Dienstag, 2. August 2011

RoboCops gegen Robocalls

Ich habe gestern ein wunderbar gruseliges neues Wort gelernt: Robocall. Ein Robocall ist ein computergesteuerter automatischer Telefonanruf, bei dem eine zuvor aufgenommene Stimme dem Anrufer einen kurzen Moment lang suggeriert, jemand würde ihn direkt ansprechen. In Amerika wird dieses Mittel von allen politischen Parteien und vielen Organisationen für Kampagnen genutzt.

Pat Boone Foto: Gage Skidmore
Gelesen habe ich darüber in diesem Artikel der US-Webseite politico. Es geht darin um den um 1960 herum in den USA sehr bekannten Sänger Pat Boone. Boone, ein Nachfahre des berühmten Trappers und Western-Pioniere Daniel Boone, hatte auch in Deutschland ein paar Hits u. a. 1956 mit dieser Coverversion von Little Richards Rock-'n'-Roll-Klassiker  "Tutti Frutti". Damals war die Zeit noch nicht gekommen, in der ein weißes Publikum bereit war, verrückten Schwarze zu applaudieren, die solche furchterregend wilden Lieder vortrugen. Rückblickend wirkt Boone total lächerlich. Ein Kommentator bemerkt zu dem Youtube-Video ironisch begeistert: "I love the totally random snapping" - in der Tat machen Boones Bewegungen und sein Fingerschnippen hier den Eindruck, als wäre er möglicherweise der einzige Mensch auf der Welt, der noch weniger Rhythmusgefühl hat als ich. Andererseits war Boone angeblich ein enger Freund von James Brown, und man kann sich gar nicht vorstellen, dass der Pate des Soul einen Weißen als Kumpel akzeptiert hätte, der nicht wenigstens ein bisschen Groove hat.

Dieser Pat Boone ist in Amerika einer der eifrigsten Werber für die Republikanische Partei. Er gehört - neben Tom Selleck und Chuck Norris - zu den wenigen Prominenten aus dem Schaugeschäft, die die Republikaner unterstützen. Bekanntlich neigt Hollywood ja mehrheitlich zu demokratisch-liberalen Ansichten. Mit Boones Hilfe sprechen republikanische Kandidaten vor allem Wähler über 60 an, die vom Radikalismus der Tea Party eher abgestoßen sind und für die konservativ sein bedeutet, Sehnsucht nach der scheinbar einfacheren und besseren Welt von früher zu haben. Und an genau diese Welt erinnert sie Boones Stimme.

Deshalb kann es solchen Wählern passieren, dass sie ihren Telefonhörer abnehmen (diese Menschen haben ja noch Festnetzleitungen) und plötzlich das Idol ihrer Jugend hören, das sie mit einem vobereiteten Sprüchlein auffordert, einen bestimmten Kandidaten der Republikaner zu wählen. In besonderen Fällen spricht Boone bei diesem Robcall die Angerufenen sogar mit ihrem Vornamen an - einmal hat er für eine solche Aktion hunderte Botschaften aufgenommen. In anderen Robocalls fordert er die Rentner auf,  nicht den "Lügen" der Demokraten über die vor einiger Zeit eingeführte Krankenversicherung für ältere Menschen "Medicare" zu glauben - Boone nennt sie in seinen Werbebotschaften "Mediscare".

Also ich wäre eher "scared", wenn ich über 70 wäre und mich wochenlang niemand angerufen hätte und plötzlich würde Peter Kraus oder Heino bei mir anrufen und ich würde versuchen, ihm zu antworten, aber er würde immer weiter reden und irgendwann würde noch eine zweite Stimme dazwischenquatschen, dass dies eine Werbebotschaft im Auftrag von dem und dem Kandidaten wäre und man unter dieser Telefonnummer den Urheber der Botschaft erreichen könnte. So geht es offenbar auch manchen Amerikanern, denn viele US-Bundestaaten haben extra Gesetze zur Reglementierung von solchen Robocalls erlassen. Normalerweise sind diese Anrufe dank des Sonderstatus, den diese Art von politischer Aufklärung genießt, von den Verboten ausgenommen, die wirksam werden, wenn man in einem Register beurkundet hat, dass man keine Werbeanrufe wünscht.

Da liegt natürlich das billige Wortspiel nahe, ob Verstöße gegen die Anti-Robocall-Bestimmungen möglicherweise von RoboCops geahndet werden. In gewisser Hinsicht stellt das Prinzip des Robocalls ja das berühmte Motto aus Paul Verhoevens "RoboCop"-Film aus dem Jahre 1987 auf den Kopf: "You now have 20 seconds to comply", sagte der böse Roboter ED-209 zu seinem Gegenüber - "Sie haben 20 Sekunden, um sich zu ergeben".  Genau das erhofft sich der Werber ja auch von einem Robocall: Dass der Angerufene sich innerhalb von 20 Sekunden "ergibt" und die politische Botschaft befolgt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die jungen Reklame-Nerds, die sich den Begriff Robocall ausgedacht haben, diese popkulturelle Anspielung nicht absichtlich in Kauf genommen haben.

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