Donnerstag, 22. September 2011

Also doch: Berlin irgendwie im Papstfieber

Der Papst ist in Berlin gelandet, und die Stadt dreht durch. Keine Rede kann davon sein, dass sich die Mehrheit mit einem genervten Schulterzucken abwendet, wie es die Berliner Zeitung vor ein paar Tagen prophezeit hat. Im Gegenteil: Noch der letzte Kreuzberger Kneipenfuzzi, der sich sonst nie um religiöse Belange kümmert, hat das Gefühl, er müsse seine Meinung zu Benedikt XVI. hinausposaunen. Die Stadt, die jede Perversion toleriert, die vor jedem Delikt die Augen verschließt, die jede Verwahrlosung und jeden Schwachsinn stolz als Zeichen ihrer Urbanität betrachtet und  in der sich üblicherweise niemand darum kümmert, ob beispielsweise sein Sitznachbar in der U-Bahn sich gerade einpinkelt, sich einen runterholt oder dem Nächstsitzenden die Geldbörse klaut, kann eins nicht ertragen: Religion.

Das heißt: christliche Religion. In den Hinterhofmoscheen dürfen selbstverständlich weiterhin Prediger zu Gewalt gegen Homosexuelle aufrufen, ohne dass es die linken Berufsempörten kratzen würde. Erst vor zwei Wochen sind im Iran erstmals seit langem wieder offiziell drei Schwule wegen "Sodomie" bzw "lavat" (wie es im islamischen Recht heißt) hingerichtet worden - üblicherweise erfolgen solche Hinrichtungen unter einem Vorwand (z. B. "Vergewaltigung) -, aber von Demonstrationen vor der iranischen Botschaft ist dennoch nichts bekannt geworden. Doch wenn der Vorsteher einer heutzutage völlig gewaltfreien Gemeinschaft mit einer zugegebenermaßen ziemlich aktualisierungbedürftigen Sexualmoral nach Berlin kommt, stehen Zehntausende auf und erregen sich. Dabei haben Benedikts antiquierte Ansichten doch keinerlei praktische Konsequenzen - außer vielleicht für die Angestellten der katholischen Kirche, die nicht heiraten dürfen.

Zum Mitschreiben für Begriffsstutzige: Der Papst foltert niemanden, er bombardiert niemanden und er richtet auch niemanden hin. Niemand wird gezwungen, in die katholische Kirche einzutreten. Niemand wird gezwungen, in ihr zu bleiben, wenn seine Eltern ihn als Kind hineingetauft haben. Im Gegenteil: Hierzulande wird der Austritt noch durch einen Steuererlass belohnt. Aber selbst, wenn der sexuelle Dissident unbedingt Mitglied der katholischen Kirche bleiben möchte, hat die katholische Moral keinerlei praktische Konsequenzen für ihn. Milliarden Katholiken pfeifen auf die Regeln, die der Papst ihnen auferlegen möchte, und sie kommen bequem damit durchs Leben. Niemand wird wegen heterosexueller oder homosexueller Verfehlungen verbrannt. Dazu hat Benedikt gar keine Macht. Und ich bin mir sicher, er würde es auch nicht tun, wenn er die politische Gewalt dazu hätte.


Weil sie das alles wissen, argumentieren die meisten Papstgegner damit, die katholische Ideologie sei eben ein schleichendes Gift, das die Gesellschaften in denen es wirkt, mit Homophobie vergiften würde. Wenn es danach ginge, müssten katholische Länder ein extrem gefährliches Pflaster für Schwule sein. In Wirklichkeit sind sowohl die Gesetze als auch die ganz normale Alltagsrealität für sie in Staaten weitaus bedrohlicher, die vom Islam, dem orthodoxen Christentum oder von fundamentalistisch-protestantischen Kirchen geprägt sind - gar nicht zu reden von der Behandlung, der Schwule in einem aggressiv anti-katholischen System wie dem deutschen Nazistaat ausgesetzt waren. Auf jedem Fall geht man als schwules Pärchen ein geringeres Risiko ein, wenn man sich auf dem Petersplatz küsst, als sagen wir mal: auf dem Roten Platz in Moskau.


