Donnerstag, 8. September 2011

Die Kinder des Hades

So nah wie mit „Le Havre“ ist Aki Kaurismäki einem politischen Film noch nie gekommen. Zwar war das kapitalistische Wirtschaftssystem schon immer das unerbittliche Schicksal seiner Figuren – egal ob es sich um Reiche handelte, die sich wie in „Hamlet Goes Business“ selbst dem Untergang weihten, oder um Arme wie in „Wolken ziehen vorüber“, die ums blanke Überleben kämpften. Doch dieser Kaurismäki-Kapitalismus hatte mit dem realen politisch-wirtschaftlichen System so viel zu tun wie die Könige in den Märchen der Brüder Grimm mit der Wirklichkeit des Feudalismus und des Ancien Regime.

In seinen Filmen wurden in Schwierigkeit geratene Banken „nach Nordkorea“  verkauft und bankrotte Arbeitgeber begingen Überfälle, um ihren Angestellten die ausstehenden Gehälter bezahlen zu können, denn „wir im Norden zahlen unsere Schulden“.  Die Maschinen und Schreibtische, an denen „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ oder Henri Boulanger in „I Hired A Contract Killer“ schufteten, glichen mehr der Arbeitswelt von Charlie Chaplin oder Franz Kafka als der des postmodernen Hyperkapitalismus. Sie waren anachronistisch wie die Tangos und der altertümliche Rock ‘n‘ Roll in Kaurismäkis Werken.

Und nun drehte der Regisseur plötzlich einen Film über ein ganz konkretes politisches Problem  - so konkret, dass Kaurismäki echte aktuelle Fernsehsendungen nutzen kann, um zu erläutern, worum es geht: Um Flüchtlinge aus Afrika und von anderswo, die in Frankreich oder England Rettung vor der Armut in ihren Heimatländern suchen. Diese Beiträge über die Räumung von Lagern der Illegalen, die an der Kanalküste auf eine Gelegenheit zur Überfahrt nach Großbritannien warten, sehen ein französischer Schuhputzer (André Wilms) und seine Freunde aus einem Armenviertel der Hafenstadt Le Havre in einer abgewrackten Spelunke an.

Der Schuhputzer ist mit dem Problem aber nicht nur medial konfrontiert: In seinem Haus versteckt er den afrikanischen Flüchtlingsjungen Idrissa (Blondin Miguel). Zwar ist er selber bitterarm (einmal erzählt er, dass er sein Leben früher in der Pariser Bohème vertan habe – eine Anspielung auf André Wilms‘ Rolle in „Das Leben der Bohème“), aber gemeinsam mit seinen Nachbarn versucht er Geld aufzutreiben, um einen Schlepper zu bezahlen, der Idrissa zu seiner Mutter nach London bringt. Darüber vernachlässigt er sogar seine kranke Frau (Kati Outinen). Der Schuhputzer handelt damit, wie es sein Name nahelegt: Marcel Marx. Auf wen der Familienname anspielt, ist klar. Der Vorname ist eine Verbeugung vor einem anderen Regisseur, auf dessen Spuren Kaurismäki hier unübersehbar wandelt: Marcel Carné.

Bei Carné hatte die Stadt Le Havre vor 73 Jahren ihren ersten großen Kinoauftritt. In seinem Film „Hafen im Nebel“ versucht ebenfalls ein Flüchtling, Frankreich per Schiff zu verlassen. Allerdings war es damals ein von Jean Gabin gespielter Deserteur. Wie jetzt Idrissa in „Le Havre“ konnte er auf die Solidarität anderer Randexistenzen bauen, die er in einer pittoresken Kneipe zwischen niedrigen Häusern am Rand des Meeres traf.
Allerdings war die Geschichte bei Carné von einem düsterschönen Pessimismus durchweht. Kaurismäki dagegen wird mit dem Alter immer optimistischer, so scheint es. Meilenweit hat er sich vom Fatalismus entfernt, dem einst Kati Outinen in „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ zum Opfer fiel. Bei ihm macht Armut nicht hässlich und gemein wie etwa bei Brecht, sondern gut und schön – zumindest innerlich schön, denn die Gestalten in „Le Havre“ tragen meist wieder diese unfassbar skurrilen und zugleich lebensnahen Kaurismäki-Proletarier-Frisuren.

Doch alle Anstrengungen dieser Marginalisierten wären zwecklos, wenn nicht sogar ein Polizist mit ihnen am gleichen Strang ziehen würde. Kommissar Monet (Jean-Pierre Daroussin ) ist eine Figur wie aus dem Holz von Simenon geschnitzt: Er will Verbrecher erbarmungslos verfolgen, aber keine Kinder wie Idrissa hetzen. Monet sieht in seinem schwarzen Trenchcoat zwar aus wie Karl Valentin als Todesengel, aber ganz tief unter seiner harten Schale verbirgt sich eine große traurige Liebe zum Leben und den Menschen. 

Dieser Monet ist geradezu ein Prototyp des poetischen Realismus. So hieß die Filmbewegung, die in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts Marcel Carné und sein Drehbuchautor Jacques Prévert anführten. Gemeinsam haben sie einen noch berühmteren Film gedreht als „Hafen im Nebel“. Der hieß „Kinder des Olymp“ und seine weibliche Hauptdarstellerin war die Sängerin Arletty. Genauso heißt jetzt Kati Outinen in Kaurismäkis Film, damit jeder den Bezug versteht.

Den Kindern des kapitalistischen Hades in „Le Havre“ und der neuen Arletty  ergeht es aber besser als ihren filmhistorischen Vorbildern. Am Ende geschieht dann sogar ein veritables Wunder. Die gute Tat der kleinen Leute von Le Havre wird belohnt, als wäre auch Gott so ein ehrbarer Kaurismäki-Kaufmann mit strenger Buchhaltung, der darauf beharrt, seine Schulden zu bezahlen. Ein Wunder ist auch jeder neue Kaurismäki-Film.  Diesmal hat er sich fünf Jahre Zeit genommen. Vielleicht beeilt er sich mit dem Folgewerk ein bisschen und erzählt nach seinem Coming Out als politischer Filmemacher als nächstes vom erstarkenden Rechtspopulismus in seiner Heimat. Gerne würde ich zusehen, wenn Kaurismäkis wahre Finnen gegen die „Wahren Finnen“ aufstehen.

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