Donnerstag, 16. Juni 2011

Die Erfindung der Berliner Republik

Ich weiß noch genau, was ich an dem Tag gemacht habe, als im Bonner Bundestag der Beschluss gefasst wurde, dass Berlin der Regierungssitz des wiedereinigten Deutschlands sein solle. Am 20. Juni 1991 war ich als Volontär der Braunschweiger Zeitung auf einem Fortbildungslehrgang in Hagen und war gerade heftig damit beschäftigt, mich in eine Frau zu verlieben, die heute Landesvorsitzende der Berliner Grünen ist und die mich in Hagen mit ihrem Motorrad besucht hatte. Für sprachhistorische Beobachtugen fehlten mir damals die Zeit und die Leidenschaft.

Deshalb habe ich leider auch eine Zeit lang geglaubt, Johannes Gross sei der Urheber des Begriffs "Berliner Republik" gewesen. Der FAZ-Kolumnist veröffentlichte 1995 ein Buch namens "Die Begründung der Berliner Republik", in dem er die Ansicht vertrat, mit dem Umzug von Bonn nach Berlin werde auch ein grundsätzlicher Politikwechsel verbunden sein - eine These, die von Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble heftig abgelehnt wurde, denn es gab auch so in den westlichen Landesteilen schon genug Ängste vor der neuen und alten, mitten im barbarischen Osten gelegenen Hauptstadt (eine Zusammenfassung der Debatte hier). Spätestens als 1999 tatsächlich der Regierungssitz nach Berlin verlegt wurde, galt Gross als derjenige, der die "Berliner Republik" erstmals als solche bezeichnet hatte.

Doch als Sprachhistoriker (ich habe immerhin an der 9. Auflage des Deutschen Wörterbuchs von Hermann Paul mitgearbeitet und dort die Buchstaben N, O, R und Teile des E betreut) war ich schon damals skeptisch. Zu wahrscheinlich erschien es mir, dass Gross lediglich ein in der Luft liegendes Schlagwort für den Titel seines Buches aufgegriffen hatte, unter dem sich eine große Zahl potenzieller Leser etwas vorstellen konnte. Leider hatte ich jedoch 1991 den zeitgeschichtlich günstigen Moment versäumt, an dem  ich als (damals noch aktiver) Sprachhistoriker quasi live die Entstehung des Begriffs hätte verfolgen und schriftlich fixieren können.

Mittlerweile, weitere 12 Jahre später, sind die Möglichkeiten des Internets zum Glück so unbegrenzt, dass man sich nachträglich besser darüber informieren kann, wer Anfang der Neunzigerjahre was gesagt hat, als es in der damaligen Gegenwart möglich gewesen wäre.

Relativ schnell habe ich Belege dafür gefunden, dass der Begriff "Berliner Republik" bereits 1991, unmittelbar nach dem so genannten Haupstadtbeschluss und vier Jahre vor dem Erscheinen von Gross' Buch geprägt wurde. Dem Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache entnehme ich, dass am 28. Juni 1991 der Journalist Gunter Hofmann in einem Leitartikel der ZEIT fragte: "Wird aus der Bonner Republik eine Berliner Republik - und was würde dies bedeuten?" In der gleichen ZEIT-Ausgabe schreibt ein anderer Autor:

"Vorerst scheint er zwar noch immer zu gelten, dieser Konsens aus dem Vereinigungsjahr 1990, daß es in Deutschland keine Politik des Zurück geben werde. Insgeheim jedoch scheiden sich die Geister längst daran, mit wieviel Vertrauen oder Mißtrauen man die tastenden Schritte verfolgen soll, weg von der Bonner, hin zur Berliner Republik ." 

Der Begriff "Berliner Republik" taucht in der Ausgabe vom 28. Juni 1991 sogar noch ein drittes Mal auf - ein deutliches Indiz dafür, dass er damals in der Sprache politischer Leitartikler schon recht gängig war. 


Bereits wenige Monate später hat das Schlagwort diese exklusive Sphäre verlassen und kann von Demagogen benutzt werden, mit der Gewissheit, dass die Volksmassen wissen, wovon die Rede ist. Der Autor Jürgen Leinemann zitiert in einer Reportage im "Spiegel" Nr. 38 vom 19. August 1991 über die Bonner Demonstrationen gegen den Umzugsbeschluss auf Seite 43 den Anti-Berlin-Aktivisten Günther Müller:


"Günther Müller ist auf dem Marktplatz der Beifall sicher, wenn er dröhnt: ,Der Bürger soll wissen, was ihn dieses Vergnügen, aus der Bonner Republik eine Berliner Republik zu machen, kostet.' "

Gerhard Schröder (Bernhard Schütz) trifft den echten Oskar Lafontaine
Bis 1995, also dem Jahr, in dem Gross' Buch erschien, listet das DWDS noch 30 weitere Artikel allein aus der ZEIT auf, in denen der Begriff "Berliner Republik" auftaucht. Also gebührt Gross lediglich Ehre, die Vorstellung von der Berliner Republik präzisiert und die Debatte über die Möglichkeit und gar Notwendigkeit eines Politikwechsels auf ein neues Niveau gehoben zu haben. Bald darauf mühte sich niemand geringerer als Jürgen Habermas in seiner Frankfurter Paulskirchenrede zum 50. Jahrestag der deutschen Kapitulation und Befreiung um die Fundierung einer Staatsmoral, die auch nach dem Umzug Geltung haben könnte.

1998, kurz vor dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin, inszenierte Christoph Schlingensief in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ein Theaterstück namens "Die Berliner Republik - oder der Ring in Afrika". Am Rande dieser Aufführung kam es Anfang März 1999 zu einer denkwürdigen Begegnung: Der damalige Finanzminister Oskar Lafontaine, der in der Volksbühne auf einer SPD-Wahlkampfveranstaltung gesprochen hatte, traf im Foyer des Theaters die Schauspieler Irm Hermann und Bernhard Schütz, die das Ehepaar Gerhard Schröder und Doris Schröder-Köpf spielten. Allen Beteiligten brachte die Begegnung kein Glück: Einen Tag nach diesem Händedruck trat Lafontaine zurück. Und im April setzte Schlingensief seine eigene Inszenierung ab - sie erschien ihm plötzlich belanglos, angesichts der Tatsache, dass Deutschland in Jugoslawien zum ersten Mal seit 1945 Krieg führte. Bomben (und seien es noch so gut gemeinte) auf ein Land, das die Deutschen im 2. Weltkrieg erobert und gequält hatten – das war eine Realität der neuen Berliner Republik, die sich kaum einer ihrer optimistischen Herolde hatte vorstellen können.

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