Gerne wird ja auch argumentiert,  der Papst sei Schuld an den hohen Aids-Raten und der Überbevölkerung in Afrika, weil er den Gebrauch von Kondomen verbietet. Als ob jene afrikanischen Männer, die mit ihrem promisken Verhalten ganz offensichtlich auch sonst die katholische Moral ignorieren, ausgerechnet in der Kondomfrage nun wortgetreu die Ratschläge eines alten weißen Mannes in einer Zehntausend Kilometer entfernten Operettenstadt befolgen würden. In Südafrika, wo 20 Prozent der Bevölkerung mit Aids infiziert sind, gehören gerade mal 2,3 von 50 Millionen Einwohnern der katholischen Kirche an. Gerne wüsste man, ob bei denen die Aidsrate höher oder niedriger ist als beim Rest der Südafrikaner.

Wegen all dem ist mir komplett rätselhaft, wieso Menschen, die mit der Gedankenwelt des Papstes nichts anfangen können, diesen Mann und seine Kirche nicht einfach ignorieren und sich ganz gelassen für ein anderes Angebot auf dem Markt der politisch-religiösen Überzeugungen entscheiden. Die katholische Kirche mag ekelhaft, antiquiert, dumm und verlogen sein - aber ihre Verkommenheit hat doch für das Leben der Menschen nicht mehr Konsequenzen als die Verkommenheit eines Fußballvereins, einer Celebrity oder einer Popgruppe. Sie gehört exakt der gleichen vollkommen zwangsfreien Sphäre an. Die Gründe, warum ihr viele Menschen trotz allem Unverständnis und aller persönlichen Qual (etwa weil sie als Geschiedene nicht die Kommunion erhalten) weiterhin angehören, sind rein privatpsychologischer Natur. Gegen den Papst zu demonstrieren ist so lächerlich, billig und ungefährlich wie ein Protest gegen Schalke 04 oder Paris Hilton.

Aber natürlich ahne ich, was die Demonstranten antreibt: Schwule sind ganz einfach besessen vom Katholizismus. Das große campe Drama der katholischen Liturgie übt auf sie einen unwiderstehlichen Magnetismus aus. Deshalb sieht man einerseits Sonntags in den Berliner katholischen Kirchen (natürlich nur in den schönen - wie der Hedwigskathedrale) so viele schwule homosexuelle Lifestyle-Katholiken. Und deshalb werden sich andererseits bei den heutigen Anti-Papst-Protesten wieder so viele Demonstranten als Nonnen oder Priester verkleiden. Hach, es wird ein zweiter wunderbarer Christopher-Street-Day werden.

Eine Art Karneval feiern auch die Linken, die heute im Bundestag die Papst-Rede boykottieren oder sich an den Demos beteiligen. Antiklerikalismus war schließlich jahrhundertelang einer der Grundpfeiler aller linken Ideologien und er ist - nachdem der Antikapitalismus und der Klassenhass in den letzten zwei Jahrzehnten zumindest bei den Mainstream-Linken nur noch in sehr gemäßigter Form zelebriert wurden - das letzte Refugium, in dem man dem alten traditonellen Abscheu noch so richtig schön ungebremst seinen Lauf lassen kann. Hier kann man noch einmal vollkommen risikolos die Tragödie all der Ketzer und Freigeister nachspielen, die vor Jahrhunderten gegenüber einer damals noch wirklich mächtigen Kirche auf die Unabhängigkeit des Denkens pochten.

Bei aller Lächerlichkeit dieses Gebarens habe ich eine gewisses Verständnis für die Boykotteure im Bundestag. Sie sind in einer völlig anderen Situation als die Demonstranten. Denn wenn sie sitzenblieben, müssten sie sich die Rede eines Mannes anhören, den sie verabscheuen. Zwar kommen mir diese Motive gerade bei Leuten wie Gesine Lötzsch und Kaus Ernst, denen noch das frische Sperma des Massenmörders Fidel Castro aus dem selben Mund tropft, mit dem sie jetzt den Papst verunglimpfen, extrem dubios vor. Aber sie würden sich ja - anders als die Demonstranten, die einfach zu Hause bleiben und Benedikt ignorieren könnten - tatsächlich einer Zwangsbeschallung unterwerfen. Warum sollten Menschen, die sonst auch so gut wie nie im Plenum des Bundestags sitzen, dort ausgerechnet hocken bleiben, wenn ein ideologischer Gegner sie  indoktrinieren will? Und wieso sollten sie ihm den Respekt erweisen, den Abgeordnete sich untereinander ja ebenfalls oft verweigern?

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