Dienstag, 23. August 2011

Intelligenz hilft glauben

Aus Amerika kommen Nachrichten, die einige Vorurteile über Religion und Glauben erschüttern: Ungebildete Weiße gehen seltener zur Kirche als Gebildete. Die Zahl derjenigen, die regelmäßig einen Gottesdienst besuchen ist bei denjenigen, die keinen Collegeabschluss haben, doppelt so schnell gesunken wie bei denen, die höhere Schulabschlüsse haben, meldet die Huffington Post mit Bezug auf eine Studie der American Sociological Association. Die Web-Seite zitiert W. Bradford Wilcox von der Universität Virginia mit dem Satz: "Unsere Studie legt nahe, dass die weniger Gebildeten aus dem religiösen Sektor ebenso herausfallen ähnlich wie sie aus dem Arbeitsmarkt herausgefallen sind."

Die Autoren der Studie versuchen, das Phänomen zu erklären, indem sie einen nicht ganz abwegigen Zusammenhang zwischen der Familiensituation und dem beruflichen Status eines Menschen auf der einen Seite und seiner Teilnahme am kirchlichen Leben herstellen. Während der letzten 40 Jahre sei die Bereitschaft der weniger Gebildeten, zu heiraten und verheiratet zu bleiben, im Vergleich zu denjenigen mit College-Abschluss gesunken. Gleichzeitig würden die Reallöhne weniger gebildeter Männer immer niedriger. Fazit: Wer keine Familie und keinen oder nur einen unterprivilegierten Job hat, geht seltener zum Gottesdienst. Der Soziologie-Professor Andrew Cherlin, ein weiterer Co-Autor der Studie, zieht einen pessimistischen Schluss: "Diese Entwicklung verstärkt die soziale Marginalisierung weniger gebildeter Amerikaner, die obendrein zunehmend die Verbindung zu den Institutionen Ehe und Arbeit verlieren."

Der für die  Praxis entscheidende Satz fällt irgendwo zwischendurch: "Religiöse Zusammenkünfte könnten einer der wenigen institutionellen Bereiche sein, in denen weniger gebildete Amerikaner soziale, wirtschaftliche und emotionale Unterstützung finden, aber es scheint, dass sich zunehmend weniger von ihnen sich dazu entschließen, das tatsächlich zu tun."

Diese Beobachtung kann ich aus meiner Großstadtkirchenerfahrung auch für Deutschland bestätigen. Ich kenne keine Zahlen für Berlin oder andere Großstädte, aber hier in Prenzlauer Berg und auch anderswo, hat der Mythos, Religion sei etwas für die geistig Armen keinerlei Gültigkeit mehr. Gottesdienstbesuch ist zunehmend ein Mittelstandsphänomen geworden. Einerseits ist es zwar schön, wenn auf die Weise die aufklärerischen Vorurteile widerlegt werden, der Glaube sei nur eine Mangelerscheinung, die automatisch verschwinde, wenn Bildung und Wissen sich ausbreiten.

Das Christentum war ja - allen gängigen Vorstellungen zum Trotz - schon in seinen Anfängen keineswegs ein reines Unterschichtenphänomen. Es hatte in seiner revolutionären Neuigkeit eben auch einen intellektuellen Reiz, der gerade Gebildete ansprach. Der französische Althistoriker Paul Veyne schreibt in seinem famosen Buch "Als unsere Welt christlich wurde", dass Kaiser Konstantin sich möglicherweise für die Annahme des Christentums entschied, um seine persönliche Einzigartigkeit und herausragende geistige Stellung zu betonen - so wie sich heute Politiker manchmal mit Avantgardekunst schmücken. 

Andererseits müssen die Kirchen und ihre Pfarrer sich heute fragen, warum sie offenbar diejenigen immer weniger erreichen, die die Botschaft von Liebe und Verständnis und das praktische moralische Gerüst des christlichen Glaubens am allernötigsten hätten. Der Glaube droht, zu einem elitären Oberschichtenphänomen zu werden, zu einem dekorativen Element im Leben Privilegierter - wie der jährliche Bayreuth-Besuch. Eine Horrorvorstellung!

Am weitesten ist das schon in bestimmten Kreisen des Katholizismus fortgeschritten. Jeden Sonntag kann man in der Berliner Hedwigskathedrale massenhaft gutaussehende Männer ohne Frau und Familie beobachten. Es sind Schwule, die sich traditionell besonders vom äußerlichen Gepränge der katholischen Kirche angezogen fühlen und die hier eine Art Lifestyle-Religion pflegen. Noch deutlicher  wird diese Tendenz bei Leuten wie Martin Mosebach und dem Autor und Journalisten Alexander von Schönburg. Wenn diese sich seit langem für die Rückkehr zur alten Liturgie der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil und für die Rückkehr des Lateinischen als Gottesdienstsprache einsetzen, geht es ihnen ganz offensichtlich vor allem um Abgrenzung und die Befriedigung elitärer ästhetischer Bedürfnisse. Ein Gottesdienst auf Deutsch in einer hässlichen Betonkirche, der ein quasi-protestantischen Liturgie folgt, ist diesen Snobs einfach zu profan. Sie möchten mit abgespreiztem kleinen Finger beten. Und wenn die antiquierten Formen die Plebs aus dem Gottesdienst fernhalten - umso besser.

Wie wenig diese Art von Schnöselreligion mit dem Geist des Christentums zu tun hat, sieht man an Matthias Mattusek. Dieser Geistesverwandte von Mosebach & Co hat sich ja mit seinem neuen Buch über das "Katholische Abenteuer" als zumindest beim medialen Wellenmachen sehr erfolgreicher Laienprediger hervorgetan. Aber der ehemalige "Spiegel"-Kulturchef ist auch ein Musterbeispiel für die seelische Hohlheit dieser Art von Neokatholizismus. In der ganzen Branche ist er als einer der charakterlich verkommensten, widerwärtigsten, hemmungslosesten und cholerischsten Menschen verschrien. Die moralischen Prinzipien des Christentums haben ihn völlig unberührt gelassen. Von Werten wie Demut und Barmherzigkeit ist er so weit entfernt wie die tiefste Tiefe der Hölle vom Thron Gottes. Auch sein Katholizismus kommt eher aus dem Geist Versaces als aus dem des Heiligen Franziskus.

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