Dienstag, 30. August 2011

Die Macho-Jesus-Bewegung

Laut neueren Statistiken sind 65 Prozent aller Gottesdienstbesucher in Großbritannien Frauen - und in Deutschland verhält es sich mit dem Ungleichgewicht der Geschlechter wohl kaum anders. Besonders unattraktiv wirkt das Christentum in Amerika und vermutlich auch hierzulande auf junge, nicht sehr gebildete Männer. Ganz offensichtlich können sie sich nicht mit dem oft als unmännlich und eunuchenhaften heutigen Jesus-Bild identifizieren. Jesus hat das gleiche Problem wie Literatur und Bildung: Weil sich überwiegend Frauen dafür interessieren, orientieren sich die Predigt, die Ethik und die Ikonographie der Kirche immer mehr an deren Wünschen, Vorstellungen und Bedürfnissen - was dann wiederum dazu führt, dass noch mehr Männer sie als uncool abtun.

Doch die Gegenbewegung formiert sich schon seit einiger Zeit. Der ehemalige FBI-Agent Leon J. Podles hat  1999 in seinem Buch "The Church Impotent. The Feminization of Christianity" die Verweiblichung des Christentums untersucht und dazu aufgefordert, Jungen und Männern gegenüber die weniger metrosexuellen Züge des Erlösers wieder stärker zu betonen. 2007 erschien dann Paul Coughlins "No More Christian Nice Guy: When Being Nice-Instead of Good-Hurts Men, Women and Children", ein Erlösungsratgeber für Männer, denen entweder von ihrer Familie oder von ihrer Kirche eingeredet wurde, Männlichkeit sei etwas Verachtenswertes und wahre Christen könnten nur passive Schluffis sein, die mit Säuselstimme reden - etwa so wie die Jesus-Karikatur in der religionskritischen US-Zeichentrickserie "South Park".

(c) Stephen Sawyer
Offenbar haben derartige Botschaften ein großes missionarisches und auch kommerzielles Potenzial. In Großbritannien erscheint seit einiger Zeit das Magazin "Sorted" speziell für christliche "Lads" - also diese Sorte ewig jungenhafter leicht selbst-ironischer Popmachos, wie sie perfekt vom Ex-Oasis-Sänger Liam Gallager verkörpert wird. In jenem Land hat das Christentum neue Ideen für die Re-Missionierung besonders nötig, denn mehr als 50 Prozent aller Briten geben an, niemals einen Gottesdienst zu besuchen, - ein Wert, der in Europa nur noch von Frankreich und Tschechien übertroffen wird. Auf der Homepage von "Sorted" wird u. a. der Abenteurer Bear Grylls, ein ehemaliger Special-Forces-Soldat zitiert, der sagt: "Down to earth, real, ‘un-religious’ – that’s why Sorted has helped my Christian faith so much!" ("Mit beiden Füßen auf dem Boden, reell, 'un-fromm' - darum hat 'Sorted' meinem christlichen Glauben so gut getan").

Der Leonardo der Macho-Jesus-Bewegung ist der Amerikaner Stephen Sawyer. Auf den Posterbildern des in Kentucky lebenden Künstlers ist Jesus nicht mehr länger der verniedlichte, enteierte Softie, als der er seit den Nazarenern meist in der Trivialkultur dargestellt wird. Sondern er ist so braungebrannt, sexy und muskulös, wie es die meisten jungen Männer gerne wären. Und damit kommt er der Realität vielleicht sogar näher. Denn vergessen wir nicht: Jesus hatte wahrscheinlich, wie sein irdischer Vater, das Zimmermannshandwerk gelernt - kein Beruf für Schwächlinge. Und er lebte in einem sonnenreichen Land. Die Attraktivität dieses Wanderpredigers gerade für Frauen wäre vermutlich auch geringer gewesen, wenn er nicht über eine gewisse erotische Anziehungskraft verfügt hätte. Dem "Guardian" sagte Sawyer: ""Ich glaube kaum, dass Jesus die Tische der Geldwechsler hätte umstoßen und sie anschließend hätte aus dem Tempel treiben können, wenn er wie ein Schwächling gebaut gewesen wäre. Das Modell, das ich für meine Gemälde nutze, ist ein Surfertyp, der gebaut ist wie ein Schrank (im Original: "like a brick shithouse" - wie ein Scheißhaus aus Ziegelsteinen).

(c) Stephen Sawyer
Im Grunde ist an dieser Betonung der eher männlichen Züge Jesu überhaupt nichts Ungewöhnliches oder gar Skandalöses. Das hyperfriedfertige und ultrasanfte Erscheinungsbild  des Erlösers ist nur eines von vielen denkbaren, die es gegeben hat. Die Künstler des frühen Mittelalters und später dann die der Renaissance haben ihn viel männlicher dargestellt: Vom 6. Jahrhundert an zeigte ihn die christliche Kunst nach dem Vorbild byzantinischer Kaiser als Herrscherfigur mit königlichen Attributen - ernst, männlich, unnahbar und hoheitsvoll. Nachdem dann im Hochmittelalter die Darstellungen eines leidenden Christus am Kreuz dominiert hatten, wurde dieser Schmerzensmann in der frühen Neuzeit bei Da Vinci, Dürer, Cranach und Bruegel wieder von einem Jesus abgelöst, der mehr am antiken Ideal des Heros und Herrschers orientiert war. Jede Zeit hat also ein Recht auf ihren Jesus, und es gibt überhaupt keinen Grund, an der Ikonographie des 19. Jahrhunderts festzuhalten.

Der Prediger Eric Delve von der kirchlichen Basisgruppe "St. Luke's" findet Sawyers Muskel-Messias gut. Der "Guardian" zitiert ihn mit einer Weisheit, der kaum zu widersprechen ist: "Männer suchen Actionfiguren, deswegen sind sie Fans von Fußballern." Und deshalb ist es auch so schade, dass die vor einigen Jahren von einer Künstlergruppe mit eher satirischer Absicht verbreitete Jesus-Puppe, in der der Heiland als eine kampfbereite Rambo-Gestalt mit Stirnband, Supermuckis und Camouflage-Hose dargestellt wurde, offenbar solchen Anstoß erregte, dass mittlerweile sogar im Netz keine Bilder von ihr mehr zu finden sind.

Kommentare:

  1. Michelangelos "Letztes Gericht" zeigt ihn als zorniger Verdammer. Der erhobene Arm könnte Thors sein, während er Donnerkeile wirft. Nur, daß Jesus bei Michelangelo keine physisiche Keile braucht, um die Sünder in die Hölle zu schleudern.

    - Mitch Cohen

    AntwortenLöschen
  2. Apropos: Gibt es für "brick shithouse" eigentlich eine bessere deutsche Übersetzung als das deutsche redensartliche "Schrank". Ist mir da eine Bedeutungsnuance entgangen?

    AntwortenLöschen