Samstag, 11. Juni 2011

Vorhut der Vorhaut: Russell Crowe und James Joyce

Die Beschneidung von Genitalien mag ein überflüssiger und barbarischer Brauch sein, aber die Beschneidung von Twitter-Daumen hätte schon manches Unglück verhindert. Russell Crowe ist der jüngste in der vermutlich endlosen Reihe derjenigen (Reiter, Weiner etc.), die von der Resonanz eines scheinbar privaten oder bloß witzig gemeinten Tweets überwältigt sind. Der Schauspieler hatte sich mit scharfen Worten zum Thema Beschneidung geäußert. Einen halben Tag später sah er sich angesichts der Empörung, die er mit seinem  ursprünglichen Tweet und den darauf folgenden Antworten auf Einwände seiner Follower auslöste, schließlich genötigt, sich öffentlich zu entschuldigen und die inkriminierten Tweets zu löschen. Man nennt so etwas einen "Shitstorm".

Crowe hatte auf die Frage eines Fans, ob er seinen Sohn beschneiden lassen würde, geantwortet: "Beschneidung ist barbarisch und dumm. Wer seid ihr, dass ihr die Natur korrigiert? Braucht Gott wirklich die Vorhaut als Gabe? Babys sind perfekt." Daraus hatte sich eine erregte Diskussion mit weiteren Twitter-Followern ergeben. Als er von einem Fan gefragt wurde, ob er wirklich die weibliche Genitalverstümmelung mit einem jüdischen religiösen Ritual vergleichen wolle, antwortete Crowe: "Verdammte Scheiße. Auch die Mayas hatten religiöse Rituale." (hier eine englische, hier eine deutsche Zusammenfassung der Konversation).


Foreskin Man kämpft gegen die Stürmer-Karikatur eines jüdischen Arztes

Crowes Tweets hätten wohl kaum für so viel Aufsehen gesorgt, wenn sie nicht an eine heftige Debatte rühren würden, die in Amerika über die Beschneidung von Jungen geführt wird. In Kalifornien haben Anti-Beschneidungsaktivisten erreicht, dass dort demnächst eine Volksabstimmung über ein Beschneidungsverbot ohne jede Ausnahme aus religiösen Gründen stattfinden wird. Die Initiatoren stellen die Beschneidung von Jungen mit der allgemein geächteten Klitoris-Verstümmelung bei Mädchen auf eine Stufe.

Sollte das Verbot durchkommen, würde Beschneidung künftig als Delikt mit einer Geldstrafe von bis zu 1000 Dollar und bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft. Jüdische und muslimische religiöse Organisationen wehren sich gegen den drohenden Bann. Unterstützt werden sie dabei von Menschenrechtsorganisation Anti Defamation League, die die Anti-Beschneidungskampagne  "einen Anschlag gegen die Elternrechte, gegen eine zulässige medizinische Praxis und gegen die religiöse Freiheit nennt".

Die Unterstützer des Beschneidungsverbots nutzen für ihre Propaganda u. a. eine Comicfigur namens Foreskin Man. Dieser blonde Superheld rettet kleine Kinder vor Schurken, die ihnen die Vorhäute abschneiden wollen. Obwohl diese Gestalten aussehen wie üble "Stürmer"-Klischees, besteht Matthew Hess, Präsident der Anti-Beschneidungsliga, darauf dass das Comicheft auf gar keinen Fall antisemitisch sei.

Jetzt hat sich auch die Dachorganisation der Amerikanischen Evangelikalen solidarisch mit Juden und Muslimen im Widerstand gegen das Beschneidungs-Verbot erklärt: "Juden, Muslime und Christen führen ihr spirituelles Erbe alle auf Abraham zurück. Die biblische Beschneidung beginnt mit Abraham", sagte Leith Anderson der National Association of Evangelicals laut "Huffington Post".

