Dienstag, 17. Mai 2011

Strauss-Kahn im Fegefeuer der Eitelkeiten

Selten bekommt man die Gelegenheit, Hegel und Marx zu korrigieren. Der eine hatte ja bekanntlich geschrieben, dass alle weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Der andere ergänzte: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Diese Woche hat deutlich gezeigt: Manchmal ereignen sie sich aber zuerst nur in einem Roman oder Film und später dann im Leben. Viele Menschen fühlen sich von der Affäre um den IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn geradezu penetrant an Tom Wolfes Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten" erinnert.

Hier wie dort geht es um einen Banker auf dem Gipfel seiner Karriere in New York, der völlig überraschend eines Verbrechens angeklagt wird, in die Mühlen von Justiz und Medien gerät und obendrein zum Spielball politischer Ranküne wird. Beide Male ist das Opfer schwarz und unterprivilegiert, ein größerer Abstand zur Sphäre des Täters ist nicht denkbar. Außerdem wird die Spannung zwischen Schwarzen und Juden in New York in beiden Fällen zum Treibstoff der Emotionen - zwar ist McCoy im Gegensatz zu Strauss-Kahn selbst kein Jude, aber der jüdische Bürgermeister will ihn opfern, um den antisemitischen Verfolgungswahn potenzieller schwarzer Wähler zu dämpfen. Sein Werkzeug wird ein ebenfalls jüdischer Staatsanwalt.

Der Bankchef
Sowohl im Roman als auch im Leben ist der John F. Kennedy Airport der Ort, an dem die Katastrophe ihren Lauf nimmt: Dominique Strauss-Kahn wurde hier aus einer Air-France-Maschine heraus verhaftet. Sherman McCoy, der Protagonist von "Fegefeuer der Eitelkeiten", verfährt sich, als er seine Geliebte vom Flughafen abholt, und überrollt einen jungen Mann in der Bronx mit seinem Wagen. Im Buch wie im Leben nutzen die Medien den Luxuslebenstil des Bankers, um Stimmung gegen ihn zu machen: Bei Strauss-Kahn sind es seine 3000-Dollar-Hotel-Suite und sein Erster-Klasse-Flug, bei Sherman McCoy waren es sein Mercedes und seine Park-Avenue-Wohnung. Frappierend ähneln sich auch die Machenschaften der sehr auf Show bedachten Justizbehörden und die Art, wie sie ganz offensichtlich die Presse mit gezielten Informationen füttern.

Es gibt Szenen im Buch, die den Vorgängen der letzten Tage auf geradezu gespenstische Weise gleichen: Wie Sherman McCoy wurde Dominique Strauss-Kahn vor dem Criminal Court Building in der Centre Street, Hausnummer 100, von einem Mob von Fotografen und Kameraleuten erwartet. Einer von McCoys Anwälten nennt seine Festnahme einen "Circus Arrest" - eine Showverhaftung. Einen besseren Ausdruck für das, was Strauss-Kahn geschehen ist, wird man wohl kaum finden. Auch die Beschreibung der Nacht, die Sherman McCoy in einer Arrestzelle zwischen Mördern und Drogendealern verbringt, düfte dem, was der IWF-Chef erlebt hat, ziemlich nahe kommen. Die Demütigungsmechanismen, die den Delinquenten einerseits weichkochen sollen, in denen sich andererseits aber wohl auch ganz einfach das Klassenvorurteil von kleinbürgerlichen Polizisten und Juristen austobt, die einmal einen richtig fetten Fisch in die Finger bekommen haben, werden im Roman brillant beschrieben. Wer das Buch gelesen hat, könnte schwören, auch McCoy habe auf jener Bank im Gerichtsgebäude gesessen, auf der Strauss-Kahn gestern stundenlang warten musste, bis die beiden Allerweltskriminellen, die vor ihm dran waren, ihre Verhandlungen beendet hatten und er endlich an der Reihe war.

