Montag, 10. Oktober 2011

Die blutige Brygyda vom Gethsemaneplatz

Ich wollte mich eigentlich nie an der Prenzlauer-Berg-Debatte beteiligen. Zu viel Gehässigkeit, zu viel Klischees, zu viel Andrej Holm. Aber an diesem Wochenende hat die taz einen Text abgedruckt, der in so beispielhafter und geradezu klassischer Weise all den rassistischen Unfug reproduziert, der über die neuen Bewohner von Prenzlauer Berg im Umlauf ist, dass ich mir einen Kommentar dazu einfach nicht mehr verkneifen konnte. Der Artikel ist ein Vorabdruck aus einem Buch der mir bis dato unbekannten taz-Redakteurin Anja Maier, das in ein paar Tagen in dem angesehenen linken Thesen-Verlag Bastei Lübbe erscheint. Ich fasse ihn hier nur kurz und verzerrend zusammen.

Es handelt sich um die Tirade eine Ost-Berliner Caféwirtin in Prenzlauer Berg, die mal so richtig schön und hemmungslos über die Schwäbinnen abkotzt, die in ihrem Etablissement verkehren. Aber die Schwaben/Einheimische-Frontstellung ist hier offensichtlich nur die Fassade. Im Grunde ist diese Frau Tanja D. ein ganz typischer Berliner Dienstleistungsdragoner, wie man sie in der Hauptstadt in fast jedem Restaurant, auf fast jedem Amt und in fast jedem Geschäft antrifft - ganz besonders oft in kleinen alteingesessenen Handwerksbetrieben. Bäckerein und Metzgereien sind ihr wahres Biotop. Diese Menschen haben in der Schule nicht gut genug aufgepasst, um eine Karriere als Atomphysiker und Investmentbanker zu machen, und sie sind nun zutiefst verzweifelt darüber, dass sie für bescheidenes Geld andere Menschen bedienen müssen. Ihre Kundschaft empfinden sie als störend. Ihre Lieblingssatz ist "Hamwa nich." Sie dulden in ihrem Etablissements eigentlich nur Leute, die sie in jahrzehntelanger Erziehungsarbeit darauf abgerichtet haben, bloß nichts zu verlangen, was die Routine des Betriebs stören könnte. Ihre Lieblingsfrage ist: "Wie immer?"

Was das Kopftuch für den Islamhasser, ist der Bugaboo für die fremdenfeindliche Berliner Kiezkröte
Tanja D., diese blutige Brygyda vom Gethsemaneplatz, wird besonders fuchsig, wenn ihre Gäste mit Sonderwünschen kommen. Wenn sie so ausgefallene Sachen wie Sojamilch wollen oder fragen, ob sie vielleicht ausnahmsweise mal eine Abweichung von der vorgeschriebenen Tagessuppe bekommen können, dann erwacht in ihr der uralte Instinkt aller Berliner Dienstleistungsdragoner, dem Gast mal so richtig klarzumachen, wer der Herr im Hause ist. "Die hab ick rausgeschmissen, klar, is immer noch mein Café" brüstet sich die Frau, die ich mir als eine durch Zigarettenrauch und Lichtentzug ausgedörrte Mischung aus Pionierleiterin und Tätowierschlampe vorstelle - selbstverständlich mit rotgefärbten Haaren.

Apropos "brüsten": Am allermeisten regt sich Tanja D. darüber auf, dass die zugezogenen Frauen in aller Öffentlichkeit ihre Babys stillen. Sie nennt sie deswegen nur "die Rinder". Verräterisch ist der Satz: "Jetzt setzen die sich hier im Pulk hin, holen ihre Euter raus und stillen die Kinder." Da feixt der taz-Leser sich eins. Aber man ersetze einfach mal in Gedanken die Schwäbinnen durch Rumäninnen oder Zigeunerinnen. Wie schnell Frau D. samt ihrem Laden da in einem aufrecht antifaschistischen Shitstorm untergehen würde! Den "Rindern" wirft sie sogar den entlarvenden Evergreen-Satz aller NPD-Wahlkämpfer an den Kopf: "Sollen die doch zurückgehen, dahin, wo sie herkommen." Unverblümt träumt sie von der ostzonal befreiten Zone Prenzlauer Berg.

