Mittwoch, 29. Juni 2011

Die China-Connection von Tim und Struppi

In Deutschland hat sich offenbar keiner gefragt, warum der chinesische Dissident Hu Jia , den die Regierung in Peking am Sonntagabend freigelassen hat, auf dem ersten Foto, das seine Frau Zeng Jinyan danach an das französische Nachrichtenportal France 24 schickte, ausgerechnet ein T-Shirt mit den Köpfen von Tim und Struppi trägt. Es wird wohl mehr als eine Verbeugung vor der Kultur des Landes sein, in dem mittlerweile eine der größten und aktivsten chinesischen Einwanderergemeinschaften Europas lebt, und dessen Hauptstadt Paris ihn 2008 zum Ehrenbürger gemacht hat. Eine Deutung, die der Journalist Pierre Haski auf Rue 89 gibt, ist, dass Hu damit der Welt die Botschaft senden wolle, er lasse sich von künftigen Enthüllungen genausowenig abhalten wie der mutige rasende Reporter Tim. Zwar habe Hu ganz gewiss wie der kurz zuvor freigelassene Ai Weiwei Sprechverbot, aber mit diesem T-Shirt überbringe er eine Nachricht.
Hu Jia nach seiner Freilassung  Foto: Zeng Jinyan


Das lässt die Frage offen: Wie bekannt ist Tim oder Tintin, wie er im frankobelgischen Original heißt, überhaupt in China? Und gibt es vielleicht noch irgendwelche nicht ganz so offensichtlichen Verbindungen zwischen der Welt des Tim-Schöpfers Hergé und China? In der Tat hat China im Leben und im Werk Hergés eine besondere Rolle gespielt. Nicht nur weil sein Stil immer wieder mit der für chinesische Zeichnungen typischen Reduktion aufs Wesentliche verglichen wurde. Sondern weil gerade der fünfte, in China spielende Tim-und-Struppi-Band "Der blaue Lotos" als ein Wendepunkt in Hergés Schaffen angesehen wird. Als Hergé die Geschichte plante, schrieb ihm Abbé Gosset, der Kaplan der chinesischen Studenten der katholischen Universität von Löwen, und bat ihn, sensibel mit dem Thema umzugehen, denn in seinen vorherigen Büchern wie beispielsweise "Tim im Kongo" waren außereuropäische Völker manchmal plump rassistisch dargestellt worden. Gosset stellte Hergé im  Frühjahr 1934 den jungen  Tschang-Tschong-Jen (so die deutsche Transkription seines Namens) vor, der an der Königlichen Kunstakademie in Brüssel Bildhauerei studierte. Die beiden wurden Freunde und durch Tschang lernte Hergé die Welt der chinesischen Kultur und Kunst kennen. Im "Blauen Lotos" ebenso wie in späteren Bänden war Hergé immer bemüht, die Orte in China, die Tim besuchte, möglichst akkurat und realitätsnah abzubilden - um so etwas hatte er sich beim vorangehenden Abenteuer "Die Zigarren des Pharao" noch nicht geschert. Er dankte seinem Freund damit, dass er im "Blauen Lotos" eine Figur namens Tschang-Tschong-Tschen einführte, einen chinesischen Waisenjungen, der sich mit Tim anfreundet.

Der "Blaue Lotos" war auch ein deutliches Statement für die Freiheit Chinas und gegen den Kolonialismus. Vor allem aber bezog es Partei für China und gegen Japan im damals beginnenden Konflikt zwischen den beiden Ländern. In "Der blaue Lotos" wird u. a. dargestellt, wie japanische Agenten am 18. September 1931 eine Eisenbahnlinie bei Mukden sprengten, was den Japanern als Vorwand für ihre Invasion der Mandschurei diente. Das führte u. a. zu einer scharfen Protestnote der japanischen Diplomatie beim belgischen Außenministerium.

Nachdem Tschang wieder nach China zurückgekehrt war, brach der Kontakt zwischen den Freunden durch den Zweiten Weltkrieg, den chinesischen Bürgerkrieg und die Revolution ab. Erst vier Jahrzehnte später trafen sie sich wieder. Am 1. Mai 1975 schrieb Hergé seinem Freund, dessen Adresse chinesische Bekannte für ihn herausgefunden hatten, einen Brief nach Shanghai (ein Faksimile des Luftpostumschlags ist in Michael Farrs Buch "Tim & Co." abgebildet). Doch wegen der politischen Wirren nach dem Tode Maos 1976 dauerte es noch sechs Jahre, bis die beiden Freunde sich endlich wiedersahen.

1981 kam Tschang, den man während der Kulturrevolution zum Straßenkehrer degradiert, aber 1979 zum Direktor des Ateliers für Malerei und Skulptur an Kunstakademie von Schanghai ernannt hatte, nach Brüssel. Ein Foto, das u. a. in Farrs Buch abgebildet ist, dokumentiert die Wiederbegegnun der beiden Freunde auf dem Flughafen Zaventen. Während seines dreimonatigen Aufenthalts in Brüssel modellierte Tschang eine Porträtbüste Hergés, die als Vorlage für das Bronzedenkmal in der französischen Bandes-dessinées-Hauptstadt Angoulême diente. Später ging Tschang nach Paris, ließ sich dort nieder, nahm die französische Staatsbürgerschaft an, die ihm der Kulturminister Jack Lang angeboten hatte, und starb 1998 im Pariser Vorort Nogent-sur-Marne.

Tschangs Hergé-Denkmal Foto: Patrick Janicek
Bereits bevor, die beiden sich im wirklichen Leben wiedertrafen, hatte Hergé die Wiedervereinigung 1959 in dem Band "Tim in Tibet" vorweggenommen. Dort ließ er Tim in den Himalaja reisen, um seinen verlorenen Freund Chang aus dem "Blauen Lotos" zu suchen. Am Ende finden sich die beiden Freunde wieder. Für Hergé, der mit "Tim in Tibet" eine persönliche und künstlerische Krise überwand, war dieser Band immer seine Lieblingschöpfung.

Ich weiß nicht, ob Hu Jia all das weiß oder ob das Tim-und-Struppi-T-Shirt vielleicht nur ein Geschenk französischer Freunde war, die die besonderen Beziehungen Hergés zu China kannten. Aber immerhin waren Hergé und "Der Blaue Lotus" im Reich der Mitte so bekannt, dass Hergé mehrfach von der Kuomintang (der nationalen Bewegung, die mit Maos Kommunisten konkurrierte) nach China eingeladen wurde. 1973 besuchte er tatsächlich Taiwan und traf die Witwe des Kuomintang-Führers Marschall Tschiang Kai-Schek. In jedem Falle mag ich nicht so recht daran glauben, dass Hu Jia das Kleidungsstück rein zufällig trug, weil es gerade oben in der Wäsche lag.

1 Kommentar:

  1. Ohne von China reden zu können: im direkten Nachbarstaat Indien bekommt bekommt man Tintin an vielen Ecken, auf Englisch und Hindi (in Brahmi gesetzt). Insbesondere natürlich "Tim in Tibet" - den wird's in China wohl nicht geben.

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