Dienstag, 30. August 2011

Die vier Tode des Chamis al-Gaddafi

Die libyschen Rebellen haben gerade den Tod des Gaddafi-Sohnes Chamis gemeldet, der als der militärische Arm seines Vaters gilt. Die Nachricht ist mit Vorsicht zu genießen. Denn ist schon das vierte Mal, dass Chamis' Tod verkündet wird. Er ist mittlerweile bereits dreimal so oft von den Toten auferstanden wie Jesus Christus.

Chamis al-Gaddafis Facebook-Foto
Ich habe Ende Februar aus rein persönlicher Neugier ein kleines Porträt über Chamis al-Gaddafi geschrieben, aus dem sich seitdem viele Journalisten bedient haben - was okay ist, denn ich hatte ja auch nichts anderes getan als einmal ein paar fremdsprachige Quellen zusammenzufassen. Seitdem habe ich sein Schicksal mit besonderem Interesse verfolgt.

Einen Monat später wurde Chamis zum ersten Mal für tot erklärt. Er sollte angeblich diem Kamikaze-Attentat eines Piloten der eigenen Luftwaffe zum Opfer gefallen sein. Dieser Mohammed Othman habe sich angeblich absichtlich auf die mittlerweile weltbekannte Palastfestung Bab al-Asisija gestürzt, nachdem er den Auftrag erhalten habe, Ziele in der Rebellen-Hochburg Adschdabija im Osten des Landes zu bombardieren. Laut Berichten von Oppositionellen und arabischen Medien  sei Chamis al-Gaddafi nach dem Attentat in einem Krankenhaus in Tripolis an den Folgen schwerer Brandverletzungen gestorben.
 Das war offenbar ein Märchen aus 1001 Nacht. Bald darauf zeigte sich Chamis quicklebendig im lybischen Fernsehen.

Die zweite Todesnachricht kam Anfang August. Da erklärten die Rebellen am Mittag des 5. August, Chamis sei unbestätigten Berichten zufolge bei einem Nato-Luftangriff in der Nähe von Misrata getötet worden. Auch das war offenbar reines Wunschdenken. Denn am Nachmittag wurde die Meldung von der libyschen Regierung dementiert. Und am 10. August zeigte er sich wieder einmal im Staatsfernsehen.

Zwölf Tage später, am 22. August, meldete Al-Dschasira mit Berufung auf ungenannte libysche Rebellen-Quellen, die Aufständischen hätten beim Sturm auf Tripolis zwei Leichen gefunden, bei denen es sich möglicherweise um Chamis und um Gaddafis Geheimdienstchef Abdallah Senussi handele. Die Nachricht war offenbar genauso eine Ente, wie diejenige, Chamis' Bruder, Gaddafis politisch wichtigster Sohn Saif al-Islam, sei in der gleichen Nacht von den Rebellen gefangen genommen worden.


Und heute Abend posaunen die Rebellen zum vierten Mal die Triumphnachricht von Chamis' Tod hinaus. Er sei "wahrscheinlich während einer Schlacht" nahe Tarhuna rund 80 Kilometer südlich der Hauptstadt Tripolis getötet worden, sagte der Justizminister des Nationalen Übergangsrats, Mohamed Allegi,  unter Berufung auf einen Anführer der Aufständischen. Er sei auf dem Weg ins einhundert Kilometer südlich von Tripolis gelegene Bani Walid  gewesen, dort habe er sich seinem untergetauchten Vater und zweien seiner Brüder anschließen wollen.

Das ganze ist möglicherweise nur mit einem Phänomen zu erklären, das für arabische Despotenfamilien typisch ist: Vielleicht hat Chamis einfach genau wie sein Vater mehrere Doppelgänger. Warum sollten die Gaddafis in diesem Punkt weniger Wert auf Sicherheit legen als die Saddam Hussein und seine Familie? Es gibt gerade einen neuen recht vielversprechenden Film über einen harmlosen irakischen Soldaten, der vom Regime gezwungen wird, den Doppelgänger des sadistischen und durchgeknallten Hussein-Sohns Udai zu spielen. Die exzessive Schilderung von Prunk und Gewalt in geschmacklosen Palästen hat dem Film "The Devil's Double" schon den schönen Spitznamen "Scarface of Arabia" eingetragen - ein durchaus lobender Vergleich mit Brian De Palmas "Scarface"-Film aus den Achtzigerjahren.

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