Donnerstag, 21. Juli 2011

Was sollen bloß die Nachbarn denken?

Seit ca. zwei Wochen prangen an diversen Berliner Hauswänden Plakate, auf denen eine zickig wirkende ältere Dame zu sehen ist, die entsetzt ausruft: "Was sollen denn die Nachbarn von uns denken?"

Es handelt sich um einen Teil einer Kampagne, mit der für die Billigbiermarke Sternburg geworben wird, die im Ruf steht, vor allem bei ostdeutschen arbeitslosen Alkoholikern beliebt zu sein. Die Kampagne für das angebliche "Kultbier" (na ja...) spielt ganz witzig mit dem schlechten Ruf der "Sterni" genannten Niedrigpreismarke aus dem Hause Radeberger. Zu sehen sind auf anderen Plakaten u. a. ein Szeneschnösel (oder zumindest jemand, der so aussieht, wie sich "Sterni"-Trinker einen Szeneschnösel vorstellen) und ein "Reicher", die sagen "Wenn's nicht so nach Bier schmecken würde, vielleicht" und "Ich würd's trinken, wenn's teurer wäre".


Die Kampagne spricht aber auch ungewollt eine tiefe Wahrheit aus. Offenbar gilt es bei der Zielgruppe als Inbegriff verachtenswerter Spießigkeit, sich Gedanken darüber zu machen, was die Nachbarn denken. Das Freiheitsideal der "Alternativen, Studenten und Punks", die die Agentur Ogilvy & Mather mit den Plakaten ansprechen will, besteht im Gegenteil wohl vor allem darin, nie, untergar keinen Umständen auch nur ein einziges Mal darauf Rücksicht zu nehmen, was andere denken.

Dabei ist der Gedanke daran, was die Nachbarn denken, doch der Klebstoff, der einigermaßen funktionierende Gesellschaften zusammenhält. Es mag ja auch Individuen geben, die diese Form der sozialen Kontrolle nicht brauchen, um vor dem Abgleiten in die Verwahrlosung geschützt zu werden. Aber ein beträchtlicher Teil muss sich doch wenigstens ein ganz kleines bisschen beobachtet fühlen, um sich dauerhaft wie ein einigermaßen verantwortungsvolles menschliches Wesen zu benehmen. Was sonst passiert, kann man in anonymen Riesengebäuden wie dem berüchtigen Drogenbunker an der Memhardstraße nahe dem Alexanderplatz ebenso beobachten wie in jedem Berliner Problemkiez.

Die Wahrheit über Sterni an der Kastanienallee
Überall dort macht sich mit Sicherheit niemand die geringsten Sorgen darüber, was die Nachbarn denken. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, die typische Drogen-, Alkoholiker- und Schlägerkarriere fängt genau in dem Moment an, in dem man vergisst, dass man Nachbarn hat oder sie einem egal werden. Wer sich keine Gedanken über die Reaktionen seiner Mitmenschen macht, findet es irgendwann ganz normal, nicht zu arbeiten und ewig zugedröhnt zu sein. Es ist ja niemand mehr da, dessen Worte oder wenigstens Blicke ihn daran erinnern, dass all dies eben nicht selbstverständlich ist. Wer nicht mehr mitbekommt, was die Nachbarn denken, der hört irgendwann auf, sich zu waschen, der bringt seinen Müll nicht mehr raus, lässt seinen Hund in die Wohnung scheißen und zu guter Letzt fickt er seine Kinder. Mit anderen Worten: Er endet als typischer "Sterni"-Trinker,

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