Freitag, 26. August 2011

Überall Jammerliberale

Ich bin umzingelt von Jammerliberalen. Die meisten meiner echten Freunde und meiner Facebook-Freunde hegen ein Weltbild, das man in den USA wohl "neocon" nennen würde und für das es in Deutschland nur den Begriff "neoliberal" gibt: Sie wünschen sich weniger Staat, weniger Steuern, weniger Bevormundung, mehr Wettbewerb,  mehr individuelle Verantwortung, hassen Kommunisten genauso wie Nazis, sie halten Israel und die USA nicht für Ausgeburten der Hölle und sie zucken zusammen, wenn Gesine Lötzsch oder Sigmar Gabriel von "Gerechtigkeit" sprechen - weil sie wissen: Es geht mal wieder darum, ihnen noch mehr Geld abzuknöpfen. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist der Hass auf den deutschen Sozialstaat.

Solche Ansichten sind in Deutschland gerade nicht mehrheitsfähig. Im Gegenteil: Die Partei, die sie  vertritt (oder zumindest vertreten sollte) liegt unter der 5-Prozent-Hürde, und sogar der Herausgeber des führenden konservativen Blattes flirtet neuerdings wieder mit den Ideen der Linken (wobei das für den Antikapitalismus eher ein endgültiges Todesurteil ist, denn alles, was Frank Schirrmacher hypt, ist erfahrungsgemäß dem Untergang geweiht: das Wissenschaftsfeuilleton, Rebecca Casati, Tom Cruise, die Piratenpartei).

Viele meiner Bekannten und erst recht deren meist ideologisch noch viel beinhärtere Facebook-Freunde und Diskussionspartner können sich das nur mit Verschwörungstheorien erklären. Der Geflenne der Jammerliberalen ist in den Threads allgegenwärtig. 

Der Liberale sollte ja eigentlich davon ausgehen, dass auch im Reich der Ideen die Gesetze des Marktes gelten. Wenn er mit seinem Produkt auf dem Markt nicht reüssiert, dann gibt es eigentlich nur zwei Erklärungen: Es ist noch verbesserungsfähig, oder die Werbung sollte optimiert werden.

Doch stattdessen flüchten sich meine jammerliberalen Kontakte in zwei Ausreden. Die eine  besagt, der Markt für Ideen in Deutschland sei nicht ausreichend barrierefrei. Es gebe Handelshemmnisse, die die Ausbreitung der liberalen Idee behindern. Die allgegenwärtige kapitalismuskritische Tendenz in den Medien verzerre den Wettbewerb in unfairster Weise. Als ob sich jemals eine wirklich mächtige Idee von der Presse hätte stoppen lassen. Ich persönlich hänge ja beispielsweise einem Weltbild an, das sich in seiner dynamischen Frühphase noch nicht einmal von Löwen und von der wahrlich nicht wohlgesonnenen veröffentichen Meinung im Römischen Reich (Tacitus! Celsius!) aufhalten ließ.

Die andere Ausrede ist völkerpsychologischer Natur. In Deutschland, so barmen die Jammerliberalen, sei die Idee der Selbstverantwortung eben nie richtig heimisch geworden. Die Deutschen seien immer bereit, ihre Freiheit zu verrraten, wenn ihnen jemand dafür "Sicherheit" verspreche. Das sei bei ihnen erblich und naturbedingt. Die Jammerliberalen können sich dabei auf die Historikerin Gabriele Metzler berufen, von "einem genetischen Code" der Sozialpolitik spricht. Deswegen seien die Deutschen Bismarck, dem Kaiser, Hitler, den Kommunisten und allen anderen nachgelaufen, die ihnen eine soziale Hängematte aufspannten. Vor allem Götz Aly will mit all seinen Büchern eigentlich immer beweisen, dass die deutsche Sozialstaatshörigkeit nur eine Tarnform des Faschismus sei. Und dieser ist bekanntlich dem hiesigen Volkscharakter angeboren - glauben von Goldhagen bis zu den Antideutschen alle. Damit ist der Misserfolg der liberalen Idee in Deutschland entschuldigt: Die Deutschen sind Natur Born Sozialstaatnazis. Und gegen die Stimme des Blutes kommt eben keiner an.

Von dieser Enttäuschung ist der Weg zu Vernichtungsfantasien nicht weit. Genüsslich malen sich die Jammerliberalen den Untergang der Liberalismus-resistenten Deutschen aus. Irgendwann werden die Verweigerer für ihre Widerspenstigkeit zahlen. Dafür werden die Globalisierung, die Chinesen, die Vergreisung, der Islam oder ein anderes apokalyptisches Phänomen schon sorgen. Jede politische Richtungsentscheidung, sei es der Euro-Rettungsschirm oder der Atomausstieg, kann der Jammerliberale nur noch im Lichte seine lustvollen Rachevisionen sehen.

Der Abscheu gegenüber dem verstockten Deutschland ist bei den Jammerliberalen mittlerweile so ausgeprägt, wie er es einst bei den Linken war. Und allmählich nähert sich die Partei, die den Liberalismus in Deutschland repräsentiert ja auch den Wahl-Werten, die damals linke Parteien in der alten BRD hatten. Im Gegensatz zu diesen ist die FDP aber tatsächlich an die Macht gekommen und befindet sich dort vorläufig noch. Angesichts des Scheiterns aller liberalen Utopien im politischen Alltag halluzinieren die Jammerliberalen nun wie Hitler und Goebbels im Führerbunker: Das deutsche Volk war zu klein für unsere großen Ideen - soll es doch untergehen. Es hat kein Recht, uns zu überleben.

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