Dienstag, 7. Juni 2011

Napoleon war kein großer Popcornesser

Wenn ich das nächste Mal wieder im Kino sitze und genervt bin von irgendeinem Popcornfresser neben mir, werde ich mit der Anekdote trösten, die ich Gustav Seibts absolut lesenswerten Buch "Goethe und Napoleon" gefunden habe (S. 109f). Dort wird erzählt, dass beim Erfurter Fürstenkongress, wo es 1808 zu der Begegnung der beiden Genies kam, jeden Abend das Théâtre français mit seinem Starschauspieler Talma spielte. Napoleon hatte die Truppe extra aus Paris kommen lassen, um seinen Gast, den russischen Zar Alexander mit französischer Hochkultur zu beindrucken. Während der Aufführungen - beispielsweise von Corneilles "Cinna" oder Racines "Iphigenie" - saß der französische Kaiser nach einem Bericht des Autors Theodor Ferdinand Kajetan Arnold, der im Auftrag der Franzosen ein propagandistisches Buch über den Kongress schrieb, ganz ruhig, seinen Hut zwischen die Knie gelegt und die Hände auf ihm. Aufmerksam lauschte er, nur gelegentlich Nüsse oder Mandeln naschend.

Talma als Cinna Bild: Gallica
Bei den bedeutendsten Stellen der Stücke hatte er gelegentlich das Bedürfnis, seinem Gast eine Moral zu erläutern - und er tat sich diesbezüglich keinen Zwang an. Er wusste ja, dass trotz der des Ruhms von Talma, den man den "Napoleon der Bühne" nannte, er und Alexander die eigentlichen Hauptdarsteller jener Theaterabende waren. Deshalb wurde es auch während der zweistündigen Aufführungen niemals dunkel - man sollte die beiden Kaiser mindestens so gut sehen könne wie Schauspieler. Und alles, was diese Taten war nicht weniger auf Effekt kalkuliert wie die Gesten der Darsteller oben auf der Bühne. Das Publikum und zugleich die Staffage waren Leute wie Goethe oder Wieland, die mit im Zuschauerzahl saßen, aber vor allem die deutsche Kleinfürsten, die Napoleon hatte antreten lassen - wobei als Kleinfürsten im Angesicht der beiden wahrhaft mächtigen Kaiser, die bald darauf 1812 zum Endspiel um die Herrschaft Europas antreten sollten, nicht nur Goethes Weimarer Landesfürst August gemeint ist, sondern auch diverse deutsche Fürsten mit durchaus klangvollen Titeln. Der Weimarer Kanzler Friedrich von Müller berichtet (zit. bei Seibt S. 108), dass beim Eintreten der Kaiser ins Theater dreimal die Trommel geschlagen wurde, bei den Königen nur dreimal. "Da geschah es denn, dass einstmals die Wache, durch das Äußere des Wagens des Königs vom Württemberg getäuscht, die dreifache Begrüßung eintreten ließ, der kommandierende Offizier aber zornig Einhalt gebot mit den Worten: Taisez vouz, ce n'est qu'un roi [Seien Sie still, das ist nur ein König]."

Angesichts des Rummels, der damals im Theater herrschte und der offenbar noch sehr zivilisiert war (es wird ja ausdrücklich hervorgehoben, dass Napoleon nur gelegentlich naschte), wird mir jeder Popcornstörer künftig vergleichsweise harmlos vorkommen.

1 Kommentar:

  1. Ich denke im Kino dann gern an diesen Text:

    Karl Philipp Moritz: Reisen eines Deutschen in Italien

    Der Italiener betrachtet und genießt die Oper als rein musikalisches Kunstwerk, als ein Konzert mit Maske. Daraus erklärt sich die wunderliche Einrichtung, bei den Wiederholungen der Oper den zweiten Akt vor dem ersten zu geben, damit diejenigen, die das Ende einer Aufführung nicht abwarten konnten, in einer der nächsten Vorstellungen den zweiten Theil der Musik dennoch zu hören bekommen. Daher sind die Theater zu Konversationssälen gewordne, in denen man plaudert, spielt und trinkt, bis eine große Arie die Aufmerksamkeit ergreift und Stille gebietet. Alsdann steht die Gesellschaft in den Logen auf und tritt vor, und kein lauter Atemzug unterbricht das gespannte Schweigen. Danach bricht der Lärm desto heftiger wieder los, denn nun hat Jeder mit seinem Nachbar über die Arie und über den Sänger oder die Sängerin zu sprechen.

    Der König von Neapel soll zuweilen eine Schüssel Makkaroni in seiner Loge essen, und zwar unter den Augen des Volks, das über diese populäre Burleske die Helden und Fürsten der Bühne ganz vergißt. Im Parterre treibt Jeder, was in gemischter Gesellschaft schicklich ist, er spricht und scherzt mit Nachbar und Nachbarin, und keinem fällt es ein, Ruhe zu gebieten.

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