Sonntag, 7. August 2011

Mohammed-Karikaturen im Simplicissimus 1912

Den tödlichen Aufruhr, den die Veröffentlichung einer Reihe von Karikaturen des Propheten Mohammed in der dänischen Zeitung Jyllandsposten vor 6 Jahren verursachte, haben wir alle noch gut in Erinnerung.

Der Überläufer von Eduard Thöny
Umso erstaunlicher war es für mich, festzustellen, dass es offenbar einmal eine Zeit gab, in der Mohammed-Karikaturen in einem prominenten deutschen Magazin bei den Muslimen offenbar keinerlei Reaktion hervorriefen. Ich habe einen Sammelband mit Ausgaben des Satireblatts Simplicissimus (XII.Jahrgang II. Halbjahr Oktober 1912 bis März 1913) geschenkt bekommen. Es ist eine hochinteresssante Quelle zur Mentalitäts- und Mediengeschichte der Epoche kurz vor dem 1. Weltkrieg. Bestimmte Konstellationen zeichnen sich schon ziemlich deutlich ab: So gelten die Serben selbst bei einem liberalen Blatt wie dem Simplicissismus schon zwei Jahre vor Ausbruch des großen Weltgemetzels als das verachtenswerteste Volk Europas – blutrünstig, feige und verlogen. Eine Zeichnung von Eduard Thöny mit dem Titel "Vom Kriegsschauplatz" auf der letzten Seite der Ausgabe vom 28. Oktober 1912 spottet: "Türkische Truppen begrüßen den ersten serbischen Überläufer" – man sieht einen riesigen Mistkäfer, der auf die osmanischen Soldaten zukriecht (S. 500 des Sammelbandes) Kurz zuvor war der 1. Balkankrieg ausgebrochen, in dem Serbien, Montenegro, Griechenland und Bulgarien mit russischer Rückendeckung gegen die Türkei kämpften. Ebenfalls ziemlich rassistisch ist die Zeichnung "Serbien in München" in der Ausgabe vom 21. Oktober: Der Norweger Ragnvald Blix karikierte dort eine Gruppe von schwarzhaarigen schnurrbärtigen Hungerleidern und verhöhnt sie mit den Worten "In Anbetracht der hohen Kriegskosten beschließt die serbische Kolonie, auch weiterhin den Mietzins schuldig zu bleiben"  (S. 470). Dagegen kommt die Türkei meist erstaunlich gut weg: Die Truppen, die den serbischen "Überläufer" begrüßen, werden ausgesprochen zackig dargestellt. Die Türkei war ja dann auch später einer der Verbündeten der Deutschen im 1. Weltkrieg.

Andererseits wird der künftige Verbündete Österreich eher negativ gezeichnet: Thöny karikiert am 18. November 1912 zwei "schlappe" österreichische Soldaten (der eine dick, der andere schnöselig), die sich nach der Niederlage der Türken und ihrem weitgehenden Rückzug aus Europa fragen: "Wos g'schiecht nachdem mit die Harem, Poschpischil?" - "Da brauchst nicht kümmern, sie kemmen alle aus Oesterreich her." (S. 545). Nibelungentreue zwischen Brudervölkern sieht anders aus.

Noch negativer wird ein österreichischer Offizier und Diplomat auf dem Londoner Friedenskongress dargestellt: Vor den Vertretern der dort versammelten Mächte hält er eine Zigarre hoch und klagt: "Biddä, diese Virginia ist unsrem Konsul Prohaska durch Anwendung von Brachialgewalt seitens serbischer Staatsangehöriger zerwuzzelt worden. Ich mechte hiermit Anklage wegen Bruch des Völkerrechts erhoben hoben." (Zeichnung von Thöny in der Ausgabe vom 6. Januar 1913, Seite 677 des Sammelbands). Diese negative Haltung gegenüber Österreich hat gewiss auch mit dem grundsätzlichen Anti-Katholizismus des Simplicissimus zu tun – die einzigen Typen, die dort noch negativer dargestellt werden als Serben sind katholische Priester und besonders Jesuiten. Auch für die vermeintlich "christlichen" Ideale, die von der antitürkischen Koalition vertreten wurden, haben die Simplicissimus-Zeichner nur beißenden Spott übrig.

Zwischen all dem stößt man plötzlich ganz ohne jede Vorwarnung auf eine Mohammed-Karikatur. In der Ausgabe vom 25. November 1912 zeichnet Wilhelm Schulz einen Mann mit einem Turban, der einen Karren hinter sich herzieht, auf der ein Halbmond liegt. Der Turbanträger dreht sich ängstlich um und schaut zurück auf die zerstörte und brennende Kriegslandschaft, die hinter ihm liegt. Die Bildunterschrift erklärt: "Mohammed führt den Halbmond wieder heim nach Asien" (S. 562).

Natürlich ist damit nicht der Prophet persönlich gemeint. Mohammed steht hier allegorisch für die Türkei – aber andererseits war er in den Jyllandsposten-Karikaturen ja auch meist nur die Personifikation des Islams. Und das hat keinen davon abgehalten, sich darüber aufzuregen.

Ganz eindeutig persönlich wird es dann aber in der Ausgabe vom 16. Dezember 1912 – also kurz vor Weihnachten. Da steht der Prophet mit zerrissenen Kleidern und einem Messer, das man ihm durch den Turban gerammt hat, im Himmel Gott gegenüber (der mit einer Art Kippa und einer langen Pfeife aussieht wie eine Mischung aus einem Rabbi, dem seligen Jazzpapst Joachim-Ernst Berendt und einem bayrischen Wirtshaushocker) und fragt: "Ja, wo ist denn jetzt eigentlich dein Friede auf Erden?". Die Zeichnung stammt vom vielleicht berühmtesten aller Simplicissimus-Zeichner, dem Norweger Olaf Gulbransson. Sie ist total harmlos und keineswegs islamfeindlich – ganz im Gegenteil. Ich werde sie hier trotzdem nicht reproduzieren. Keine Lust auf unnötigen Ärger. Wer will, kann sie auf Seite 626 des entsprechenden Sammelbandes finden – oder noch einfacher hier anklicken.

Es gibt wohl verschiedenene Ursachen, warum sich damals niemand über solche Karikaturen aufgeregt hat. Die türkische Regierung hatte ganz gewiss keine Gründe, die Erregung darüber künstlich anzufachen (so wie es Saudi-Arabien, Pakistan und andere dann ein Jahrhundert später getan haben), denn Deutschland war ihr wichtigster diplomatischer und wirtschaftlichster Partner. Es baute die Bagdadbahn, bildete osmanische Soldaten aus und hatte – im Gegensatz zu Russland, Frankreich und England – keinerlei Gebietsansprüche im Nahen Osten.

Doch der Hauptgrund ist natürlich, dass damals so gut wie niemand irgend etwas in der islamischen Welt von den Zeichnungen im fernen Deutschland mitbekommen hat. Ein Großteil der Probleme der modernen Welt rührt eben daher, dass die Globalisierung, die Medien und das Internet Menschen einander näher gebracht haben, die früher, ohne etwas voneinander zu wissen, friedlich koexistiert haben.

Aber damit ich jetzt nicht allzu nostalgisch klinge, schicke ich noch eine dritte These ins Rennen: Vielleicht hat sich einfach keiner über die Mohammed-Karikaturen aufregegt, weil die Leute schon genug andere Gründe hatten, sich gegenseitig abzuschlachten.

1 Kommentar:

  1. Very interesting. I love the idea of 'Simplicissimus', and it is a shame, it does not exist anymore. It could have been much more 'dangeroux' than Charlie Hebdo. :*

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