Montag, 30. Mai 2011

Eine einseitige Liebesaffäre

Alfred Pringsheim
Mit zwei Jahren Verspätung habe ich jetzt endlich Wilhelm von Sternburgs schöne und informative Joseph-Roth-Biographie gelesen. Und bin erneut darüber aufgeklärt worden, wie absolut an den Haaren hergezogen das alte antisemitische Vorurteil ist, die Juden würden einen tiefsitzenden Hass gegen alles Deutsche empfinden. Sternburg schreibt: "Zu den erstaunlichen Phänomenen des assimliierten Judentums in Österreich und Deutschland gehört, dass es einerseits seine große, nie gebrochene Liebe zur deutschen Klassik behält, andererseits aber viele jüdische Intellektuelle nach der Jahrhundertwende zu den Protagonisten der künstlerischen Moderne Westeuropas zählen." (S. 109) Lessing, Schiller, Goethe, Kleist oder Hölderlin, Schubert, Schuman und Wagner seien immer die bewunderten Dichter und Komponisten in den bürgerlich-jüdischen Bildungshaushalten geblieben. Als Beispiel nennt Sternburg Alfred Pringsheim, den Schwiegervater Thomas Manns, der ein Anhänger und Mäzen Wagners war, obwohl Wagners Schrift "Das Judentum in der Musik" einen Blick in eine zutiefst vom Hass zerfressene Antisemitenseele gewährt.

Sternburg zitiert auch aus der Totenrede, die Stefan Zweig auf Joseph Roth verfasste (S. 110). Darin schreibt Zweig, es sei eine der gemeinen Lügen der Nationalsozialisten, "daß die Juden in Deutschland jemals Haß oder Feindseligkeit geäußert hätten wider die deutsche Kultur. Im Gegenteil, gerade in Österreich konnte man unwidersprechlich gewahren, daß in all jenen Randgebieten, wo der Bestand der deutschen Sprache bedroht war, die Pflege der deutschen Kultur einzig und allein von Juden aufrecht erhalten wurde." Ernst Toller, der seine Jugend in Westpreußen verbrachte, bestätigt das: "Die Juden fühlten sich als Pioniere deutscher Kultur. In den kleinen Städten bildeten jüdische bürgerliche Häuser die geistigen Zentren, deutsche Literatur, Philosophie und Kunst wurden hier mit einem Stolz, der ans Lächerliche grenzt, ,gehütet und gepflegt'." (ebda.) Und Roth selbst schrieb 1927: "Dem Ostjuden ist Deutschland ... immer noch das Land Goethes und Schillers, der deutschen Dichter, die jeder lernbegierige jüdische Jüngling besser kennt als unser hakenkreuzlerischer Gymnasiast." (ebda.)

Diese Neigung zum Deutschtum (um einem komplett aus der Mode gekommene Wort mal wieder die Ehre zu erweisen) zeigte sich nicht nur in der Kultur, sondern auch in der Politik. Brigitte Hamann beschreibt in ihrem Standardwerk "Hitlers Wien" (die Seite kann ich nicht angeben, da ich das Buch nicht zur Hand habe), wie zerstritten und gelähmt vom Streit der Nationalitäten das österreichische Parlament in den letzten Jahrzehnten vor dem 1. Weltkrieg war. Gegen die deutschen Österreicher waren sich alle lange unterdrückten und nun aufbegehrenden Völker des vielgestaltigen Kaiserreichs einig. Nur eine Gruppe war grundsätzlich immer bereit, zusammen mit den Deutschnationalen und für die deutschen Belange zu stimmen - und obendrei war sie absolut Habsburg-treu und verehrte den alten Kaiser Franz Joseph mit quasireligiöser Inbrunst: die Juden. Doch Hamann stellt auch nüchtern fest, dass diese Angebote einer Allianz von den Deutschnationalen (bis auf wenige hellsichtige Ausnahmen) mit einer Mischung aus Hochmut, Hass und völliger Verkennung der eigenen schwindenden Machtposition abgelehnt wurde. Das Klima wurde geprägt von Hitlers antisemitischen Lehrmeistern Lueger und Schönerer.  Vernunft gedieh darin nicht.

Sebastian Haffner hat schon 1978 in seinem klassischen Buch "Anmerkungen zu Hitler" den Grundirrtum der klassischen deutschen Rassenantisemiten auf den Punkt gebracht: "Gute Patrioten waren die Juden seit ihrer Emanzipation in allen westlichen Ländern geworden. Aber nirgends hatte dieser jüdische Patriotismus so glühende, tief emotionale Züge angenommen wie gerade in Deutschland. Man kann von einer jüdischen Liebesaffäre mit Deutschland sprechen, die sich in dem Halbjahrhundert vor Hitler abgespielt hat (...) Und gewiß ist, daß dabei die Juden der liebende Teil waren; die Deutschen ließen es sich allenfalls, geschmeichelt und ein bißchen befremdet, gefallen, von ihren jüdischen Landsleuten angeschwärmt zu werden - soweit sie es nicht als jüdische Aufdringlichkeit abwerten." Haffner weist auch darauf hin, wieviel Deutschland von dieser jüdischen Liebe profitiert hat. Nicht nur auf dem Gebiet der Kunst - die zählt ja für die meisten Antisemiten eh nicht. Sondern deutsche Juden seien auch ganz hervorragend daran beteiligt gewesen, dass Deutschland im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in Wissenschaft und Wirtschaft zum ersten Mal England und Frankreich deutlich den Rang ablief. (S. 118) "Bis zu Hitler lag das Weltzentrum der Atomforschung in Göttingen; 1933 verlagerte es sich nach Amerika. Es ist eine interessante Spekulation, daß ohne Hitlers Antisemitismus wahrscheinlich Deutschland, und nicht Amerika, als erste Macht die Atombombe entwickelt haben würde."

Vor diesem Hintergrund ist umso unfassbarer, wie sehr sich die Nazis auch heute noch an ihr klassisches Feindbild klammern. Innerhalb der braunen und bräunlichen Szene gibt es ja heftige Debatten über den Erfolg rechtspopulistischer Politiker wie Geert Wilders in den Niederlanden, die eher den Islam als Gefahr für das Abendland ansehen und Juden durchaus als potenzielle Verbündete gegen die Muslime betrachten. Viele traditionelle Nazis sehen darin bloß ein Ablenkungsmanöver und halten Wilders für eine Marionette des Weltjudentums.

Das sollen die unter sich ausmachen. Ich allerdings bringe nach der Lektüre von Sternburg, Hamann, Haffner usw. ein bißchen Verständnis für den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan auf. Der warnt seine Landsleute in Deutschland bekanntlich davor, sich allzu sehr zu assimilieren. Und weist darauf hin, dass die geradezu perfekte Assimilation der Juden einst die Deutschen auch nicht davon abgehalten hätte, sie umzubringen.

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