Mittwoch, 31. August 2011

Russland ist freier als Berlin

In Russland wird 2012 Religionskunde oder Ethikunterricht an allen Schulen eingeführt. Und zwar nicht als Arbeitsgemeinschaft sondern als reguläres Unterrichtsfach. Die Union zwischen Zarentum und Kirche war vor der Revolution sehr eng. Deshalb wurde 1917 der Religionsunterricht an staatlichen Schulen abgeschafft, und die Kirche war während der kommunistischen Herrschaft Verfolgungen ausgesetzt. Aber in dem weitgehend entchristlichtem Land  haben sich  in den vergangenen Jahren viele Politiker wieder demonstrativ zur Orthodoxie bekannt. Präsident Medwedew - in seiner Jugend ein ganz normaler kommunistischer Atheist - hat sich schon mit 23 im Jahre 1988 also noch vor dem Ende der Sowjetherrschaft orthodox taufen lassen.

Den Schüler in Russland wird übrigens keine vom Staat monopolistisch festgelegte Ethik aufgezwungen, sondern sie können landesweit zwischen "Grundlagen der Weltreligionen" und einem religionsfernen Fach "Ethik" wählen. Während eine Testphase hatte es sogar sechs verschiedene Wahlmöglichkeiten gegeben: außer den genannten noch russisch-orthodoxe, islamische, buddhistische oder jüdische Religionslehre. Aus der heutigen Ankündigung von Russlands stellvertretendem Bildungsminister Maxim Dulinow geht nicht hervor, ob dieses vielfältige Angebot in einzelnen Regionen weiter ermöglicht wird.

In jedem Falle sind die russischen Schüler mit ihrer Wahlfreiheit besser dran als die Schüler in Berlin, wo 2006 der alternativlose Ethikunterricht eingeführt wurde. Anlass war die Ermordung der türkischstämmigen Berlinerin Hatun Sürücü durch einen ihrer Brüder.Weil man sich aber aus Gründen der politischen Korrektheit nicht traute, zuzugeben, dass die Vermittlung von Werten vor allem in bestimmten Schichten und Ethnien nicht mehr funktioniert, wurde der Ethikunterricht für alle Schüler ein verpflichtendes offizielles Fach. Die Tatsache, dass gerade Werte etwas sein könnten, dass manche Eltern ihren Kindern immer noch besser beibringen können als die Lehrer, die es oft noch nicht einmal schaffen, die Kinder lesen und schreiben zu lehren, war im Weltbild des rot-roten Senats ohnehin nicht vorgesehen.

Das alles wäre weniger problematisch, wenn es wenigstens die Wahl zwischen der von Sozialisten und den in Berlin traditonell besonders antichristlichen Sozialdemokraten inhaltich festgelegten Ethik und einem eher dem christlichen Weltbild verpflichteten Religionsunterricht gäbe. Dieser hat in Berlin aber nur den Status einer quasi-freiwilligen Arbeitsgemeinschaft. Ein Volksbegehren zur Gleichstellungen des Religionsunterrichts, das  Schülern und Eltern die Freiheit der Wahl geben sollte, scheiterte 2009 .

Ausgerechnet im völlig zurecht als gelenkte Demokratie verschrieen Russland haben demnächst also Schüler und Eltern die Freiheit der Wahl, die ihnen in der deutschen Hauptstadt nicht zugestanden wird. Auch hier, das haben großangelegte Testläufe ergeben, entscheidet sich weiterhin die Mehrheit der Schüler für atheistische Ethik. Aber man zwingt der Minderheit, wie es in einer echten Demokratie sein sollte, nicht die Kultur der Mehrheit auf, sondern lässt ihnen die Möglichkeit, sich für den Religionsuntericht zu entscheiden.

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