Montag, 18. April 2011

Wiedersehen in Havanna - Margot Honecker und der Stechschritt

Margot Honecker muss sich wie zu Hause gefühlt haben, als sie am Samstag in Havanna neben dem kubanischen Staatschef Raul Castro eine Militärparade abnahm. Nicht allein wegen der roten Fahnen und der altbekannten Revolutionsrhetorik, die zum 50. Jahrestag der gescheiterten Invasion von Antikommunisten in der Schweinebucht noch einmal florierte, sondern vor allem wegen des Stechschritts der paradierenden Soldaten. Denn die DDR gehört zu den Ländern, in denen jenes Relitk preußischer Militärtradition noch gepfelgt wurde und zwar - wie dieses Video von der Parade zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung beweist - meistens in der gemäßigten Variante, bei der die gestreckten Beine der Soldaten nur bis auf Kniehöhe gehoben wurden, statt, wie in der klassischen besonders zackigen Form, bis auf Hüfthöhe.

NVA-Ehrenwache vor der Neuen Wache in Berlin Foto: Michail Jungierek
Ich kann mich gut erinnern, dass eine britische Zeitung  irgendein militärisches Zeremoniell der DDR, das im Herbst 1990 zum letzten Male vollzogen wurde (vermutlich der Aufmarsch der NVA-Ehrenwache vor der Neuen Wache Unter den Linden in Berlin) mit der schönen Schlagzeile "The goose step get's his marching orders" kommentierte.

Damit wurde eine deutsche Militärtradition abgebrochen, die bis zur preußischen Armee des 18. Jahrhunderts zurückreichte. Der Stechschritt gilt in angelsächsischen Ländern bis heute als typisch deutsch. Wahrscheinlich finden britische und amerikanische Touristen es zutiefst bedauerlich, dass sie nirgendwo mehr solche zackig  paradierenden Soldaten mehr zu sehen bekommen. Auf jeden Fall ist der englischsprachige Wikipedia-Artikel über den goose step wesentlich länger und besser als der deutsche über den Stechschritt.

Eingeführt wurde der "preußische Paradeschritt" von Leopold I., Fürst von Anhalt-Dessau, der einer der wichtigsten Heeresreformer und Feldmarschälle Friedrichs des Großen war, und als "der Alte Dessauer" volkstümlich wurde. Als sich nach dem deutsch-französischen Krieg überall auf der Welt Länder die siegreiche preußisch-deutsche Armee zu Vorbild nahmen, breitete sich diese Praxis bis nach Südamerika aus. In Russland war der Stechschritt schon unter Zar Paul I. (1796-1801) eingeführt worden, später übernahm in auch die Rote Armee und von dort gelangt er in kommunistische Staaten aus, die ihn noch nicht kannten. In Kuba war er allerdings schon der kommunistischen Epoche eingeführt worden, wie dieses Video einer Parade am Unabhängigkeitstag 1939 in Havanana beweist, bei der Soldaten im gemäßigten Stechschritt mitmarschieren. Den richtig zackigen Stechschritt pflegen in Kuba Soldaten beiderlei Geschlechts heute z. B. bei der Wachablösung am Mausoleum des Nationalhelden José Marti.

Zwar verlor der Stechschritt Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Angriff in geschlossener Formation angesichts der Feuerkraft moderner Gewehre zu einem Selbstmordkommando wurde, jeden taktischen und praktischen Sinn. Aber bis zuletzt galt diese besonders schwierige Art zu marschieren als Inbegriff von Drill und Disziplin. Der jüdische Philologe Victor Klemperer erinnert sich in "LTI", seinem epochalen Buch über die Sprache der Nazis, wie er am 8. Juni 1932 im Kino eine Wochenschau sah:

"Die Szene spielte nach dem Antritt der Regierung Papen; sie hieß:  'Tag der Skagerrakschlacht. Marinewache für das Präsidentenpalais zieht durch das Brandenburger Tor.'

Ich habe in meinem Leben schon viele Paraden gesehen, in der Wirklichkeit und im Film; ich weiß, was es mit dem preußischen Paradeschritt auf sich hat - wenn wir auf dem Oberwiesenfeld in München gedrillt wurden, hieß es: So gut wie in Berlin müßt ihn hier mindestens machen! Aber nie zuvor, und was mehr sagt, auch niemals hinterher, trotz aller Paraden vor dem Führer und aller Nürnberger Vorbeimärsche, habe ich etwas Ähnliches gesehen wie an diesem Abend. Die Leute warfen die Beine, dass die Stiefelspitzen über die Nasenspitzen hinauszuschwingen schienen, und es war wie einziger Schwung, wie ein einziges Bein, und es war in der Haltung all dieser Körper, nein: dieses einen Körpers eine so krampfhafter Anspannung, daß die Bewegung zu erstarren schien, wie die Gesichter schon erstarrt waren, daß die ganze Truppe ebensosehr den Eindruck der Leblosigkeit wie der äußersten Belebtheit machte."

Klemperer starb 1960. Er blieb in der DDR, nachdem er die Nazizeit dank seiner "arischen" Frau, die sich nicht von ihm scheiden ließ, überlebt hatte. Die Gründung der NVA 1956 hat er noch erlebt. Gerne wüsste ich, ob er einmal deren Soldaten im Stechschritt marschieren gesehen hat und was er dabei gedacht hat.

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