Montag, 6. Juni 2011

Wer köpfte Thomas Mann?

Sehr geehrte Polizeidirektion Lübeck,
wie ich Ihrer Pressemitteilung vom heutigen Tage entnehme, wurde in Ihrer Stadt ein schwerer Fall von antiliterarischem Vandalismus verübt. Auf dem Schulhof eines Gymnasiums an der Thomas-Mann-Straße ist einer Büste des berühmtesten Sohn Lübecks der Kopf abgeschlagen worden. Der lebensgroße Dichter-Schädel aus einer Bronze-Kupfer-Legierung ist verschwunden.

Die Polizei und auch erste kommentierende Leser in Online-Medien vermuten, dass hier gewöhnliche Metalldiebe am Werk waren. Mindestens genauso wahrscheinlich erscheint mir aber, dass es hier um eine literarische Fehde geht. Wie Sie vielleicht nicht wissen, hat der Schriftsteller Maxim Biller in einem von der Öffentlichkeit wenig beachteten Text eine derartige Aktion angekündigt. In den Memoiren, die dieser hier bei uns in Berlin als geltungsüchtig und unberechenbar geltende Mann schon 2009 mit gerade mal 49 Jahren unter dem Titel "Der gebrauchte Jude" veröffentlicht hat, schreibt er von seinem Hass auf Thomas Mann. Es handelt sich um die typischen Rachefantasien, eines einstigen Bewunderers, der nie verwunden hat, dass man ihn in nicht als einzig wahren Nachfolger des Meister anerkannt hat. In einem Interview kündigte Biller damals an: "Es muss mir gelingen, Thomas Mann zu zerstören." Sie werden zugeben, dass diese Formulierung Rückschlüsse auf eine gewisse psychische Instabilität des Sprechers zulässt.

Da Thomas Mann schon lange nicht mehr lebt und auch die Auslöschung seines kompletten Werkes ein unmögliches Unterfangen ist, dass sogar die Gewaltfantasien eines Größenwahnsinnigen übersteigt, halte ich es nicht für unwahrscheinlich, dass sich die zerstörerische Energie Billers auch gegen Dinge richtet.

Natürlich kann man fragen, warum der Schriftsteller der in Berlin-Mitte in der Nähe der Kastanienallee wohnt, ausgerechnet in Lübeck zuschlägt. Zwar gibt es auch in Berlin eine Thomas-Mann-Büste an der so genannten Straße der Erinnerung am Moabiter Spreeufer. Doch dieses Kunstwerk ist in der Hauptstadt nahezu unbekannt. Und selbst im Internet findet man es nicht so leicht. Wenn ein Berliner ohne lange Recherchen, getrieben vom unkontrollierbaren Rachedrang nach einer kleinen Thomas-Mann-Büste suchen würde, an der er  Vergeltung üben könnte (ein großes Denkmal überstiege die körperlichen Fähigkeiten des Autors Biller), dann würde er damit möglicherweise genau in der Thomas-Mann-Stadt Lübeck in der Thomas-Mann-Straße anfangen. Vielleicht fragen Sie Herrn Biller, ja einfach mal, wo er in der von Ihnen angenommenen Tatzeit zwischen Mittwoch, dem 1. Juni, 18 Uhr  und Montag, dem 6. Juni, 8.00 Uhr war.

In der Hoffnung, Ihnen sachdienliche Hinweise gegeben zu haben, verbleibe ich mit freundlichem Gruß.

Ihr

Matthias Heine

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