Mittwoch, 8. Juni 2011

Über kulturelle Klischees

Draußen im Jahn-Sport-Park spielt Dynamo Berlin. Und ich muss daran denken, was mir ein geschätzter Kollege (selber Union-Fan aus Köpenick) einmal über die als besonders widerlich geltenden Fans dieses Vereins sagte: Wenn man immer das Gefühl hätte, im vereinten Deutschland gar nicht gewünscht zu sein, dann bleibe einem wohl gar nichts anderes übrig als sich auf die Rolle des gewalttätigen Ostproleten zurückzuziehen. Ich habe meine Zweifel an dieser Theorie. Ich glaube, dass der Kollege die Reihenfolge von Huhn und Ei verwechselt hat.

Ein anderer Freund war Mitte der Neunzigerjahre mal bei einem Dynamo-Auswärtsspiel bei Tennis Borussia Berlin, also im tiefsten Westen. Und damals produzierten sich die Fans des Vereins noch mehr als heute als ein Untermenschenklischee: Kahlrasierte brutale Besoffene, die die ganze Zeit "Fotzen, Fotzen" und "Mielke, Mielke" riefen. Und ich bin mir absolut sicher, dass sie 1990, unmittelbar nach der Wiedervereinigung auch schon so waren.

Mich erinnert die Argumentation meines Köpenicker Kollegen an die Klage, die ein türkischer Gefängnisinsasse in Berlin mal bei einer Diskussion mit Medienleuten und professionellen Kümmerern vorbrachte, die in seinem Knast stattfand und über die viele Zeitungen berichteten. Er sagte: "Du kannst machen, was du willst, für die Deutschen bleibst du doch immer der Türke." In Wirklichkeit benutzte er statt "Türke" das K-Wort, das ihm als Selbstbezeichung erlaubt ist, das ich hier aber vermeide. Ich habe mich damals gefragt, ob es diesem Deliquenten mit Migrationshintergrund vielleicht die Augen geöffnet hätte, wenn ihn einer der ganzen Anwesenden ihn mal stellvertrend für den ganze kulturellen Typus, den er repräsentiert, gefragt hat: "Du redest wie ein Türke, du ziehst dich an wie ein Türke, du fährst Auto wie ein Türke, du hörst türkische Musik, isst türkisches Essen, hast eine Türkenfrisur, du hast einen türkischen Lieblingsverein, du jubelst, wenn die türkische Nationalmannschaft gegen Deutschland ein Tor schießt, du prügelst dich so schnell wie ein Türke, du betest wie ein Türke, du behandelst deine Freundin wie ein Türke und du bist sogar im Knast - wie ein typischer Türke. Warum um alles in der Welt, sollte dich irgendjemand für einen Deutschen halten? Das einzige deutsche an dir ist dein Selbstmitleid."

Mich haben auch früher in den Achtzigern,  als ich dieser Szene selber noch nahestand, die Punks aufgeregt, die sich die Haare färbten, sie zum Iro hochtoupierten, eine Ratte auf ihre Schulter klettern ließen und sich dann darüber aufregten, dass die "Spießer" sie anstarrten, Genau wie die sich diskriminert fühlenden Dynamo-Fans und wie der Knacki mit dem Migrationshintergund hatten sie die Kausalkette auf den Kopf gestellt.

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