Als "Vorhautsammler" wird der jüdisch-christliche Gott des Alten Testaments übrigens nicht nur von den üblichen Verdächtigen, Neuheiden und Neonazis, mit polemischer Absicht bezeichnet, sondern auch schon von der Romanfigur Buck Mulligan im größten Buch des 20. Jahrhunderts, dem  "Ulysses" von James Joyce. "Collector of Prepuces" nennt ihn Mulligan im "Telemach"-Kapitel. Der zutiefst mit katholischer Tradion durchtränkte Joyce war offenbar während der Niederschrift des "Ulysses" besessen von Vorhäuten und ihrer religiösen Bedeutung. Der Literaturwissenschaflter Geert Lernout hat  dem Vorhaut-Thema im Roman einen ganzen eigenen Aufsatz in der Zeitschrift "James Joyce Quarterly" gewidmet. Darin weist er nach, dass sich Joyce während der Vorstudien zum "Ulysses" zahlreiche Fakten aus dem Buch des deutschen Theologen Alphons Victor Müller "Die "hochheilige Vorhaut Christi im Kult und in der Theologie der Papstkirche" notiert hatte. Müller war ein zum Protestantismus konvertierter Ex-Dominikaner, der - wie diverse Aufklärungsphilosophen - den Kult um die Vorhaut des Heilands (der als Jude selbstverständlich beschnitten gewesen sein muss), als Paradebeispiel für absurden Aberglauben anprangerte.

Wenig davon ist tatsächlich in den "Ulysses" eingeflossen, aber das Thema ist im Buch an vielen Stellen präsent: Während die beiden Hauptfiguren Stephen Dedalus und Bloom im "Nausikaa"-Kapitel gemeinsam urinieren, vergleichen sie ihre Penisse, die hier als "kollaterales Organ" bezeichnet werden. Die entsprechende Stelle des Kapitels, das im Frage-und-Antwort-Stil eines Katechismus abgefasst ist, lautet:

"Welche verschiedenen Probleme stellen sich einem jedem von ihnen im Hinblick auf das unsichtbare, hörbare, kollaterale Organ des anderen?

Bloom: die Probleme der Irritabilität, Tumeszenz, Rigidität, Reaktivität, Dimension, Sanitarität, Pelosität. Stephen: das Problem der sazerdotalen Integrität des beschnittenen Jesus (1. Januar, Feiertag mit der Verpflichtung, die Messe zu hören und sich jeder unnötigen dienenden Arbeit zu enthalten) sowie das Problem, ob die göttliche Vorhaut, der fleischliche Brautring der heiligen römisch-katholischen und apostolischen Kirche, aufbewahrt in Calcata, die einfache Verehrung im Sinne der Dulia oder den vierten Grad der Latria verdiene, der den Abschneidseln solcher göttlichen Auswüchse wie Haar und Zehennägeln zugewiesen ist."


Meine kommentierte "Ulysses"-Ausgabe merkt dazu auf Seite 952 an:

"Was Stephen hier zu beschäftigen scheint, ist die Frage nach der Ganzheit Jesus als wahrer Mensch. Die theologische Antwort darauf ist, daß der Verlust der Vorhaut dem vom Haaren und Nägeln gleicht, die Ganzheit also nicht beeinträchtigt. Die jüdische Beschneidung gilt als Glaubenszeichen, das der Taufe entspricht, so auch für Jesus, in dessen Beschneidung die Taufe vorgezeichnet wird (siehe u. a. Kol. 2, 11-12). Der 1. Januar war das Fest der Beschneidung Christi (heute durch das Hochfest der hl. Gottesmutter und den 8. Tag der Geburt Christi ersetzt), für das die aufgeführten Anweisungen galten.

Bloom hat seine Vorhaut übrigens noch, obwohl er Jude ist. Auf dieses Stück musste der "Collector of Prepuces" in seiner Sammlung verzichten.

Kommentare:

  1. Russel Crowe hat vollkommen recht.Von dem kannst du noch viel lernen. Die Beschneidung ist grausam und barbarisch.

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  2. Wolfgang Heinze, Berlin19. Juli 2012 um 13:00

    Im Tierschutzrecht ist das Kupieren von HundeOhren und -schwänzen aus irregeleitetem Schönheitswahn längst untersagt. Und dann soll es einem religiösem Wahn folgend gestattet sein, die Vorhaut von wehrlosen kleinen Jungen abzuschneiden?

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  3. Wer Babies foltert, ,,,für den braucht man/frau sehr sehr viel Liebe.
    viele MENSCHEN, DIE IHRE vorhaut verloren haben, scheinen stattdessen eine HORNHAUT ÜBER IHREM HERZEN zu haben...
    - mehr dazu in meinem bogg stichelschwein...

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