Es ist die neue ungehemmte Fremdenfeindlichkeit des Kiezberliners, die sich hier artikuliert. In Kreuzberg fühlen sie sich von den Touristen gestört und protestieren gegen ortsfremde Unternehmen wie McDonalds, in Prenzlauer Berg hassen sie die Schwaben und hängen stolz Schilder in ihre Kneipenfenster, auf denen "kein Milchkaffee" steht. So wie der Türkenhasser bei Kopftüchern und Minaretten rot sieht, geifern sie gegen Yoga und Bugaboos. Sogar das schon millionenfach aufgewärmte Klischee von den rücksichtslosen Kinderwagenfahrerinnen, die alle anderen vom Gehweg drängeln, ist nur das Update eines alten rassistischen Topos: In den Sechzigerjahren warnte "Bild" vor Italienerbanden, die sich provozierend  nebeneinander auf den Bürgersteigen breit machten.

Natürlich will Frau D. trotzdem nicht als Faschistin gelten. Um ihre großstädtische Toleranz zu beweisen bedient sie sich des gleichen Tricks wie die Anti-Islam-Hetzer bei Politically Incorrect oder der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders. Genau wie diese gibt sie vor, die libertäre Lebensform  der Homosexuellen gegen die Bedrohung durch die stumpfsinnige Heterokultur hinterwäldlerischer Einwanderer zu verteidigen. "Ich hab schwule Stammgäste, die sehen das und sagen: Entschuldige Tanja, mir wird schlecht, ich kann nicht mehr zu dir kommen, wenn die hier ihr ganzes Gehänge rausholen. Kann ick verstehen." Na klar, wenn's die Schwulen sagen, dann bekommt natürlich auch der widerwärtigste xenophobe sexistische Scheiß das Gütesiegel der politische Korrektheit. Auch stelle man sich einfach mal vor, die Schwäbinnen hätten ebenso unbefangen gepöbelt, ihnen würde schlecht, wenn sie Männer sehen, die sich ihre Zungen in den Hals stecken. Hei, was dann los wäre bei der taz-Leserschaft! Doch solange es nur gegen vermeintlich besserverdienende Anwaltsgattinnen geht, kann Tanja D.  auf mehr als klammheimliches Einverständnis beim linken Publikum hoffen. Dabei hat sie ihr Tirade gegen die seltsamen Gebräuche der schwäbischen Migrantinnen sogar mit dem Credo eingeleitet, das bei fremdenfeindlichen Spießern wie ihr alles rechtfertigt: "Ich komm ja von hier."

Damit offenbart sie, worum es eigentlich geht. Um den Wunsch, dass sich Neuankömmlinge gefälligst der einheimischen Leitkultur anpassen sollen. Oder am besten ganz wegbleiben. Ähnlich hatte es vor einiger Zeit schon mal der Journalist Jochen-Martin Gutsch in der Berliner Zeitung formuliert. Der Berufsjugendliche mit dem kleinen DJ-Zickenbart Modell 1998 beschimpfte die Mitglieder einer Bürgerinitiative, die sich für einen autofreien Gethsemaneplatz einsetzen, als "Arschgesichter" und bekam dafür viel Beifall von der richtigen Seite: Von faschistoiden Leserbriefschreibern, die sich gleich auch noch über die "seltsamen Kirchen" der Zugezogenen aufregten. Als ein paar Jahre zuvor etwas weiter nördlich in Pankow andere Zugezogene eine noch seltsamere Kirche - eine Moschee - errichten wollten, hatten die Berliner Zeitung kritisch über die Menschen berichtet, die dagegen demonstrierten. Aber Fremdenhass ist eben nicht gleich Fremdenhass: Wenn er sich gegen Wessis richtet, kann man ihn schon mal durchgehen lassen.

Natürlich greift Anja D. auch mal wieder zum alten Klischee, dass die Schwäbinnen alle Provinzler sind. Sie selbst hat das Kosmopolitische natürlich mit Löffeln gefressen. Dabei hat sie sich offenbar ja noch nie in ihrem Leben aus dem Dunstkreis begeben, in den sie hineingeboren wurde. Denn was anderes besagt der so stolz geäußerte Satz: "Ick bin ja von hier"? Dagegen haben die Schwäbinnen wenigstens einmal den Sprung nach Berlin gewagt und die Enge ihrer Heimat hinter sich gelassen.

Was sie nicht ahnten: Hier warten schon Frauen, die den gleichen Mist wiederkäuen wie ihren strengen, fleißigen, harten und herzlosen Schwabenmütter, vor denen sie geflohen sind. Frauen wie Tanja D., die solche uralten Provinzspießerinnensätze sagen wie: "Wir haben unsere Kinder früher auch groß gekriegt ohne das ganze Tara." Und die sich darüber aufregen, dass die neuen Mütter "schön erst mal drei Jahre zu Hause bleiben". Während man selbst sich zu DDR-Zeiten sofort nach der Geburt mit noch blutigem Schoß wieder auf den Sitz des LPG-Traktors geschwungen hat.

