Mittwoch, 22. Juni 2011

Die Maske der Anarchie

Die meistreproduzierte Ikone der globalen linken Bewegungen ist nicht mehr Che oder Mumia und auch nicht die triumphgrinsende Visage der Anti-Atomkraft-Sonne, sondern das Gesicht eines Mannes, der schon 305 Jahre tot ist: Guy Fawkes. Als voriges Jahr weltweit gegen die Verhaftung von Wikileaks-Chef Julian Assange protestiert wurde, zeigten sich die Demonstranten mit Guy-Fawkes-Masken. In den sozialen Netzwerken haben ungezählte junge Idealisten sein Gesicht als Profilbild gewählt. Und bei den Demonstrationen in Spanien und Griechenland sieht man immer mehr Menschen mitmarschieren, die sich als Guy Fawkes verkleidet haben.

Das Cover von Alan Moores Buch
Fawkes wollte am 5. November 1605 das britische Parlament und den König in die Luft sprengen. Das macht ihn zu einem Sympathieträger für alle, die mehr oder weniger radikal gegen die Autoritäten kämpfen. Aber seine Karriere als Werbefigur des Anarchismus ist dennoch erklärungsbedürftig, weil sie spät begann und dann umso steiler wurde. Zurzeit hat Fawkes alle etablierten Posterboys und –girls des linken Protests schier ausradiert. Der Siegeszug der Guy-Fawkes-Gesichter ist zu vergleichen mit der raschen Verbreitung der ursprünglich in Italien erfundenen Pace-Regenbogenfahne bei den Protesten gegen den Irak-Krieg 2004.

Der Ausgangspunkt des Fawkes-Booms liegt vermutlich im Jahre 2008. Damals startete das Kollektiv Anonymous, das vor allem durch spektakuläre Hacker-Angriffe bekannt geworden ist, eine Kampagne gegen die Scientology-Sekte. Es ging Anonymous damals schon im Kern um die Freiheit des Internets, denn Scientology hatte versucht, bei YouTube ein Video verbieten zu lassen, das den Vorzeige-Scientologen Tom Cruise zeigt, wie er unverblümt über die totalitären Ziele der Bewegung spricht. Die Aktionen von Anonymous beschränkten sich aber nicht auf das Netz, sondern es gab auch Demonstrationen vor Gebäuden, die Scientology gehören. Auf alten Fotos kann man sehen, dass die Demonstranten vor der Londoner Zentrale der Sekte schon Guy-Fawkes-Masken trugen, doch das Häufchen, das dem Protestaufruf in München folgte, vermummte sich noch mit ganz konventionellen Sonnenbrillen.

Heute ist Guy Fawkes für Anonymous zu einer klar identifizierbaren Reklamegestalt geworden – so wie Ronald McDonald für McDonald’s steht oder Uncle Sam für Amerika. Das andere Erkennungszeichen von Anonymous – ein kopfloser Mann, der die Anonymität symbolisiert – ist nicht annähernd so bekannt. Als neulich verkündet wurde, dass Anonymous künftig gemeinsam mit der ursprünglich angefeindeten Hackerkonkurrenz von Lulzsec geheime Informationen stehlen und veröffentlichen wolle, inspirierte das einen Karikaturisten auf der Nachrichtenseite des australischen Medienkonzerns ABC zu einer Zeichnung, die einen sekttrinkenden Guy Fawkes zeigt. Jeder Internetaktivist verstand sofort, dass es sich hier um eine Verschmelzung der Wappengestalten der beiden Hackerkollektive handelte: LulzSec wirbt mit einem Zylindermann, der ein Champagnerglas hält.

Dass die Guy-Fawkes-Masken erstmals von britischen Aktivisten getragen wurden, ist nur logisch. Denn in England wird jedes Jahr am 5. November mit Feuerwerk und karnevalsartigen Veranstaltungen des Gun Powder Plots gedacht, bei dem Fawkes 1605 zahlreiche Fässer mit Schießpulver in den Kellern unter dem Londoner Parlamentsgebäude versteckt hatte. Trotzdem war viele Jahre kaum einer auf die Idee gekommen, solche Masken mit ernsthaften politischen Anliegen zu verbinden. Dazu bedurfte es erst des Genies von Alan Moore.

Der Brite, der als bedeutendster lebender Comicautor gilt (die „New York Times“ zählt sein Werk „Watchmen“ zu den 100 wichtigsten Büchern aller Zeiten), hatte in den Achtzigerjahren einen seiner ersten größeren Erfolge mit „V wie Vendetta“. Darin führt ein anarchistischer anonymer Einzelkämpfer einen Bombenkrieg gegen den totalitären Staat, zu dem sich England entwickelt hat. Das Buch verarbeitet die Paranoia linker und liberaler Intellektueller, die während der Regierungszeit von Margaret Thatcher ernsthaft eine faschistische Gesellschaft in der Art von George Orwells „1984“ heraufdämmern sahen. In „V wie Vendetta“ gibt es eine Führerfigur, die dem Big Brother ähnelt und der Slogan des Regimes ist „England Prevails“ – „England über alles“.

