Freitag, 10. Juni 2011

Trink nicht mit den Satansjüngern!

Die fundamentalistisch-katholische Organisation Civitas hat zum Boykott der in Frankreich sehr verbreiteten Biermarke Kronenbourg aufgerufen, weil die elsässische Brauerei das Hellfest sponsert. Dieses große Heavy-Metal-Festival findet jedes Jahr im französischen Departement Loire-Atlantiqe statt. Am 17., 18. und 19. Juni versammeln sich dort auch diesmal wieder etwa 90 000 Musikfans. Deswegen hat Civitas unter dem Motto: "Ne trinquez plus avec les disciples de Satan!" ("Trinkt nicht mit den Satansjüngern", genauer: "Prostet den Satansjüngern nicht mehr zu!") einen Medienkreuzzug gegen die Firma Kronenbourg (zu deren Marken auch Carlsberg und Kanterbräu gehören) und andere Unterstützer des Hellfests gestartet.

Bekanntlich gehört satanistisches Getue in der Heavy-Metal-Szene zum Alltag: So grüßt man sich dort beispielsweise mit jenem Handzeichen, bei dem der ausgestreckte Daumen und kleine Finger, je nach Interpretation eine Teufelsgabel oder zwei Hörnchen bilden. In der schönen Adam-Sandler-Komödie "Little Nicky, Satan Junior" gibt es zwei Metal-Fans, die Nicky, dem Sohn Satans gestehen: "Wir sind sehr große Fans, von dem, was dein Vater tut." Weniger lustig ging es eine Zeit lang in der norwegischen Black-Metal-Szene zu, wo Musiker den Satanismus so ernst nahmen, dass sie Kirchen anzündeten und sich gegenseitig umbrachten. Beschrieben ist das alles in dem Buch "Lords of Chaos".

Wie "La Liberation" berichtet, hatten sich Katholiken in den vergangenen Jahren darauf beschränkt, den Boden des Hellfests mit Weihwasser zu bespritzen oder bei den Sponsoren und öffentlichen Institutionen, die das Festival finanziell unterstützen, brieflich zu protestieren. Diesmal erreicht der Protest eine neue Qualität: Mit 150 000 Spam-Emails haben Unterstützer von Civitas Kronenbourg bombardiert, rühmt sich der Präsident von Civitas, Alain Escada, gegenüber der Internetseite des Magazins "Les Inrockuptibles". Auch sonst entsprechen die Methoden von Civitas durchaus dem neuesten Zeitgeist: Ein eigener Videoclip wirbt auf YouTube für den Kronenbourg-Boykott.

Das Plakat des diesjährigen Hellfests
Interessant daran ist, dass die Katholiken von Civitas und die norwegischen Black-Metaller in einem grundsätzlichen Irrtum vereint sind: Sie halten den Satanismus der Rockszene offenbar für eine echte Religion. Sie begreifen nicht,dass er für die allermeisten nur ein Art dunkler Karneval ist. Während eine Religion ihren Anhängern Pflichten auferlegt, geht es bei Karneval gerade um das temporäre Außerkraftsetzen solcher Pflichten. Metal-Festivals sind Orte der Entgrenzung nicht das Zwangs.

Zur Verwirrung der französischen Katholiken hat wohl auch der Slogan "Our Music, our Religion" beigetragen, mit dem das Hellfest für sich wirbt. Doch dass es sich beim Metal-Satanismus nicht um eine Kirche mit der Verpflichtung zur Glaubenstreue handelt, zeigt sich deutlich am Falle von Tom Araya, dem Bassisten und Sänger von Slayer. Nachdem dieser sich als Katholik geoutet hatte, gab es in der Fanszene Zweifel, ob er die häufig von satanistischen Motiven durchsetzten Texte seiner Bandkollegen Jeff Hanneman und Kerry King überhaupt glaubwürdig vortragen könne. Araya erklärte, auch wenn er mit einigen Texten von King nicht konform sei,  könne er sie aber dennoch mit Leidenschaft umsetzen, ohne seinen Glauben dadurch zu gefährden. Offenbar ist Araya klarer als den meisten seiner Fans, dass jemand, der sich auf eine Bühne stellt, damit in einer Rolle schlüpft und Teil einer Inszenierung wird. Im Theater ist das nur ein bisschen deutlicher als bei einem Metal-Konzert. Aber im Prinzip muss der Sänger einer Heavy-Metal-Band so wenig ein gläubiger Satanist sein, wie ein Schauspieler ein gemütskranker Russe sein muss, um Tschechow zu spielen.

Vag Vikernes, die Schlüsselfigur der norwegischen satanistischen Black-Metal-Szene, hat das schließlich auch verstanden. Der Mann, der wegen Mordes an einem Musikerkollegen und weiteren Straftaten zu 21 Jahren Haft verurteilt wurde, nennt den Satanismus heute eine „judäochristliche Idiotie“ und seinen Begründer Aleister Crowley einen "Perversen". Stattdessen hängt er einem nordisch-völkischen Neuheidentum an. Dort hat dieser von vielen persönlichen Dämonen  gehetzte Mann offenbar den wirklich harten religiösen Stoff gefunden, den einer wie er braucht, und den ihm der Satanismus anscheinend nicht bieten konnte.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen