier und dem kleinen Bolle-Bourdieu von Berlin, Wolfgang Engler, teilnahm. Da eröffnete Ostermeier seine Erwiderung auf die Einlassung eines jungen Ost-Regisseurs mit der captatio benevolentiae: "Wir Wessis, die wir ja alle behütet und im Wohlstand aufgewachsen sind, können das möglicherweise nicht verstehen."

Ich habe damals aufgejault. Als Sohn einer alleinerziehenden Fabrikarbeiterin/Kneipenbedienung/Putzfrau und eines noch vor der Geburt geflüchteten italienischen Gastarbeiters hatte ich logischerweise keine behütete Kindheit - und ich bin darin, glaube ich, ziemlich repräsentativ für einen großen Teil der BRD-Jugendlichen in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Wenn in der BRD alle reich gewesen wären, hätte der Kapitalismus ja völlig zu Recht gesiegt, denn dann wäre in ihm ja schon der Kommunismus verwirklicht gewesen.

Auf der anderen Seite bringen es viele ehemalige DDR-Bürger fertig, einerseits der "Geborgenheit" der idyllisch-kleinbürgerlichen DDR nachzutrauern und anderseits so zu tun, als hätten sie ihre Kindheit in Kalkutta, Ciudad Juarez oder Deadwood verbracht.

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