Donnerstag, 4. August 2011

Obelix in Love

Viel ist im Zusammenhang mit der Affäre um Dominique Strauss-Kahn über das merkwürdige erotische Gebaren der Franzosen geschrieben worden. Vor allem Amerikaner stellen sich Frankreich offenbar immer noch als einen riesigen Puff vor, in dem unmoralische Libertins und mächtige skrupellose Bourgeois alle widerstrebenden weiblichen Unschuldslämmer vögeln, die sich nicht rechtzeitig auf den Eiffelturm retten können. Das ist natürlich Quatsch. Wenn Filme irgendetwas über die Träume eines Volkes aussagen, dann sind die Franzosen vielleicht die letzten Menschen auf der Welt, die noch an die große romantische Liebe glauben. „Angèle und Tony“ von der Regisseurin Alix Delaporte ist dafür nur das neueste Beispiel.

Natürlich erzählt auch Hollywood ständig Geschichten von der Leidenschaft, die alle Grenzen überwindet. Aber es ist einfach, sich vorzustellen, dass eine Nutte und ein Milliardär ein Paar werden, wenn er aussieht wie der junge Richard Gere und sie wie Julia Roberts. Wenn die Frau - wie in "Angèle und Tony" allerdings trotz ihrer dunklen Vergangenheit so glamourös wir wie ein ungeschminktes Model im Freizeitlook und der Mann dagegen wie ein übergewichtiger Proletarier mit Hausausfall, fällt es wesentlich schwerer, von Anfang an an ein Happy End zu glauben.

Zumal ein glücklicher Ausgang in französischen Filmen nicht garantiert ist. Zwar handelten unzählige von ihnen in den vergangenen Jahrzehnten von der Liebe zweier total entgegengesetzter Partner: In „Man muss mich nicht lieben“ ging es beispielsweise um die Gefühle eines alternden Gerichtsvollziehers zu einer wesentlich jüngeren Tango-Partnerin und in „Sie sind ein schöner Mann“ entdeckte eine rumänische Ehefrau schließlich doch noch ihr Herz für den viel älteren französischen Bauern, der sie mehr oder weniger gekauft hatte. Aber in Frankreich müssen derartige Lieben keineswegs immer Erfüllung finden – die Franzosen sind zwar romantisch, aber nicht blödsinnig -: In „Lust auf anderes“ schafft es der reiche Mann nicht, die arme Schauspielerin mit all seinem Geld zu betören, und in „Mademoiselle Chambon“ führt die verrückte Liebe eines verheirateten Bauarbeiters zur Lehrerin seines Sohnes in die Katastrophe.

Deswegen bleibt auch die Frage, ob es für Angèle und Tony wirklich ein glückliches Ende gegen wird, lange spannend. Und das, obwohl zumindest Angèle (Coltilde Hesme) gute Gründe hat, eine arrangierte Ehe mit ihm einzugehen und durchzuhalten: Sie hat ihren Ex-Mann getötet („Es war ein Unfall“, sagt sie), war dafür zwei Jahre im Gefängnis und wenn sie ihre Bewährung nicht verpfuschen will und sogar ihren Sohn wieder haben möchte, muss sie in geordneten Verhältnissen leben. In der kleinen Fischerhafenstadt in der Normandie , wo jeder alles erfährt und sogar der Diebstahl eines Fahrrads eine Nachricht ist, lässt sich solch eine bürgerliche Fassade nicht so leicht vorgaukeln wie in einer Großstadt. Also muss es eine echte Hochzeit sein. Und gleich zu Beginn, als Angèle mit einem Chinesen schläft, nur um eine Action Man-Figur zu bekommen, erfährt der Zuschauer, dass es ihr keine Probleme bereitet, Sex sogar als Mittel für viel geringere Zwecke einzusetzen.

Das hat auch allerdings auch Tony ziemlich schnell mitbekommen. Und da für ihn „bumsen“ etwas mehr bedeutet als für sie (schon das Wort stößt ihn ab), begegnet er Angèle zunächst mit extremen Misstrauen. Und was passiert, wenn Bewohner der Normandie misstrauisch werden, wissen wir aus „Asterix“. Der Schauspieler Grégory Gadebois sieht ein bisschen aus wie Obelix ohne Zöpfe, und wie dieser hat er einerseits ein gefühlvolles Herz, ist andererseits aber auch leicht zu verunsichern.

Verkompliziert wird die Affäre noch dadurch, dass sich die Elterngeneration einmischt. Auf der einen Seite steht Tonys Mutter, die ihren Sohn nicht einfach so einer seltsamen Fremden anvertrauen möchte. Auf der anderen Seite Angèles Schwiegereltern, die die der Frau, die ihren Sohn getötet hat, aus nachvollziehbaren Gründen nicht wohl gesonnen sind und den Enkel, der mittlerweile bei ihnen lebt, am liebsten behalten wollen. Auch dass Tonys vor sechs Monaten ertrunkener Vater immer noch unbeerdigt auf dem Meeresgrund liegt, macht die Angelegenheit nicht leichter.

Doch es gibt Hoffnung. So wie anderswo Blumen oder Musik eine Sprache der Liebe ohne Worte sprechen können, so kommunizieren die Normannen mit Hilfe von Meerestieren: Tony bringt der widerstrebenden Angèle bei, wie die Schuppentiere heißen, die ihm ins Netz gehen, und als sie es endlich gelernt hat, überwindet sie auch die Widerstände seiner Mutter beim gemeinsamen Ausnehmen der Fische. Zu guter Letzt wird mit Hilfe von Krabben auch noch das Schweigen des Jungen überwunden, der ebenfalls auf eine Mutter, die den Vater getötet hat, nicht gut zu sprechen ist.

Für all das brauchen die Regisseurin und ihr famoses Ensemble recht wenige Worte (diese sind aber meist lakonisch-witzig). Alle drei Hauptdarsteller können mit einem einzigen Gesichtsausdruck ganze Drehbücher erzählen: Wenn Angèle auf der Landstraße radelt und plötzlich lächelt, wissen wir, dass sich in ihrer Beziehung zu Tony eine grundlegende Wende angebahnt hat. Spätestens durch ihre feurige Darstellung der bösen Königin im „Schneewittchen“-Spiel der örtlichen Fischerkooperative hat sie ihn endgültig erobert. Grégory Gadebois spielt diesen sensiblen normannischen Kleiderschrank mit einer Mischung als Coolness und Sentiment, die wohl auch Frauen betört hätte, die sich nicht in einer solchen Zwangslage befinden wie Angèle. Noch cooler ist nur Angèles Sohn, den Antoine Couleau wirken lässt wie einen frühreifen neunjährigen Rimbaud , obwohl er im ganzen Film vielleicht zwei oder drei Sätze sagt.

Aber geschwätzig, wie man es den Protagonisten französischer Filme nachsagt, ist hier sowieso niemand. Der Charakter der Menschen ist geprägt von der Einsamkeit auf dem Meer und der verregneten, rauen Küstenlandschaft, die Delaporte und ihre Kamerafrau Claire Mathon beeindruckend aber unaufdringlich ins Bild rücken. So wie die Normandie ist auch dieses Kinomärchen: Es prunkt nicht mit oberflächlichen Reizen, aber man vergisst es nicht so schnell.

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