Natürlich gleicht nicht jedes Detail aus dem 24 Jahre alten Buch der aktuellen Geschichte: Sherman McCoy war geradezu ein musteramerikanischer WASP. Bei Strauss-Kahn wird die Sache noch gewürzt dadurch, dass er Franzose ist, also einer Nation angehört, von der die Amerikaner geradezu besessen sind. Und optisch ähnelt DSK mehr Sherman McCoys stilbewusstem Vater aus altem Geldadel als dessen neureich-protzigem Sohn. Aber im Grunde ist damit nur eine neue Karte ins Spiel gekommen, die noch deutlicher macht, dass die Regeln dieser Partie von der Rasse und der Klasse der Figuren bestimmt werden.

Trostlos ist, wie wenig sich daran seit 1987, dem Erscheinungsjahr von "Fegefeuer der Eitelkeiten", geändert hat. Wir erleben ja zur Zeit an vielen Stellen ein gespenstisches Achtziger-Revival: Eine schwarz-gelbe Koalition regiert in Bonn, Atomkraftwerke explodieren und Gaddafi wird in Tripolis bombardiert - das alles kennt man von damals. Und auch der kriminelle Banker oder Börsenmakler war eine Obsession des Jahrzehnts, ganz abgesehen davon, dass der Begriff "Banker" (ausgesprochen: Bänker) damals überhaupt erst in die deutsche Sprache eindrang; vorher gab es nur Bankiers und Bankangestellte. Außer Tom Wolfes Roman haben noch andere Schlüsselkunstwerke der Achtziger eine solche Figur im Zentrum. Man muss dabei gar nicht an Gordon Gecko aus Oliver Stones "Wall Street" denken, dessen kriminelle Energie ja ganz im Rahmen dessen bleibt, was in seinem Beruf als normal und berufsbedingt akzeptiert wird.

Aber in John Landis' vielgeliebter Filmkomödie "Die Glücksritter" (1983) erlebt Dan Akroyd als prototypische Oberschichtfigur Louis Winthorpe III. genau die gleichen Demütigungen wie jetzt Strauss-Kahn: "Diese Männer wollten Sex mit mir haben", beklagt er sich nach einer Nacht in der Zelle mit Schwarzen und Latinos bei seiner extrem klassenbewussten Verlobten, als er (im Gegensatz zu DSK) auf Kaution aus dem Gefängnis entlassen wird. Winthorpe ist übrigens tatsächlich Opfer einer Intrige - so wie es jetzt viele bei Strauss-Kahn vermuten.

Dafür ist Patrick Bateman umso schuldiger. Der Investmentbanker ist die Hauptfigur in Bret Easton Ellis' Roman "American Psycho" (1991 erschienen, aber noch ganz im Geist der Achtziger), einem weiteren epochentypischen Meilenstein der Banker-Darstellung. Sein Problem ist ganz anderer Natur als das von McCoy und Winthorpe. Er ist ein Sadist und Massenmörder, aber die ganze ihn umgebende Gesellschaft sieht penetrant über seine Taten hinweg und ignoriert sogar seine Geständnisse. Easton Ellis ging es in seinem formal brillanten Roman um eine etwas grobschlächtige Kritik am Kapitalismus, der den Mord stillschweigend als Teil des Systems akzeptiert.

Für Straus-Kahn symbolisieren die genannten fiktiven Banker und Börsentrader drei mögliche Ausgänge der Affäre. Falls er sich als schuldig herausstellt, dürfte er Patrick Bateman als Inbegriff des pathologisch bösen Bankers ablosen. Sollte es ihm gelingen, die vermeintliche Intrige gegen ihn so komplett zu überwinden, wie es Louis Winthorpe III. gelungen ist, erschiene es sogar denkbar, dass er doch noch sozialistischer Präsidentschaftskandidat wird und die Franzosen ihn mit großer Mehrheit wählen, weil er dann ein Nationalheld wäre, dem die Amerikaner nichts am Zeug flicken konnten. Am wahrscheinlichsten ist allerdings aber, dass er endet wie Sherman McCoy. Der wurde zwar nicht verurteilt, aber am Ende waren seine Karriere und sein gesellschaftlicher Status trotzdem ruiniert.

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