Der Held von „V wie Vendetta“ trägt immer eine Guy-Fawkes-Maske. Nicht nur, um unerkannt zu bleiben, sondern auch – wie sich im Laufe des Buches herausstellt -, weil ihm seine Identität bei medizinischen Versuchen in einem KZ geraubt wurde. Am Ende gelingt es ihm mit seinen Bombenanschlägen und anderen Attentaten tatsächlich, das Volk aufzuwiegeln und das Regime zu stürzen. Wenn Alan Moore nicht ein so genialer Autor wäre, könnte man sagen: „V wie Vendetta“ ist eine anarchistische Onaniervorlage.

„V for Vendetta“ wurde 2006 verfilmt, die Produzenten waren die Wachowski-Brüder, die Schöpfer von „Matrix“, einem anderen Film, der bei vielen Pop-Anarchisten den Rang eines Evangeliums hat. Durch das Kino hat Moores Schöpfung eine Breitenwirkung erreicht, die der Comic nie hatte. Und von dort führt wohl die Spur zu den Masken der Anonymous-Leute in London 2008. In Deutschland sind Guy-Fawkes-Larven spätestens 2009 im Rahmen der Proteste gegen Netzsperren und die anderen „Zensur“-Pläne der damaligen Familien- und Innenminister Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble erstmals getragen worden.

Neu ist nun aber, dass Guy Fawkes die Sphäre des Netzes verlassen hat. Es begann mit einzelnen polit-modischen Avantgardisten, die nach einem neuen revolutionären Chic suchten. So wie der Demonstrant Stephon Boatwright, der bei Facebook als Beruf „Revolutionär“ angibt, beim G20-Gipfel im September 2009 in Pittsburgh. Die Macht der westlichen Popkultur zeigt sich auch darin, dass es ein Foto gibt, auf dem eine tunesische Schulklasse während der Jasmin-Revolution zu sehen ist, die sich komplett mit Guy-Fawkes-Masken ausstaffiert hat. Einzelne Fawkes-Darsteller sah man auch bei den Aufbegehrenden gegen Stuttgart 21. Mittlerweile kann man das Guy-Fawkes-Outfit auch bei zahlreichen deutschen Versendern via Amazon bestellen.

Zum unübersehbaren Massenphänomen wurden die Masken aber erst jetzt in Spanien: Hier werden sie nicht nur bei Protesten gegen die Internet-Zensurpläne des Kulturministers Angeles Gonzalez Sinde getragen, sondern längst auch als Zeichen allgemeinen Misstrauens gegen die politische Klasse und ihr Versagen. Sagt man doch über Guy Fawkes, er sei der einzige Mensch gewesen, der jemals ein Parlament mit ehrlichen Absichten betreten habe.

Die Spanien-Connection hat aber auch noch einen bizarren Subtext. Denn der echte Fawkes war ein katholischer Fundamentalist, der als Söldner für Spanien kämpfte, das man mit einigem Recht als das totalitäre Reich des Bösen der Barock-Epoche bezeichnen könnte – sein Freiheitsbegriff unterschied sich also fundamental von demjenigen seiner jungen Fans heutzutage. Frei sein sollen in der Vision dieses Terroristen nur seine rechtgläubigen Glaubensbrüder. Obendrein scheiterte er mit seinem Anschlag und sollte 1606 hingerichtet werden. Er entzog sich dem durch einen selbstmörderischen Sprung vom Galgenpodest.

Wenn also unbedingt ein fundamentalistischer katholischer Attentäter ihre Inspiration sein muss, sollten die Revolutionäre vielleicht doch besser Francois Ravaillac wählen. Denn dem gelang es immerhin, tatsächlich einen Monarchen umzubringen. Am 14. Mai 1610, knapp fünf Jahre nach Fawkes‘ gescheitertem Versuch, erstach Ravaillac Frankreichs „guten König“ Henri IV. – eine Attentatsmethode, die übrigens auch der Held von „V wie Vendetta“ gerne anwendet. Besser ist die Welt dadurch allerdings nicht geworden. Henri IV. wurde ersetzt von Leuten, die weitaus schlimmer waren als er. Die Mächte der Finsternis triumphierten und feierten ihren Sieg mit Ravaillacs Hinrichtung, die (ähnlich wie Fawkes‘ Tod) dem Zeitgeschmack entsprechend als langwieriges und einfallsreiches Theater der Grausamkeit inszeniert wurde.

Kommentare:

  1. Hier ein sehr interessanter Blog-Artikel über Guy-Fawkes-Masken in der ägyptischen Revolution, der fast zeitgleich mit meinem Beitrag erschienen ist: http://blogs.suntimes.com/foreignc/2011/06/v-for-vendetta.html

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  2. Hey,

    danke für den ausführlichen Artikel. Habe hier noch paar Infos zu Gefängnisse, Häftlinge etc gefunden.

    Und hier sind paar Angriffe der Anonymous Gruppe. Vielleicht auch erwähnenswert.

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