Mittwoch, 18. Mai 2011

Feministische Farce um Philip Roth und den Booker Prize

Zu einem unterhaltsamen Skandälchen hat die Vergabe des 4. Internationalen Man Booker Prize an Philip Roth geführt: Kurz nachdem am Mittwoch auf dem Autorenfestival in Sidney die Entscheidung, den mit 60 000 Pfund (68 082 Euro) dotierten Preis an den Amerikaner zu verleihen, bekannt gegeben worden war, verkündete das einzige weibliche Mitglied der dreiköpfigen Booker-Jury seinen Rücktritt aus Protest. Die Begründung der britischen Verlegerin Carmen Callil (Gründerin der feministischen Virago Press) ist saftig. Über Roth sagt sie: „Er macht immer weiter und weiter über immer das selbe Thema in jedem einzelnen Buch. Es ist, als säße er auf deinem Gesicht und du könntest nicht atmen.“

Callil die sich von ihren beiden Jury-Kollegen, dem amerikanischen Antiquar, Verleger und Autor Rick Gekoski und dem südafrikanischen Schriftsteller Justin Cartwright völlig übergangen fühlte, geht in ihrer Tirade gegen Roth sogar noch weiter. Der Telegraph zitiert sie: "Ich halte ihn noch nicht mal für einen Schriftsteller. Ich habe deutlich gemacht, dass ich ihn nie auf die Longlist gesetzt hätte, deshalb war ich überrascht, als er dort blieb. Er war der einzige, den ich nicht bewundere - alle anderen waren in Ordnung. Roth berührt etwas im Kern von ihrem [Cartwrights und Gekoskis] Wesen. Aber ganz sicher nicht in meinem. Des Kaisers neue Kleider. Wird ihn in 20 Jahren irgendjemand noch lesen?"
Die Roth-Ausgabe der American Library

Der Man Booker Prize International wird im Gegensatz zum normalen Man Booker Prize nicht jährlich für ein aktuelles Werk verliehen, sondern alle zwei Jahre für das Lebenswerk eines Autors. Er ist reserviert für Autoren, die entweder in Englisch schreiben oder deren Werk überwiegend ins Englische übersetzt ist – ein Kriterium, dass eher obskure Kandidaten, wie sie manchmal den Nobelpreis gewinnen, von vornherein ausschließt. Die letzten Gewinner waren 2005 der albanische Romancier Ismael Kadaré, 2007 der Nigerianer Chinua Achebe und 2009 die Kanadierin Alice Munro. Roths Konkurrenten waren in diesem Jahre u. a. Rohinton Mistry, John Le Carré, Juan Goytisolo, Amin Malouf, Su Tong, Philip Pullman and Anne Tyler. 

 Der Jury-Sprecher Gekoski sagte, nachdem er von Calills Rücktritt gehört hatte: "Bei einem Feld von Nominierten, zu dem Roth gehört, - sagen Sie mir, wen wir da sonst hätten wählen können?" Der Guardian zitiert ihn mit einer Hymne auf Roth: "1959 schreibt er ;Goodbye, Columbus' und es ist ein Meisterwerk, großartig. 50 Jahre später ist er 78 Jahre alt und er schreibt ,Nemesis' und es ist so wundervoll, so ein grandioser Roman. Nennen Sie mir irgendeinen anderen Autor, der 50 Jahre lang Meisterwerke schreibt."

Roth gilt als der bedeutendste lebende amerikanische Schriftsteller. Seit Jahren ist er ein notorischer Kandidat für den Literatur-Nobelpreis. Aber es gibt auch viele Menschen, vor allem Frauen, die ihm vorwerfen, sich  in seinen Büchern nur noch mit der nachlassenden Sexualität alter Männer zu beschäftigen. Die Kritik ist erstens falsch, denn mindestens zwei seiner neueren Romane "Indignation" und "Nemesis" handeln von jungen Männern in den Vierziger- und Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Zweitens schreibt Roth einfach so gut, dass er er selbst einem inkontinenten und impotenten Greis wie Nathan Zuckerman (seinem Alter Ego in vielen Romanen) in "Exit Ghost" eine Größe und Würde verleiht, die weit über irgendwelches rein biographisches Gejammer hinausgeht. Gar nicht zu reden von "The Human Stain" oder "The Dying Animal", wo die Sexualität kaum mehr ist als die Antriebskraft für Konflikte, die größer sind als jeder Schwanz.

Aber okay. Ich bin gerade dabei, mir gerade die sechsbändige Roth-Werkausgabe der American Library (dem US-Gegenstück zur Bibliothek der Deutschen Klassiker oder zur französischen Pleiade), in die Roth als einziger lebender Autor aufgenommen wurde,  nach und nach zu kaufen. Also bin ich wohl ein bisschen voreingenommen. Aber das scheint mir Frau Callil auch zu sein.

Der "Guardian"-Kritiker Robert McCrum beschimpft Carmen Callil als notorische Skandalnudel: "Immer schon, seitdem sie die Virago Press gegründet hat, war sie wild auf Schlagzeilen. Diejenigen im britischen Buchbetrieb, die sie kennen, werden jetzt nur mit den Schultern zucken und sagen: Ach, die nun wieder..." Und er stellt eine naheliegende Frage. Wenn sie es so offensichtlich nicht geschafft hat, ihre beiden Mitjuroren von der totalen Nichtigkeit Roths zu überzeugen: "Warum hat sie sich dann nicht früher aus der Jury zurückgezogen?"

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