Donnerstag, 5. Mai 2011

Die Wirklichkeit sieht leider anders aus als bei Ken Adams

Vorbildlich: Tony Montanas Haus
Ich bin wahrscheinlich nicht der einzige, der maßlos enttäuscht von der Banalität der Behausung von Osama Bin Laden ist. Zwar durfte man bei einem religiösen Fanatiker wohl kaum so ein cooles pompöses Gangsterschloss erwarten, wie es Tony Montana in "Scarface" bewohnt. Doch die öde Beton-Architektur der Bin Ladenschen "Villa" erinnert an einen illegal hochgezogenen Bau in den Slums von Neapel. Die Bezüge des Bettes, auf dem er angeblich erschossen wurde, sind so hässlich, dass kein Odachlosenasyl das Möbel als Spende angenommen hätte. Und das Foto vom Regal mit den viele Pillen gewährte Einblick in das trostlose Leben eines Mannes, der offenbar kranker war, als es in seinem Alter normal gewesen wäre. Immerhin war er gerade mal vier Jahre älter als ich, aber dieses von regelmäßiger Medikamenteneinnahme geregelte Leben kenne ich eigentlich nur aus der Generation meiner Mutter und meiner Schwiegereltern.

Man hatte Osama ja bekanntlich in einer Höhle vermutet. Das wäre ein weitaus angemessenerer Wohnort für einen First-Class-Finsterling gewesen. Osama wurde ja gerne als "Terrorfürst" bezeichnet. Ein wunderbares Wort, dass an den originalen und ursprünglichen Weltbösewicht Nr. 1 erinnert: Den Fürsten der Finsternis, dessen Wohnsitz, die Hölle, etymologisch ganz eng mit der Höhle verwandt ist. Seit Satan dort einzog, galten weitläufige Anlagen in der Unterwelt immer als ein angemessener Sitz für Superschurken - noch Adolf Hitler bewies mit seinem Untergang im Bunker einen feinen Sinn dafür, was sich in Massenmörderkreisen gehört.

Die Vulkanhöhle in "Man lebt nur zweimal"
 Unsere heutige Vorstellung von derartigen unterirdischen Kommandozentralen ist allerdings geprägt von den Verstecken all der  Bond-Bösewichte, die der Filmarchitekt Ken Adams in den Sechziger- und Siebzigerjahren entworfen hat. Das vielleicht legendärste ist der erloschene Vulkan in "Man lebt nur zweimal" (1967), von dem aus Bonds ewiger Widersacher Ernst Stavro Blofeld die Welt mit Raketen bedroht. (hier erzählt Adams, wie ihm die Idee für das Gebäude kam). Ich bin mir fast sicher, dass der von englischen Lehrern erzogene und früher gegenüber westlicher Popkultur durchaus aufgeschlossene Bin Laden diesen Film kannte und sich als Versteck eher etwas in der Art von Blofelds Höhle gewünscht hätte. Sinn für dramatische Inszenierungen besaß er ja zweifellos. Aber wenigstens wurde er nicht in einem Erdloch erwischt, dieser kläglichen Travestie einer Tyrannenhöhle.  Nichts hat gründlicher verhindert, dass Saddam Hussein nach seinem Tode zum Märtyrer wurde, als die Jämmerlichkeit seines letzten Aufenthaltsorts.


Das von Adams für Blofeld designte Vulkan-Versteck war deswegen so genial, weil es zwei archetypische Superschurken-Wohnsitze miteinander kombinierte: die Höhle und die Bergfestung. So wie die Höhle auf Satan selbst zurückgeht, hat auch die Bergfestung eine lange Tradition: Die Vorstellung, dass Verbrecher großen Stils sich raubvogelgleich in einem unzugänglich hoch gelegenen Anwesen verschanzen, geht wohl zurück auf den "Alten vom Berge", den Anführer der (mittlerweile durch ein Computerspiel wieder populär gewordenen) Mord-Sekte der Assasinen, die im Mittelalter die islamische Welt durch massenhafte politische Morde erschütterten. Auch die westlichen Raubritterburgen prägten wohl die Vorstellung einer solchen Schurkenfestung mit. Noch heute lebt ja im Deutschen das schöne Wort "Hochburg", dessen Begriffswert mittlerweile aber ziemlich neutral ist. "Hochburgen" hatten die Serben im jugoslawischen Bürgerkrieg genauso wie die SPD in Nordrhein-Westfalen.

