Donnerstag, 6. Oktober 2011

Der Weltuntergang als radikale Psychotherapie

Lars von Trier hat einen Film gemacht, der sich so zusammenfassen lässt: zwei hysterische Frauen und der Weltuntergang. Um mehr geht es nicht in "Melancholia". Kirsten Dunst und Charlotte Gainsbourg als großbürgerliches Schwesternpaar Justine und Claire begehen angesichts eines auf die Erde zurasenden Todessterns jede Menge sinnloser Übersprungshandlungen, während die Männer um sie herum nach und nach davonrennen - offensichtlich nicht gewillt, die letzten Stunden ihres Lebens mit ihren neurotischen Gattinnen zu verplempern.

Während Frau Gainsbourg, die in von Triers letztem Film "Antichrist" noch vom leibhaftigen Teufel besessen war, diesmal als Claire die eher heulsusig-banale Hausfrauenvariante des Nervenzusammenbruchs verkörpern muss - ihr fällt angesichts des Armageddon auch nichts anderes ein, als noch einmal einen letzten Kindergeburtstag zu veranstalten -, kommt bei Kirsten Dunsts Justine eher die mondän-romantische Diva zum Vorschein. Wenn sie nicht gerade unter Beweis stellt, dass die Flucht auch mit motorisierten Gefährten nur noch lächerlich ist - die Limousine ist viel zu breit für die schmalen Straßen, und mit dem Buggy kommt man ohnehin nicht weiter als bis zum Rand des Golfplatzes -, liegt sie ständig irgendwo unwillig und apathisch herum: auf dem Bett, in der Wanne und schließlich sogar im silbernen Mondlicht hingegossen auf dem Moos am Rande eines Bachufers wie eine Nymphe aus den neoromantisch tuenden Kitschdrucken, die Ende des 19. Jahrhunderts deutsche Wohnzimmer schmückten und die man heute noch gelegentlich auf Flohmärkten findet.

Von der Bildwelt dieser Zeit sind Lars von Trier und sein Kameramann Manuel Alberto Claro offensichtlich inspiriert. Man darf bei dem Eiland, auf dem sich das luxuriöse Haus befindet, in dem Justine ihre Hochzeit gefeiert hat, an Böcklin denken. Je näher der zerstörerische Planet kommt, desto mehr gleicht das Licht jenem Leuchten, das aus dem Himmel über der Toteninsel kommt. Aber auch die subtil apokalyptischen Landschaften Franz Radziwills könnten Vorbild für einige der Tableaus gewesen sein, die von Trier hier ausstellt.

Man bemerkt in jeder Sekunde des Films, dass sein Schöpfer ein Genie ist. Man soll es bemerken. Niemals lässt das Kunstwollen in "Melancholia" auch nur eine Sekunde nach. Der Film sieht umwerfend gut aus. Kirsten Dunst sieht umwerfend gut aus. Und dennoch fragt man sich, warum man sich angesichts von zig Milliarden interessanterer Menschen auf der Erde, mit denen man die letzten Stunden der Welt verbringen könnte, ausgerechnet für zwei Oberklassenschnepfen interessieren soll, deren einzige Probleme zu viel Geld und zu viele Macken sind. Die sympathischsten Figuren sind die Handlanger am Rande: der etwas tuntige Hochzeitsplaner (Udo Kier), der fast in Tränen ausbricht, weil ihm die sprunghafte Justine "seine" Feier zerstört, und der Butler (Jesper Christensen), der auch den besten Grund hat abzuhauen: Er möchte lieber bei seiner eigenen Familie sterben.

Für ihre Neurosen haben die Damen Claire und Justine allerdings eine gute Entschuldigung: Ihre Eltern gehören zu den besonders entsetzlichen Exemplaren aus der Generation der Tabubrecher und Konventionsverächter. Der Vater Dexter (John Hurt) macht sich in kindischster Weise als Domestikenquäler vor zwei kichernden Objekten seiner Altersgeilheit lustig und verwechselt am Ende, weil ihm der Johannistrieb ins Hirn gestiegen ist, sogar den Namen seiner Tochter mit dem seiner Nutten. Und die Mutter (Charlotte Rampling) ist ein Selbstverwirklichungsdrachen, der es auch bei Justines Hochzeit nicht fertigbringt, mal länger als fünf Minuten so zu tun, als ginge ihr das alles nicht komplett am Arsch vorbei und als würde sie sich nicht ausschließlich für sich selbst interessieren. Die Kindheit mit diesen beiden nun gottlob geschiedenen Monstern muss ein Albtraum gewesen sein. Man versteht sofort, warum sich Claire vor diesem Clan in die Ehe mit einem reichen, virilen, aber etwas flachen Mann (Kiefer Sutherland) geflüchtet hat.

Weniger nachvollziehbar ist allerdings, wieso Justine unbedingt den netten, aber völlig antriebslosen Jack (Alexander Skarsgard) zum Mann nehmen will. Er selbst weiß es offenbar auch nicht so genau und ergreift folgerichtig als erster von den Männern die Flucht. Zunehmend reduziert sich der Film durch den Abgang des männlichen Personals (nur Claires Sohn bleibt bis zum Schluss) auf ein psychologisches Kammerspiel. Kirsten Dunst und Charlotte Gainsbourg dürfen ganz viele ernste Gesichtsausdrücke zeigen. Man kann das für große Schauspielkunst halten. Aber es ist doch eigentlich nichts anderes als melodramatisches Glotzen. Die angestrengt behauptete Tiefsinnigkeit von "Melancholia" und die Streberhaftigkeit, mit der seine Darstellerinnen immer neue Varianten von Seelenpein ausdrücken, erinnern an jene Woody-Allen-Filme um 1980, als der New Yorker mal eine Zeit lang auf gar keinen Fall lustig sein wollte und stattdessen seinem Meister Ingmar Bergman nacheiferte - dabei aber in einem bemühten und falschen Seelenkitsch landete, den Bergman nie geduldet hätte.

Reichtum macht also auch nicht glücklich. Er macht sogar manchmal richtig eklig. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Und im Angesicht des Weltuntergangs wird alles andere unwichtig. Das sind so die Kalenderweisheiten, die man aus "Melancholia" mitnimmt. Zugegeben: Es sind schon bedeutende Filme auf der Basis von noch schlichteren Gewissheiten entstanden. Aber die kamen dann nicht in einer ganz so pompösen Offenbarungspose daher wie "Melancholia". All das genialische Gewese und all der optische Prunk dienen bei von Trier diesmal nur dem einen Zweck: eine Leere im Zentrum zu kaschieren, die sich, weil sie so offensichtlich ist, umso mehr mit Interpretationen füllen lässt.

Aber vielleicht ist das Geheimnis des Scheiterns von "Melancholia" auch ganz banal: Weltuntergangsfilme funktionieren nie. Die größtmögliche Katastrophe ist einfach jenseits jeder dramatischen Darstellungsmöglichkeit. Wenn mit dem Ende des Films wirklich für alle alles aus ist, finden Furcht und Mitleid kein rechtes Ziel. Und es bleibt einfach nur apokalyptische Langeweile.

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