Empörend findet Tanja D. auch, dass die "Rinder" ihre Kinder "fördern, fördern, fördern" wollen und im Kindergarten schon nach Spanischunterricht fragen. Aus ihr ist doch schließlich auch was geworden. obwohl sie solches Gedöns nicht hatte! Offenbar kann sie sich überhaupt nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die sich für ihre Kinder eine glänzendere Zukunft ausmalen als das Dasein einer Kneipenwirtin im Kiez.

In Schwaben dagegen weiß man sehr wohl, dass man gar nicht früh genug damit anfangen kann, möglichst viele Fremdsprachen zu lernen. In Heidenheim, der Heimat meiner Frau, einer kleinen Stadt mit knapp 50 000 Einwohnern, gibt es nicht nur mehr Ausländer als in Prenzlauer Berg (dafür dass hier  nicht allzu viele werden, sorgen schon die gewaltbereiten Kinder von Frau D. und ihren Stammgästen). Sondern dort sind auch mindestens zwei weltweit operierende Unternehmen heimisch: Der  Hersteller von Medizin- und Pflegeprodukten Hartmann und die Turbinenfabrik Voith. Deren Angestellte verhandeln heute in Dubai, morgen in Russland und übermorgen in Brasilien. Angesichts dessen frage mich schon, was Frau D. oder  irgend so einem Ost-Berliner Zopfträger, der mit seiner Pennerbank auf dem Helmholtzplatz verwachsen ist, eigentlich das Recht gibt, Schwaben als Provinzler zu beschimpfen. Ohne zugewanderte Schwaben wie die Hohenzollern, Hegel oder Brecht würden die Berliner Nachfahren von irgendwelchen Sumpfslawen doch immer noch auf den Bäumen rumklettern.

Am allerbesten gefällt mir aber der Schluss des taz-Artikels. Da kommt ein alter Bekannter von Frau D. in die Kneipe: "Holger erzählt, dass er gerade eine neue Wohnung sucht. Er wohnt in einem Hinterhaus, das direkt auf einen Innenhof mit Spielplatz hinausgeht. Ick halte dit Jeschreie nicht mehr aus, sagt er dreißig Jahre bin ick hier, aber jetzt is jut, ick zieh nach Charlottenburg. Da isset ruhig." Das ist es: Wenn die Berliner Kiezkröte nach Jahrzehnten des regungslosen Verharrens mal aus ihrer Starre erwacht, ihre alte Haut abstreifen will und den ganz großen Sprung ins Abenteuer wagt, dann landet sie - in Charlottenburg.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen Artikel. Wir möchten Sie zu diesem Thema auch auf unser Editorial hinweisen.

    http://www.carambolagen.de/html/editorial_archiv/archiv012.html

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  2. Nicht nur Leute wie diese Kneipenwirtin können einem Angst machen, auch Journalisten, die ihnen die Möglichkeit geben, sich dermaßen zu produzieren. Ich habe einen anderen Artikel von Anja Maier aus demselben Buch gelesen, wo auch sie nochmal das Thema Verkehrsproblematik aufgreift, genauso triefend von Populismus und Fremdenhass wie obiger zitierter Artikel. Wenn das die taz-Journalisten von heute sind, dann kauf ich mir keine taz mehr. Oder ist mir die versteckte Ironie der Anja Maier total entgangen??? Etwas mehr Reflektion und kritische Recherche bitte und nicht nur Polemik, die sich anscheinend gut verkauft. Die haben wir doch schon mit anderen Zeitungen vertreten.

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  3. Frau D.s Kinder als gewaltbereit zu beschimpfen und alteingesessene Kiezkröten zu beleidigen und doch sehr deutlich ihren Beruf zu degradieren, finde ich ein starkes Stück von Ihnen. Wunderbar auch, wie sie sich einzelne Zitate aus dem Zusammenhang reißen um Ihre fragwürdigen Thesen zu untermauern. Genau so wurde einem unliebsamen Journalisten vor Kurzem erst Antisemitismus unterstellt.

    Ich habe selbst im Kiez gelebt und wurde mit meinem Mann(der etwas südländisch aussieht) von einer ,vermutlich zugezogenen(ich mache dies an ihrem Dialekt fest) als dämlicher Türke beschimpft und wir sollen doch mal wieder in unseren Bezirk zurück ziehen.

    Es ist nicht alles so einseitig zu betrachten und den schwarzen Peter von einer zur anderen Seite zu schieben zeugt nicht gerade von Weitsicht.....

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  4. Na Matthias Heine, wieder mal ein typische Fall von nichts verstanden?

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