Jüngere Manifestationen einer solchen mythischen Burg des Bösen sind einerseits die Schlösser in den diversen "Dracula"-Filmen, andererseits Hitlers Obersalzberg und erst recht seine für den Endkampf herbei imagnierte "Alpenfestung". Das Schöne an der Vorstellung, dass Osama Bin Laden sich unterirdisch in der unzugänglichen pakistanischen Landschaft Waziristan versteckt halte, war ja, dass solch ein Aufenthaltsort gleich zwei Archetypen des Bösen-Wohnorts in sich vereinigt hätte: Die Höhle und die Bergfestung.

Stattdessen wohnte Osama in einem "compound". So nennen die englischsprachigen Medien (z. B. die New York Times), das Anwesen in Abbottabad mit seinen Mauern und Nebengebäuden. Das Ironische daran ist, dass auch Mummar al-Gaddafis festungsgleich ausgebauter Gebäudekomplex Bab al-Asisija in Tripolis immer als "compound" bezeichnet wird (hier Beispiele aus NYT und Guardian.) "compound" übersetzt das Wörterbuch mit "Verbund", "Mischung", "Zusammensetzung" - es klingt nach etwas, was man in einem deutschen Baumarkt kaufen. Für die zusammengewürfelte betonierte Hässlichkeit der Häuser von Bin Laden und Gaddafi ist das Wort jedenfalls absolut angemessen.

Aber nicht nur Bin Ladens Versteck entsprach leider überhaupt nicht unseren romantisch überhöhten Vorstellungen. Auch der "Situation Room" des Weißen Hauses, in dem Präsident Barack Obama, Hillary Clinton und die anderen den Zugriff aus Osama verfolgten, war leider eine Riesenenttäuschung. Das mittlerweile weltberühmte Foto sah aus wie eine Gruppe von Kleingärtnern, die sich im Vereinslokal ein Uefa-Cup-Spiel von Bayer Leverkusen anschaut. Nicht nur wir ahnungslosen Deutschen stellen uns den Raum, in dem der Präsident einer Weltmacht militärische Operationen live verfolgen kann, irgendwie glamouröser vor: Auch Ronald Reagan soll, als er 1981 ins Weiße Haus einzog,  ganz enttäuscht gefragt, wo denn der "War Room" sei. Er glaubte zu wissen, wie dieser Raum aussieht, weil er Stanley Kubricks Film "Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" (1964) gesehen hatte. Von dort aus versuchte der US-Präsident (Peter Sellars) mit seinen Generälen, Ministern und Beratern in letzter Minute einen Atomkrieg zu verhindern.

Auch von Ken Adams: Der "War Room" in "Dr. Seltsam"
Die ironische Pointe des Ganzen ist aber, dass auch dieser "War Room", genau wie Blofelds Vulkan-Höhle, von Ken Adams gestaltet wurde. Kubrick hatte den ersten James-Bond-Film "Dr. No" gesehen und geliebt. Jetzt wollte er den Set-Designer für seine eigene Produktion haben. Es gibt sogar eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem "War Room" und dem Raum aus "Man lebt nur zweimal": Bei beiden kommt das Licht aus einer kreisförmigen Quelle von oben. Im Vulkan fällt es durch die natürliche Öffnung des Kraters, die bei Bedarf auch verschlossen werden kann, wie das Schiebedach eines modernen Fußballstadions. Im "War Room" stammt es vom einem gigantischen Glühbirnenring über einem riesigen Konferenztisch. Auf Kubricks Wunsch wurde der Tisch mit grünem Samt beschlagen - obwohl der Film schwarzweiß gedreht wurde -, denn die Darsteller sollten das Gefühl bekommen, sie würden eine gigantische Partie um die Zukunft der Welt spielen.

Von solcher Raffinesse ist der echte "Situation Room" im Weißen Haus leider Lichtjahre entfernt. Aber dafür geht am Ende von "Dr. Seltsam" auch die Welt unter, und am Ende des Gernsehabends im realen Washington starb nur Osama Bin Laden. Da lebe ich doch lieber in einer hässlichen Welt, als in einer schönen Welt tot zu sein.

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